NordkapAufgrund der reichen Vorkommen an Fischgründen, an Rohstoffen wie Gas und Erdöl, und der Verbindung zur Nordostpassage um Russland ist die strategische Bedeutung des europäischen Nordmeers heutzutage unbestritten. Interessanterweise ist dieses Nordmeer aber erst mit Beginn des Frühmittelalters durch Seevölker befahren worden. Die ersten, die das Nordmeer als Ausgangspunkt für ihre Beutezüge und ihren Handel ausnützten, waren die Wikinger aus Norwegen und Dänemark. Ihr Piratentum setzte Mitte des 8. Jahrhunderts mit der Plünderung reicher Klöster auf den britischen Inseln ein.[1] Zur Erpressung von Tributen und Erbeutung von Reichtümern fielen sie mit ihren schnellen Schiffen mehrmals im Frankenreich, in den angelsächsischen Königreichen, in Schottland und Irland ein. Neben der Erbeutung von Silber und Gold verschleppten sie Menschen, die sie als Sklaven lukrativ verkauften. Neben dem Piratentum und dem Sklavenhandel betrieben sie einen Handel, der bis nach Bagdad, der Hauptstadt der Abbassiden, reichte. Gleichzeitig gründeten sie in England, Irland und auf den schottischen Inseln, kleine Königreiche. Durch die Besiedlungen der Orkney-, Shetland– und Färöer-Inseln, sowie die Landnahme von Island und der Siedlungen in Grönland, errichteten die Wikinger mit Dänemark und Norwegen im Nordatlantik ein echtes Imperium. Um das Jahr 1000 entdeckte der Norweger Leif Ericson die Küste von Neufundland. Die schwedischen Wikinger, die Waräger, ihrerseits stiessen auf den russischen Flüssen bis nach Konstantinopel vor. Sie gelten als die Begründer des Reichs von Kiew. Als Folge der Überdehnung ihrer Kräfte zerfielen die Wikinger-Reiche ausserhalb Skandinaviens bis 1241. Als exterritoriale Niederlassungen blieben nur die Siedlungen in Island und auf den Orkney-, Shetland- und Färöer-Inseln erhalten. Die Siedlungen auf Grönland dürften zwischen 1450 und 1500 erloschen sein.[2]

Ab dem 14. Jahrhundert errichtete der Städtebund der Hanse schrittweise eine Seemachtstellung im Nordmeer und in der Ostsee und setzte damit, was den Handel und die Vormachtstellung zur See betraf, die Tradition der Wikinger fort. Gegenüber dem dänisch-norwegischen Königreich nahm die Hanse auf dem Höhepunkt ihrer Macht eine Vormachtstellung ein. Ende des 16. Jahrhunderts war der Niedergang der Hanse besiegelt. Den Niedergang der Hanse nutzten die nordeuropäischen Mächte England, Niederlande und Dänemark aus. Die Folge waren Seekriege, in die sich auch Schweden und Russland einmischten.[3] Zur Erringung der Vorherrschaft über das Nordmeer und auch über die Ostsee wurden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschiedene Kriege mit Segelschiffen geführt.

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft trat im Nordmeer und in der Ostsee Ruhe ein. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 änderte sich alles schlagartig. Durch die Errichtung einer Sperre mit Kriegsschiffen von den Orkney- zu den Shetland-Inseln und von da nach Norwegen gelang es den Briten, die kriegerischen Handlungen der Überwasserkampfschiffe des deutschen Kaiserreichs auf die Nordsee zu begrenzen. Grössere Gefechte zwischen Grossbritannien und dem Deutschen Reich waren die Seeschlacht auf der Doggerbank vom 24. Januar 1915 und die Seeschlacht von Jütland (Skagerrak) am 31. Mai 1916.[4] Als Ersatz des Seekrieges mit grossen Überwasserkampfschiffen führte das Deutsche Reich gegen die britische Schifffahrt den U-Boot-Handelskrieg, der bis vor die Küsten der USA reichte und schlussendlich auch die USA zum Kriegseintritt provozierte.[5]

