C-17Auf Antrag des Oberkommandierenden der US- und alliierten Truppen in Afghanistan, General John Nicholson, beabsichtigt die Trump-Administration offenbar, das bestehende US-Kontingent durch 3’000 bis 5’000 zusätzliche Soldaten zu verstärken.[1] Diese Absicht überrascht keinen Experten, der die Lage in Afghanistan aufgrund eigener Anschauungen kennt. Anthony H. Cordesman vom CSIS in Washington D.C. charakterisiert die gegenwärtig in Afghanistan herrschende Lage kurz und bündig:[2]

«The Trump Administration inherited an under-resourced mess in Afghanistan when it took office. Two previous Administrations failed to properly prepare Afghan forces for the withdrawal of most foreign forces that took place in 2014, or to shape an effective Afghan civil government. It is far from clear whether the Afghan risk losing the war in 2017, but it is more than possible that they will be locked into a war of attrition with no clear end, and that 2017 could be the beginning of major defeats.»

Der durch die Obama-Administration veranlasste überhastete Abzug der US-Truppen Ende 2014 hat nicht nur beinahe zu einem militärischen Vakuum geführt, sondern auch die angemessene Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte ANDSF, Afghan National Defense Security Forces (Armee und nationale Polizei), geschwächt. Dieses Defizit ist heute in verschiedenen Richtungen erkennbar. Dazu gehört die Ernennung unfähiger Generäle der Afghanischen Nationalarmee (ANA, Afghan National Army) durch Nepotismus und ihre mangelhafte Führungsausbildung. Vor allem in den Einsätzen im Süden wie auch im Nordosten wirken sich diese Schwächen aus. Die Folgen sind hohe Verluste der ANA im Kampf gegen die Taliban und die Jihadisten des Islamischen Staates.[3]

Wegen dieser Defizite und der mangelhaften Kampfkraft der regulären Armee setzen die Kommandanten und das Verteidigungsministerium in den Kämpfen gegen die Taliban und die Jihadisten immer mehr die gut ausgebildeten und ausgerüsteten Spezialeinheiten (Special Forces) der Armee, der Korps und der nationalen Polizei (ANP, Afghan National Police) ein. Durch diesen Missbrauch werden afghanische Spezialeinheiten für Kampfaufgaben, die die ANA erfüllen sollte, verheizt.[4]

Aber auch die Luftunterstützung für die afghanischen Sicherheitskräfte ist heute beinahe inexistent. Bis Ende 2014 konnten die afghanischen Sicherheitskräfte je nach Lage in der Regel mit der Unterstützung durch die Airpower der Amerikaner und ihrer Alliierten rechnen. Dies ist heute nur noch selten der Fall. Dazu kommt noch, dass die afghanische Luftwaffe erst im Aufbau begriffen ist.

Ein weiteres Problem sind die Geistersoldaten. Die afghanischen Sicherheitskräfte führten für Ende 2016 einen Effektivbestand von 322’585 Offizieren und Soldaten auf.[5] Abklärungen seitens der Amerikaner haben aber ergeben, dass diese Zahlen nicht stimmen, und dass die Generäle für nichtexistierende Geistersoldaten deren Sold einkassieren und sich damit bereichern. Der zahlenmässige Bestand an Geistersoldaten ist bis jetzt nicht genau erfasst worden, dürfte aber beträchtlich sein.

Auch der durch die Obama-Administration für Ende 2016 postulierte Bestand von 15’055 amerikanischen und alliierten Offizieren und Soldaten stimmt nicht. Am 30. November 2016 waren es lediglich 12’611.[6]

Was die afghanische Regierung betrifft, so gilt diese im weltweiten Vergleich als überwiegend inkompetent und über alle Massen korrupt.[7] Zur Korruption tragen insbesondere auch die Einnahmen aus der Narco-Wirtschaft bei.[8] Diese unfähige und korrupte Regierung und ihre Generäle sind vor allem dafür verantwortlich, dass die Taliban ihren Einflussbereich 2016 steigern konnten.[9] Dass aber die Kriegführung in Afghanistan immer mehr in einen Abnützungskrieg degeneriert ist, dafür tragen die USA und ihre Alliierten die Verantwortung. Zu spät wurde die Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte auf die Herausforderungen des Krieges ausgerichtet. Die Ausbildung der militärischen Führung, so insbesondere der Generäle und der Stäbe der regulären Armee, entspricht nicht den Bedürfnissen. Die Lücken in der Ausrüstung und Kampfführung der ANA und der ANP müssen dringend geschlossen werden. Auch das Defizit im Einsatz der Airpower zugunsten der afghanischen Sicherheitskräfte sollte beseitigt werden.

Wird kein Gegensteuer zur Korrektur der misslichen Lage ergriffen, dann könnten die USA in Afghanistan ihr zweites Vietnam erleben.[10] Wie im Falle von Vietnam könnten die USA am Ende aufgrund der hoffnungslosen Lage, unter Inkaufnahme eines geopolitischen Gesichtsverlustes, gezwungen werden, sich aus Afghanistan zurückziehen.

 

[1] deGrandpre, A., As Trump weighs more troops in Afghanistan, some in Congress seek to freeze his funding, in: Military, May 23, 2017.

[2] Cordesman, A.H., The Afghan War: Creating An Afghan Capability to Win, Center for Strategic & International Studies, Washington D.C., May 01, 2017, P. 2,

[3] Cordesman, A.H., P. 18/19.

[4] Cordesman, A.H., P. 23/24.

[5] Cordesman, A.H., P. 17/29.

[6] Cordesman, A.H., P. 22.

[7] Cordesman, A.H., P. 42.

[8] Cordesman, A.H., P. 40/41.

[9] Cordesman, A.H., p. 53/54.

[10] Cordesman, A.H., P. 22.

Print Friendly, PDF & Email