Federkrone der Praerieindiander
Federkrone der Praerieindiander

Zu Recht wird der Einsatz von Giftgas durch die Luftwaffe von Assad gegen unschuldige Zivilisten als Kriegsverbrechen angeprangert. Zu den Hauptanklägern gehören die USA, die als Vergeltung hierfür einen Einsatz von 59 Marschflugkörpern geführt haben. Dabei ist zu beachten, dass die Europäer und ihre Nachfolger, die Amerikaner, in Nordamerika einen über fünfhundertjährigen Krieg und Völkermord gegen die Ureinwohner des Kontinents geführt haben. Entgegen vielen Behauptungen war das Territorium der heutigen USA und des heutigen Kanada vor 1492 nicht menschenleer, sondern wurde durch Einwohner bevölkert, deren Kultur teilweise jene der Europäer, so jene der Spanier, Franzosen und Englänger, bei weitem übertraf.[1] Die Bevölkerungszahl vor dem Eindringen der Europäer in das Gebiet der heutigen USA und des heutigen Kanada wird je nach Quelle auf 5 bis 50 Millionen Menschen geschätzt.[2]

Der Krieg der Europäer in Nordamerika setzte bereits 1526-28 mit den Versuchen der Spanier, Kolonien in den Gebieten der heutigen Bundesstaaten Georgia, Florida und im Südwesten der USA zu errichten, ein.[3] Diesem Vordringen leisteten die Ureinwohner Widerstand, den die Spanier mit Repressionen vergalten. Beispielhaft dafür ist die Eroberung des Südwestens durch die Spanier ab 1538. Als Vergeltung auf die Revolte der Pueblo massakrierten die Spanier 1540 ganze Landstriche. Die spanischen Soldaten vergewaltigten dabei unzählige Frauen der Pueblo.[4]

Die französische Invasion im östlichen Kanada setzte mit Jacques Cartier 1534 bis 1542 ein.[5] Bereits 1435 kam es zu Gefechten mit Irokesen. Die Franzosen ergriffen in den Auseinandersetzungen bei der Kontrolle des Pelzhandels für die Huronen gegen die Fünf Nationen der Irokesen Partei.[6] Die ersten Versuche der Errichtung einer französischen Kolonie in Florida an der Atlantikküste scheiterten 1565 am Widerstand der Spanier.[7]

Bereits 1585 versuchten die Engländer an der südöstlichen Atlantikküste der heutigen USA, Kolonien zu errichten. 1586 ermordeten die Engländer aufgrund eines sogenannten Missverständnisses den indianischen Häuptling Wingina.[8] Von da an gab es nur noch Mord und Totschlag. Sehr bald führten die Engländer im Südosten der heutigen USA Treibjagden auf Ureinwohner für die Sklavenhaltung auf ihren neu errichteten Plantagen in der Karibik.[9] Im Nordosten rotteten die Pilgerväter schrittweise die Stämme der Algonkin zwecks Aneignung ihrer Ländereien aus.

Zugleich mit dem europäischen Vordringen wurden bereits ab 1495 – zuerst in der Karibik – Seuchen wie Pocken, Masern, Pest, Cholera, Diphterie, Malaria, Gelbfieber und andere Epidemien verbreitet, gegen die die Ureinwohner über keinen Schutz verfügten.[10] Die Bevölkerung der Ureinwohner in der Karibik dürfte vor 1492 mehrere Millionen betragen haben. Innerhalb weniger Jahrzehnte war diese auf 0 bis 10 Prozent geschrumpft. Die erste grosse Pandemie in Nordamerika trat 1520 auf.[11] Innert kurzer Zeit nahm überall, wo Europäer erschienen, die Bevölkerung der Ureinwohner um 70 bis 90 Prozent, in manchen Fällen gar um 100 Prozent, ab. Der Stamm der Timucua auf Florida nahm von ursprünglich 300’000 Menschen bis Ende des 17. Jahrhunderts auf 1’000 ab. Ganze Landstriche wurden entvölkert.[12] 1585 verbreiteten sich die Pocken ungebremst unter der indianischen Bevölkerung von North und South Carolina. Die indianische Hochkultur des Mississippi-Gebietes wurde durch die Epidemien ausgelöscht. Am Ende gab es nur noch einen kläglichen Rest dieser Hochkultur, die schlussendlich durch die Franzosen vernichtet wurde.[13] Das Auslöschen der Ureinwohner durch diese Epidemien beurteilten die Pilgerväter als ein Zeichen Gottes, ermöglichte es ihnen doch ohne Widerstand vom Land der Toten Besitz zu nehmen.

