Beijing auf dem Platz des Himmlischen Friedens
Beijing auf dem Platz des Himmlischen Friedens

Seit den ersten beiden Abwürfen von Nuklearbomben über die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki, am 6. und 9. August 1945, wird die Sicherheit verschiedener Staaten durch die Verfügbarkeit von weitreichenden Nuklearwaffenträgern und Gefechtsköpfen bestimmt. Ausdruck dieser Sicherheitsdoktrin ist eine Abschreckungsstrategie mit Nuklearwaffen. Diese Strategie ist zuerst durch die beiden Grossmächte USA und Sowjetunion entwickelt worden. Mit dem Erwerb von Nuklearwaffen haben andere Staaten, so China, Grossbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan und Israel, diese Strategie weitgehend übernommen.

Die Grundlage dieser Abschreckungsstrategie beruht auf der Führbarkeit eines glaubwürdigen Vergeltungsschlages mit Nuklearwaffen nach einem gegnerischen Erstschlag oder der Nötigung mit Nuklearwaffen. Die Glaubwürdigkeit des Vergeltungsschlages bestimmt deshalb die Abschreckungswirkung gegenüber einem nuklearen Angriff oder einer Nötigung durch eine rivalisierende Nuklearmacht. Diese Glaubwürdigkeit ist das Ergebnis der Zerstörungswirkung des Zweitschlages mit Nuklearwaffen. Den Grad dieser Zerstörungswirkung hat der US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara der Kennedy- und Johnson-Administrationen 1967 wie folgt definiert:[1]

«…unsere Fähigkeit, einen Angreifer als lebensfähige Nation des zwanzigsten Jahrhunderts zu zerstören, ist es, was die Abschreckung bewirkt, nicht unsere Fähigkeit, den Schaden für uns selbst zum Teil zu begrenzen. Welche Art und welches Mass an Zerstörung wir einem Angreifer zufügen können müssten, um diese Abschreckung zu bewirken, lässt sich nicht exakt sagen. Es erscheint jedoch vernünftig anzunehmen, dass im Falle der Sowjetunion die Vernichtung von sagen wir einem Fünftel bis zu einem Viertel der Bevölkerung und der Hälfte bis zwei Drittel des Industriepotentials bedeuten würde, dass sie als Grossmacht für viele Jahre ausgeschaltet ist…»

Auf diese Definition sind im Prinzip die Arsenale aller Nuklearmächte immer noch ausgerichtet. Dies trifft auch für den Nuklearstaat Nordkorea zu. Aufgrund der geopolitischen Lage und der Geographie steht Nordkorea drei Nuklearmächten und deren Arsenalen gegenüber: der USA, der Volksrepublik China und der Russischen Föderation. Seit dem 9. Oktober 2006, dem Tag der ersten nordkoreanischen Nuklearexplosion, entwickelt das Land folgerichtig ballistische Flugkörper grösserer Zielgenauigkeit und grösserer Reichweite und testet für diese Flugkörper auch zunehmend nukleare Gefechtsköpfe grösserer Sprengkraft.[2] Mit dem zahlenmässig grösser und präziser werdenden Nukleararsenal – im Augenblick könnten es 20 bis 30 nukleare Gefechtsköpfe sein – will Nordkorea sowohl die beiden Nachbarstaaten China und Russland, wie auch die USA vor einem nuklearen oder konventionell geführten Enthauptungsschlag gegen die eigene Führung und/oder einer Intervention mit konventionellen Streitkräften abschrecken. Aus der Hilfslosigkeit von Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi gegenüber den amerikanischen und europäischen Interventionen hat die nordkoreanische Führung die Lehre ziehen müssen, dass ein Kleinstaat seine Sicherheit nur durch die Verfügbarkeit über ein glaubwürdiges Nukleararsenal durchsetzen kann. Mit diesem Arsenal kann ein Kleinstaat dank einer glaubwürdigen nuklearen Abschreckung seine Existenz aufrechterhalten. Der Untergang von Hussein und Gaddafi war aus der Sicht der nordkoreanischen Führung schlussendlich das Ergebnis der Aufgabe der Entwicklung eigener Nuklearwaffen. Die Nuklearmacht Nordkorea wird, so auch eine chinesische Beurteilung, deshalb nie auf seine Nuklearwaffen verzichten können.[3] Nur diese sichern das Überleben des Staates und der Führung.

[1] Legault, A. und G. Lindsey, Dynamik des nuklearen Gleichgewichts, Alfred Metzner Verlag, Frankfurt am Main, 1973, S. 114/115.

[2] STRATFOR, 2017 Second-Quarter Forecast: East Asia, 12.04.17, P. 3 and 4.

[3] Fu Ying, The Korean Nuclear Issue: Past, Present, and Future, A Chinese Perspective, Strategy Paper 3, Johnson L. Thornton China Center at Brookings, Washington D.C., May 2017, P. 18.

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