ein Zug in WyomingBereits 1643, dem Jahr des Zusammenschlusses der vier Neu-England-Kolonien zu einem Bündnis, rechtfertigten die europäischen Einwanderer ihren Vernichtungsfeldzug gegen die amerikanischen Ureinwohner dadurch, dass «der Indianer […] nicht mehr Seele als ein Büffel [hat].»[1] Auch die Religion diente zur Rechtfertigung der Vernichtung. So hiess es etwa: «…ein Volk, das so verflucht, eine Nation, die so undankbar und aller Güte unfähig sei, [sei] aus ihrem Dasein auszurotten.»[2] Im Vernichtungskrieg der Siedler von Massachusetts gegen den Häuptling der Narragansett, Metacomet (‘King Philip’), bezeichnete der Prediger William Hubbard die Ureinwohner als «verräterische Schufte», «Auswurf der Menschheit», «Unrat und Bodensatz der Erde» sowie «Ungeheuer ohne Glauben und Dankbarkeit».[3] Nach einer Vernichtung eines Stammes folgte aus Angst vor der Rache durch die Überlebenden wieder ein neuer Vernichtungsfeldzug. Den Zyklus «Hass, Vernichtung, Angst, Rache» gegenüber den Ureinwohnern haben die Einwanderer und später die Amerikaner bis in die Gegenwart mit äusserster Brutalität betrieben.[4]

Gewalt wurde in den USA insbesondere nach dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 auch gegen Weisse ausgeübt. Dies traf speziell auf jene Territorien, aus denen die Ureinwohner vor nicht allzu langer Zeit vertrieben worden waren, zu. In den Territorien westlich des Mississippi wurde die Lynchjustiz gegen überführte oder mutmassliche Verbrecher mit der Abwesenheit der staatlichen Ordnung gerechtfertigt. Verbrecher und Unschuldige wurden ohne Gerichtsurteil durch einen Mob gelyncht (gehängt).[5] Eine berüchtigte Lynchjustiz betrieb der Ku Klux Klan nach 1865 in den besiegten Südstaaten gegen Schwarze und missliebige Politiker und Journalisten. Zwischen 1882 bis 1903 dürfte diese kriminelle Organisation in den Südstaaten für das Hängen von 2’585 Menschen verantwortlich gewesen sein.[6]

Eine andere Art des Tötens von Gegnern ohne Gerichtsurteil war die Fehdejustiz. Im Pleasent Valley (Tontn Basin) in Arizona rotteten sich die beiden Familien Graham und Tewksbury von 1882 bis 1893 durch Mord aus dem Hinterhalt und Duelle bis auf den letzten Mann gegenseitig aus. Das Tal war aufgrund des Anwachsens der eigenen Rinderherden für die beiden Familien zu klein geworden.[7]

Die Feindschaft zwischen Rinder- und Schafzüchtern um Weiderechte führte von 1889 bis 1892 im Johnson County in Wyoming zu einem mörderischen Privatkrieg. Ohne Rücksicht liessen Rinderbarone kleine Rancher, Farmer und Schafzüchter durch angeheuerte Revolvermänner und Killer umbringen. Gerichtsverhandlungen gegen die Mörder verliefen ergebnislos oder wurden eingestellt. Erst 1893 trat aufgrund der Wahlen, die zur Niederlage der Republikaner führten, in Wyoming eine politische Änderung ein. Die Grossrancher mussten sich mit der Anwesenheit und den Besitzansprüchen der kleinen Farmer und Rancher abfinden.[8]

Ein anderer Anlass für mörderische Privatkriege war die Errichtung von Stacheldrahtzäunen, die zum Schutz der eigenen Herden und dem Absperren des Zugangs zu Wasserstellen gegenüber Konkurrenten errichtet wurden. Nacht für Nacht zerstörten maskierte Männer die Zäune, so in den texanischen Zaunschneiderkriegen. Die Betroffenen übten Vergeltung aus.

Die Niederlage im Bürgerkrieg bewirkte, dass sich junge Soldaten und Offiziere der ehemaligen Südstaatenarmee zu Banden organisierten und Postkutschen, Banken und Eisenbahnzüge überfielen und dabei rücksichtlos Unschuldige ermordeten. Durch diese Banden wurden ganze Gebiete rechtlos. So herrschte in Wyoming 1868 in der Ortschaft Bear River das reine Faustrecht.[9] Vielfach konnten sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Justiz und das Recht in diesem sogenannten Wilden Westen (Far West, eigentlich Ferner Westen) durchsetzen.

Die USA sind aber nicht nur durch die Rechtlosigkeit, die von 1865 bis 1900 im Far West herrschte, berüchtigt geworden. Sie sind einer der wenigen Staaten, in denen in der neueren Geschichte das Staatsoberhaupt durch irgendwelche Fanatiker ermordet wurde. Dabei sei an Abraham Lincoln und John F. Kennedy erinnert.

Die USA dürften auch jener Staat sein, der sich nach seiner Unabhängigkeit von 1783 immer wieder im Krieg gegen andere Staaten befand. Dabei seien der Krieg gegen Grossbritannien 1812-14, der Krieg gegen Mexiko 1846-48, der Krieg gegen Spanien 1898 und der Krieg gegen das Deutsche Reich 1917-18 erwähnt. Für die neuere Zeit sei an den Krieg in Afghanistan, der seit 2001 tobt, und an den Krieg im Irak, der seit 2003 nie aufgehört hat, erinnert. Schlussendlich ist darauf hinzuweisen, dass der Krieg gegen die amerikanischen Ureinwohner, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts einsetzte, nie aufgehört hat.

Die Geschichte der USA ist ein Abbild ihrer immer wieder zur Gewaltausübung bereiten Gesellschaft. Der Massenmord in Las Vegas wird nicht der letzte Gewaltakt dieser Art gewesen sein.[10]

[1] Nostitz, von, S., Die Vernichtung des Roten Mannes, Dokumentarbericht, Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf-Köln, 1970, S. 23.

[2] Nostitz, von, S., S. 26.

[3] Nostitz, von, S., S. 28.

[4] Nostitz, von, S., S. 28.

[5] Kügler, D., Der Sheriff, Recht und Gesetz im Wilden Westen, Paul Pietsch Verlag, Stuttgart, 1977, Sonderausgabe für Gondrom Verlag GmbH & Co. KG,  Stuttgart, 1995, S. 53ff.

[6] Kügler, D., S. 75.

[7] Kügler, D., S. 77-90.

[8] Kügler, D., S. 114.

[9] Kügler, D., S. 134.

[10] Tavernise, S., Kovaleski, S.G and J. Turkewitz, The mystery of the Las Vegas gunman, in: The New Times International, October 9, 2017, P. 6.

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