Die verlassene Stadt (Geisterstadt) Kraftwerk der GeisterstadtAufgrund der UN-Konvention mit den 200-Seemeilen-Grenzen kann Russland ca. 40 Prozent der Arktis für sich beanspruchen. Zwei Seestrassen bieten im Sommer die Möglichkeit die Arktis zu durchqueren, die Nordwestpassage und der Nördliche Seeweg. Trotz der Erderwärmung dürfte nach wie vor nur der Nördliche Seeweg im Sommer für die Schifffahrt vollständig benutzbar sein.[1] Für die Kontrolle seiner Schifffahrtsroute und der beanspruchten Gebiete in der Arktis verfügt Russland über eine Flotte von 40 Eisbrechern. Im Vergleich dazu verfügt Kanada als zweitgrösster Anrainerstaat der Arktis über eine Flotte von 15 Eisbrechern. Die USA ihrerseits haben nur zwei funktionsfähige Eisbrecher.

Russland erscheint aufgrund dieser Angaben als jener Staat, der die Arktis dominiert. Die USA können in diesem Sinne in der Arktis nur als eine zweitrangige Macht bezeichnet werden. Dazu kommt noch, dass Moskau die nach dem Zerfall der UdSSR stillgelegten Militärstützpunkte wieder aktiviert und sie mit erheblichen finanziellen Mitteln modernisiert. Ein Beispiel dafür sind die Fliegerstützpunkte auf dem arktischen Archipel von Novaya Zemlya, der die Karasee von der Barentssee trennt. Dieses Archipel wurde während des Kalten Kriegs bis 1963 für das Testen von nuklearen Gefechtsköpfen in der Erdatmosphäre benützt. Nach dem Abschluss des Vertrages über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser mit den USA wurden bis 1990, dem Ende des Kalten Kriegs, nur noch unterirdische Tests ausgeführt.

Dass die zur Verfügung stehenden Mittel nicht immer für alle Modernisierungsansprüche Moskaus in der Arktis ausreichen, kann am Beispiel der russischen Kohleförderungsstadt Pyramiden im Billefjorden in Svalbard (Spitzbergen) ersehen werden. Die durch die Russen verlassene Geisterstadt bietet einen trostlosen Anblick. Ein anderer Ort, bei dem während des Kalten Kriegs Kohle gefördert wurde, der auch durch die Russen verlassen wurde, ist Grumantbyen im Isfjorden, nahe dem Hauptort Longyearbyen von Svalbard gelegen. Ein gespenstischerer Anblick kann es nicht geben.

Neben den begrenzten finanziellen Mitteln für die Modernisierungsabsichten sieht sich Russland in der Arktis mit weiteren Problemen konfrontiert. Die Ein- und Ausgänge seiner Nord See-Route werden alle durch die Seemacht USA und ihre NATO-Verbündeten kontrolliert. Dazu gehören im Osten die Beringstrasse und die Chukchisee und im Westen die Dänemarkstrasse und das Europäische Nordmeer. Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt: Durch die im Sommer erfolgte Befreiung der arktischen Küste Russlands vom Eis könnte diese arktische Küste zu Einsatzzielen für die gegenüber Russland überlegenen Seestreitkräfte der USA werden.[2]

Die Folgen der Erderwärmung in der Arktis sind für Russland deshalb nicht nur positiv. Im Gegenteil, auch geostrategische Schwächen des Landes treten zunehmend zu Tage. Dazu kommt noch die in begrenztem Umfang zur Verfügung stehenden finanziellen und wirtschaftlichen Mittel für die Modernisierung und den Ausbau der arktischen Stützpunkte. Diese Mittel dürften mit den gesetzten machtpolitischen Zielen nicht vollständig kompatibel sein.

 

[1] The Arctic: A Russian Vulnerability, In: Geopolitical Futures, August 2017, P. 1.

[2] The Arctic, P. 2.

Print Friendly, PDF & Email