Barrikade vor dem Rundfunkgebäude in Prag, August 1968. Lizenz CTK vorhanden.
Barrikade vor dem Rundfunkgebäude in Prag, August 1968. Lizenz CTK vorhanden.

Im August 2017 jährte sich zum 49. Mal der Jahrestag der Intervention der UdSSR und Warschauer Pakt Staaten in der Tschechoslowakei. General A. Majorow hat in seinem Buch ‚Invasion‘ die umfassenden Vorbereitungen detailliert beschrieben.

Die Reformbewegung in der Tschechoslowakei 1968, auch Prager Frühling genannt, hat die Sowjetunion und ihre Bündnispartner, vor allem die DDR, beunruhigt. Die Sowjetunion fühlte ihre sozialistische Ideologie und ihre Machtbasis durch diese Reformen bedroht und verfolgte seit April 1968 eine Doppelstrategie: Sie versuchte einerseits durch Propaganda und Verhandlungen mässigenden Einfluss auf die tschechoslowakische Partei- und Regierungsführung auszuüben, und andererseits hat sie seit April 1968 eine militärische Intervention vorbereitet. Im Westen der Sowjetunion wurden militärische Einheiten zusammengezogen und in der Tschechoslowakei fanden Militärmanöver mit der tschechoslowakischen Armee statt, wobei der Rückzug der sowjetischen Einheiten sich immer wieder verzögerte. Dabei ging es einerseits um die eigenen Einheiten in Bezug auf Mobilität und Kampfkraft zu testen, und andererseits die tschechoslowakische Armee bezüglich Bereitschaft und Reaktion auf eine eventuelle sowjetische Invasion einzuschätzen. Der Entscheid militärisch zu intervenieren erfolgte auf höchster politischer (Politbüro der KPdSU unter Generalsekretär der KPdSU L. Breschnew) und militärischer (Verteidigungsminister A. Gretschko) Ebene nach Abwä-gung aller Risiken und nach aus ihrer Sicht erfolglosen politischen Konferenzen in Karlovy Vary und Cierna n.T. Um keine internationalen Spannungen aufkommen zu lassen, wurden die USA vorab über die Invasion durch den sowjetischen Botschafter A. Dobrynin informiert.

An der Intervention nahmen nebst sowjetischen Einheiten (die 1., 20. und 38. Armee) auch Kampfeinheiten aus Polen, Ungarn und Bulgarien sowie Stabsabteilungen aus der DDR teil, Rumänien hat sich daran nicht beteiligt. Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, wurden alle Waffengattungen inkl. Kriegsmarine (Admiral S. Gorschkow) und Strategische Raketeneinheiten (Marschall Krylow) mit Atomwaffen in höchste Alarmbereitschaft versesetzt. Unter dem Oberkommando von Armeegeneral I. Pawlowskij nahmen an der Invasion rund 30 Divisionen mit rund 250’000 Soldaten, 3‘000 Panzern und 6‘000 Militärfahrzeugen teil. Die Invasion begann um Mitternacht, die Luftlandetruppen haben die Führungsspitze in Prag noch in der Nacht festgesetzt und in die UdSSR transportiert, alle übrigen Kampfeinheiten haben ihre Ziele in den Städten in den ersten Morgenstunden erreicht. Für die minuziöse Vorbereitung und reibungslose Durchführung der Intervention war General Alexander Majorow mitverantwortlich. Er ist danach als Kommandant der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte Mitte bis 1972 in der CSSR geblieben.

Es ist evident, dass die tschechoslowakische Armee ohne Vorwarnung und Vorbereitung nichts gegen das schnelle Vordringen dieser gewaltigen Streitmacht ausrichten konnte, sie hat keinen Befehl zur Verteidigung des Landes erhalten. Lediglich vor dem Rundfunk in Prag errichteten Zivilisten eine Barrikade, um die Besetzung des Gebäudes und Unterbrechung der Sendung zu verhindern. In 1968 starben 137, bis 1990 dann insgesamt über 400 Tschechen und Slowaken. Die Intervention stiess auf einhellige Ablehnung und passiven Widerstand der ganzen Bevölkerung der Tschechoslowakei. Die UdSSR musste mit der gewählten Führung der CSSR über die Stationierung sowjetischer Soldaten und politische Normalisierungsmassnahmen verhandeln, weil sich eine Marionettenregierung nicht aufstellen liess. Trotz aller Rechtfertigungsversuche der Intervention als ‘Breschnew-Doktrin‘ über die beschränkte Souveränität sozialistischer Staaten, bedeutete die Intervention für die UdSSR einen riesigen Imageverlust als sozialistisches Vorbild und einen irreparablen Schaden ihrer ‚friedlichen‘ Aussenpolitik. Die Invasion wurde durch alle demokratischen Staaten abgelehnt, den über 100‘000 Flüchtlingen schwappte im Westen eine Welle der Sympathie entgegen und sie half den ‚Helsinki‘ und KSZE Prozess in Gang zu setzen. Der UdSSR ist es gelungen, die Reformbewegung in der CSSR unter einem strengen Normalisierungsregime durch Zensur und Säuberungen zu unterdrücken und alle sozialistischen Staaten gleichzuschalten. Sie vermochte jedoch nicht die verschiedenen in- und ausländischen Demokratie- und Menschenrechtsbewegungen zu kontrollieren und ihre Wirtschaft zu modernisieren. Im Folgenden führte diese Status-Quo Politik zur politischen und wirtschaftlichen Stagnation nicht nur in der CSSR, sondern im ganzen Ostblock, allem voran in der UdSSR, und gipfelte 1990 im Zusammenbruch des ganzen sozialistischen Systems. Mitte 1990 begann der Rückzug der sowjetischen Truppen aus der CSSR.

Georg Vancura, August 2017. Ich habe die Okkupation in 1968 in Prag direkt erlebt.

 

Quelle: A. Majorow schrieb mit Wladimir Wedrasko das Buch ‘Invaze’ (Invasion), Tschechoslowakei 1968. Bericht des Kommandanten. Verlag Mlada Fronta, Praha 2014. Dieses Buch ist nicht mehr in Russland, sondern nur in Tschechisch in Prag erhältlich.

General Alexander Majorow war Kommandant der 38. Armee im Westlichen Militärbezirk der UdSSR, danach Kommandant eines Teils der Interventionstruppen des Warschauerpaktes in der CSSR im August 1968 und anschliessend Kommandant der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte Mitte in der CSSR bis 1972.

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