Sehr bald instrumentalisierten Franzosen und Englänger mit tragischen Folgen die Ureinwohner für ihre Zwecke. Im 17. Jahrhundert wurden in den Auseinandersetzungen Frankreichs mit den fünf Nationen die irokesischen Stämme, die nicht den fünf Nationen angehörten, wie die Huronen, durch diese vernichtet.[14] In den Kriegen Frankreichs und Englands wurden im 18. Jahrhundert die Stämme der Algonkin im Osten der heutigen USA bis auf klägliche Reste aufgerieben.[15] Immer wieder versuchten einzelne Häuptlinge, durch die Bildung von Allianzen unter den Stämmen dem Vordringen der Europäer und später der Amerikaner in Nordamerika Widerstand zu leisten. Zu diesen Häuptlingen gehörten Pontiac[16] und Tecumseh[17]. Beide wurden durch die Intrigen der Engländer und später der Amerikaner ausmanövriert.

Am 29. Mai 1830 unterzeichnete US-Präsident Jackson die durch den Kongress verabschiedete Indian Removal Act. Nun wurden die verbliebenen Ureinwohner im östlich Mississippi enteignet und jenseits des Mississippi in das sogenannte Indianer-Territorium (heute Oklahoma) vertrieben. Auf dem Trail of Tears (Weg der Tränen) wurden die deportierten Cherokee von Weissen überfallen und um ihr Eigentum bestohlen.[18] Diese Vertreibung dürfte der grösste Genozid gewesen sein, den die USA in ihrer Geschichte begangen haben.

In den Prärien westlich des Mississippi verblieben für eine Zeitspanne die Stämme der Lakota Sioux, Cheyenne, Blackfeet, Cree, Assiniboine und Arapaho noch unbehelligt. Dies ändert sich 1865 mit dem Ende des Bürgerkrieges. Nun galt es für die entlassenen Soldaten und Neuzuwanderer, Land frei zu machen. Gleichzeitig wollten sich die Bankiers und die Eisenbahnbarone bei dieser Landnahme bereichern. Insbesondere die kriegerischen Lakota Sioux standen mit ihrem Widerstand diesen Zielen im Wege.[19] Ausgelöst durch die Gier der Banken und einer sich anbahnenden Bankenkrise tobte um den Besitz der Prärien von 1866-1876 der grosse Krieg der USA gegen die Sioux und Cheyenne. Diese vernichteten am 25. Juni 1876 wohl das Detachement des grössenwahnsinnigen US-Generals Custer bei Little Bighorn[20], mussten aber angesichts der gezielten Auslöschung der grossen Bisonherden, die sie bis anhin mit Nahrung versorgt hatten, den Forderungen der Amerikaner nachgeben und sich in Reservationen einpferchen lassen. Das Massaker vom 29. Dezember 1890 durch das Seventh Cavalry Regiment an weitgehend unbewaffneten Lakota am Wounded Knee war der Schlussstrich über das endgültige Ende der stolzen Lakota.[21]

Seither vegetieren die Reste der dezimierten Urbevölkerung in den Reservaten.  Nach einem über fünfhundert Jahre dauernden Krieg und Totschlag sowie durch die Epidemien sind die Ureinwohner beinahe ausgerottet worden. Offenbar ist dieser Genozid und Ethnozid aber noch nicht beendet. Seit 1890 haben alle US-Regierungen und Kongresse Wiedergutmachungen an die Ureinwohner verweigert. Das neueste Beispiel einer Gaunerei der USA ist aber die im März 2017 durch Präsident Trump genehmigte Streckenführung der Ergänzung zur Keystone XL-Pipeline. Dies, trotz der Gefährdung der Versorgung einer Reservation der Lakota in South Dakota mit sauberen Wasser. Obwohl sich diese Pipeline nie rentieren wird, dürfte sie gebaut werden.[22]

 

 

[1] O’Brien, G., The Timeline of Native Americans, The Ultimate Guide to North America’s Indigenous Peoples, World History Timeline, Thunder Bay Press, San Diego, California, 2008. P. 7-39.

[2] Stahel, A.A., Widerstand der Besiegten – Guerillakrieg oder Knechtschaft, Von der Antike zur Al-Kaida, Schriftenreihe Strategie und Konfliktforschung, vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich, 2006. S. 5.

[3] O’Brien, G., P. 50/51.

[4] O’Brien, G., P. 50.

[5] O’Brien, G., P. 60.

[6] O’Brien, G., P. 62.

[7] O’Brien, G., P. 63.

[8] O’Brien, G., P. 64.

[9] O’Brien, G., P. 104-106.

[10] O’Brien, G., P. 46.

[11] O’Brien, G., P. 49.

[12] O’Brien, G., P. 66.

[13] O’Brien, G., P. 68-70.

[14] O’Brien, G. P. 84-86.

[15] O’Brien, G., P. 113-132.

[16] O’Brien, G., P. 133.

[17] O’Brien, G., P. 151-154.

[18] O’Brien, G., P. 161-166.

[19] O’Brien, G., P. 175-180.

[20] O’Brien, G., P. 178-180.

[21] O’Brien, G., P. 184/185.

[22] Matthews, Chr.M. and B. Olson, Delayed Pipeline Is Now Unwanted, In: The Wall Street Journal,

June 30-July 2, 2017, P. B1/B2.

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