Im Zweiten Weltkrieg wurde durch die Besetzungen von Dänemark und Norwegen durch das Dritte Reich ab dem 9. April 1940 das europäischen Nordmeer zu einem der ausgedehntesten Kriegstheater des Zweiten Weltkrieges. Folgende Ereignisse verdeutlichen dies:

  • am 8. Juni 1940 versenkt ein deutsches Geschwader mit dem Schlachtschiff Scharnhorst vor Trondheim den britischen Flugzeugträger Glorious und zwei Begleitzerstörer. Als Vergeltung greifen Kampfflugzeuge des Trägers Ark Royal die Scharnhorst am 13. Juni 1940 an. Die Scharnhorst erleidet nur einen Treffer;[6]
  • am 18. Mai 1941 entsendet das Dritte Reich das Schlachtschiff Bismarck mit dem schweren Kreuzer Prinz Eugen vom norwegischen Bergen aus zum Handelskrieg in den Nordatlantik. Im Gefecht in der Dänemarkstrasse wird am 24. Mai 1941 am Vormittag das britische Schlachtschiff Hood durch Treffer der Bismarck und Prinz Eugen versenkt. Am 24. Mai am Nachmittag wird die Bismarck durch britische Torpedokampfflugzeuge des britischen Trägers Victorious Ohne Wirkung. Am 26. Mai wird die Bismarck durch ein britisches Flugboot gesichtet und durch Torpedoflugzeuge des britischen Trägers Ark Royal angegriffen. Die Folge ist die Zerstörung des Steuerruders, die zur Manövrierunfähigkeit des Schlachtschiffs führt. Am 27. Mai wird die Bismarck durch die zwei britischen Schlachtschiffe King Georg V und Rodney sowie zwei Kreuzer beschossen. Nach dem schweren Gefecht ist die Bismarck ein Trümmerhaufen und wird durch die Besatzung selbstversenkt;[7]
  • ab Winter 1941/42 führen die Alliierten USA und Grossbritannien Versorgungskonvois unter dem Schutz von Kriegsschiffen in die UdSSR. Diese Konvois werden zwischen Nordkap und die Bäreninsel geführt.[8] Das Dritte Reich bildet vor dem 4. Juli 1942 zur Bedrohung dieser Konvois mit dem Schlachtschiff Tirpitz, den Kreuzern Scheer, Lützow und Hipper die Nordmeerkampfgruppe. Als eine Gegenmassnahme werden die Begleitschiffe des Konvois PQ17 abgezogen und der Konvoi aufgelöst. Vom 5. bis 10. Juli werden zwei Drittel des Konvois durch deutsche Kriegsflugzeuge und U-Boote versenkt. Die Kriegführung mit U-Booten und Flugzeugen gegen die nachfolgenden Konvois wird fortgesetzt;[9]
  • am 31. Dezember 1942 greifen die schweren Kreuzer Hipper und Lützow und drei Zerstörer bei der Bäreninsel einen alliierten Konvoi an;[10]
  • am 8. September 1943 beschiesst die deutsche Nordmeerkampfgruppe mit den Schlachtschiffen Tirpitz und Scharnhorst und neun Zerstörern die Industrieanlagen von Longyearbyen auf Svalbard (Spitzbergen);[11]
  • am 22. September 1943 wird die Tirpitz im Alta Fjord durch britische Klein-U-Boote für ein halbes Jahr ausser Gefecht gesetzt;
  • am 26. Dezember 1943 wird das Schlachtschiff Scharnhorst im Gefecht am Nordkap durch das britische Schlachtschiff Duke of York, dem Kreuzer Jamaica und vier Zerstörern zerstört und versenkt;[12]
  • am 3. April 1944 wird das Schlachtschiff Tirpitz im nordnorwegischen Stützpunkt im Kaa Fjord durch Kampfflugzeuge der britischen Flugzeugträger Victorious und Furious sowie von drei Begleitträgern angegriffen. Für drei Monate ist das Schiff nicht mehr einsatzbereit;[13]
  • am 15. September wird die Tirpitz im Kaa Fjord durch 27 schwere Bomber Lancaster des britischen Bomber Command mit Bomben des Typs Tallboy (Gewicht 5.44 Tonnen, Sprengkraft 2.27 Tonnen) und Minen angegriffen.[14] Grossadmiral Dönitz beurteilt das Schiff nach dieser Bombardierung als nicht mehr einsatzfähig und verlegt es zur Abwehr einer britischen Landung in Norwegen als schwimmende Batterie in das Lyngen Fjord bei Tromsö[15];
  • am 29. Oktober und 12. November bombardieren wieder britische Lancaster-Bomber mit Tallboy-Bomben die Tirpitz bei der Insel Haakoy bei Tromsö. Das Schlachtschiff erleidet am 12. November zwei Volltreffer und vier beinahe Treffer.[16] Als Folge dieser Bombardierung kommt es im Schiffsinnern zu Explosionen und das Schiff kentert.[17]

Durch den Beitritt von Norwegen zur NATO 1949 wurde das Land gegenüber der UdSSR zu einem Frontstaat. Damit wurde das europäische Nordmeer für die NATO und die UdSSR zu einer strategischen Drehscheibe. Ab Mitte der 60er Jahre nützten nuklearangetriebene Angriffs-U-Boote und U-Boote mit ballistischen Flugkörpern der UdSSR die Dänemarkstrasse zwischen Island und Grönland und die Lücke zwischen den Färöer-Inseln und Island für das Eindringen in den Nordatlantik aus. Durch das Eindringen der nuklearangetriebenen U-Boote in den Nordatlantik sollten die USA mit ballistischen Flugkörpern direkt bedroht werden. Für das rechtzeitige Erfassen der sowjetischen U-Boote verlegte die NATO eine Kette von Sonarbojen auf dem Meeresboden dieser beiden Seestrassen. Das gegenseitige Belauern wurde bis Ende des Kalten Kriegs aufrechterhalten.

Nach dem Zerfall der UdSSR und damit dem Ende des Kalten Krieges trat im Nordmeer eine Phase der Entspannung ein. Mit der Besetzung der Krim und dem Krieg in der Ostukraine ist zwischen Russland und der NATO ein neuer Kalter Krieg ausgebrochen. In dieser neuen machtpolitischen Auseinandersetzung um Einflussnahme in der Arktis, in der Ostsee und im Mittelmeer ist Norwegen als NATO-Mitglied wieder zu einem Frontstaat geworden. Damit hat das europäische Nordmeer in dieser neuen geopolitischen Auseinandersetzung seine frühere seestrategische Bedeutung zurückerlangt.

 

 

 

[1] Haywood, J., Northmen, The Viking Saga 793-1241, Head of Zeus Ltd., London, 2015.

[2] Haywood, J., P. 355.

[3]Pemsel, H., A history of war at sea, An atlas and chronology of conflict at sea from earliest times to the present, Naval Institute Press, Annapolis, third impression, 1979, P. 39-88.

[4] Pemsel, H., P. 106-108.

[5] Pemsel, H., P. 109/110.

[6] Pemsel, H., P. 113.

[7] Pemsel, H., Seeherrschaft, Eine maritime Weltgeschichte von der Dampfschifffahrt bis zur Gegenwart, Band 2, Weltbild Verlag, Augsburg, 1995, S. 532.

[8] Pemsel, H., A history, P. 117.

[9] Pemsel, H., A history, P. 117.

[10] Pemsel, H., A history, P. 134.

[11] Pemsel, H., Seeherrschaft, S. 578.

[12]Gray, Ed., Hitler’s Battleships, Naval Institute Press, Annapolis, 1999, P. 163-176. So auch Pemsel, H., A history, P. 134.

[13] Sweetman, J., Tirpitz, Hunting the Beast, Air Attacks on the German Battleship 1940-44, Naval Institute Press, Annapolis, 2000, P. 62-65.

[14] Sweetmann, J., P. 111.

[15] Sweetman, J., P. 121.

[16] Sweetman, J., P. 148/149.

[17] Pemsel, H., A history, P. 134.

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