Russisches Kampfflugzeug MiG-29
Russisches Kampfflugzeug MiG-29

Die Konstruktion von Kriegsschiffen mit wirksamen Geschützen im 15. Jahrhundert ermöglichte es den europäischen Mächten bei ihrem Vordringen nach Indien, eine unbegrenzte Kanonenbootpolitik gegen lokale Machthaber umzusetzen. Mit dieser Kanonenbootpolitik der Europäer wurden die lokalen Machthaber zu Konzessionen genötigt. Solange die Kanonen schwiegen wurde mit dieser Hardpower nur gedroht. Kam es aber zu Kriegshandlungen, dann wurde durch die überlegene Feuerkraft der europäischen Kriegsartillerie der Gegner zur Kapitulation gezwungen. Die Ablehnung der Kapitulation führte zu seiner Vernichtung.

Als der portugiesische Admiral und Kapitän Vasco da Gama am 20. Mai 1498 nach einer zehnmonatigen Reise im indischen Calicut, der Hauptstadt der Malabarküste, landete, beendete er dank der überlegenen Feuerkraft seiner Kriegsschiffe das afrikanisch-arabische Handelsimperium, erzwang vom Raja Zugang zu den Reichtümern von Indien und begründete damit das portugiesische Weltreich.[1] Innert sechs Jahren (1509-1515) gründete Affonso de Albuquerqe (1453-1515) als Nachfolger von Vasco da Gama und Vizekönig im portugiesischen Indien dank der Feuerkraft seiner Kriegsschiffe Stützpunkte im Arabischen Meer (Muscat 1508), im Persischen Golf (Hormuz 1507/15), im Indischen Ozean (Colombo auf Ceylon 1510) und in Südostasien (Malakka 1511).[2] 1510 wurde Goa zum Sitz der portugiesischen Verwaltung. Die Portugiesen begnügten sich aber mit der Errichtung von Flottenstützpunkten und befestigten Handelsfaktoreien.

Die Vereinigung von Portugal mit Spanien unter Philipp II. 1580 lieferte den Niederländern als neue Seemacht und entschiedener Gegner von Spanien den Vorwand, die portugiesischen Niederlassungen in Asien zu erobern.[3] Die Niederländer führten ab 1595 mit ihren Schiffen Expeditionen bis nach Indien.[4] Die spanische und portugiesische Seemachtstellung brach zusammen. Bereits mit dem Sieg über die spanische Armada 1588 zeichnete sich aber bald der Aufstieg von England zur Seemacht ab. Dieser Aufstieg wiederum führte zu Auseinandersetzungen mit den Niederlanden und Frankreich auf den Weltmeeren.[5]

Mit der endgültigen Niederwerfung von Napoleon Bonaparte 1815 wurde Grossbritannien zur weltumspannenden Seemacht. Grossbritannien konnte dadurch während beinahe 100 Jahren eine ungehinderte Kanonenbootpolitik in Asien und im Indischen Ozean betreiben. Bekanntestes Beispiel dieser britischen Kanonenpolitik war die Kriegführung britischer Kriegsschiffe gegen China 1839 bis 1842 zur Erzwingung der Öffnung des Landes für den ungehinderten Import und Absatz von Opium aus Indien (Bengalen). Das Ziel des Ersten Opiumkrieges war ökonomischer Art, nämlich der Ausgleich des Handelsbilanzdefizites zwischen der britischen East India Company, die zwischen 1830 und 1840 die grösste Drogenhändlerin in der Welt war, und China. Ohne offizielle Kriegserklärung durch das britische Unterhaus – die East India Company war eine private Gesellschaft – setzte Grossbritannien 1839/40 gegen China eine Kriegsflotte mit 16 Kriegsschiffen ein. Nach dem Versenken der chinesischen Flotte und der Eroberung verschiedener chinesischer Städte musste China im Vertrag von Nanking am 29. August 1842 den Briten für ihren Handel verschiedene Städte öffnen, ihnen Hongkong abtreten und Reparationszahlungen zahlen.

Nachdem chinesische Beamte ein chinesisches Schiff unter britischer Flagge wegen Opiumschmuggels durchsucht hatten, brach am 8. Oktober 1856 der Zweite Opiumkrieg aus. 1857 eroberten britische Truppen Kanton. Dem Krieg schlossen sich sehr bald Frankreich, Russland und die USA an. Der Krieg endete mit der Eroberung, Verwüstung und Plünderung von Beijing und der kaiserlichen Sommerpaläste durch die Truppen und Seestreitkräfte der Koalition. Im Vertrag vom 18. Oktober 1860 in Tianjin musste China den Opiumhandel legalisieren und der christlichen Missionierung zustimmen.

Ein weiterer Akt der Kanonenbootpolitik im 19. Jahrhundert war jener des amerikanischen Kommodore Matthew Galbraith Perry, der 1854 durch die unausgesprochene Drohung mit einem US-amerikanischen Geschwader vor Japan die Öffnung der japanischen Häfen für den Import amerikanischer Güter erzwang.[6]

Der erfolgreiche Start eines Flugzeuges durch die Brüder Wilbur und Orville Wright am 17. Dezember 1903 ermöglichte es den Kriegführenden, bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges Flugzeuge als Mittel der Kriegführung, einzusetzen.[7] Kurz nach dem Ende des Krieges bewiesen Kampfflugzeuge, und damit Airpower, sehr bald ihre Tauglichkeit als Mittel der Kanonenbootpolitik. In dieser Einsatzrolle erwiesen sich Kampfflugzeuge in vielen Konflikten vielfach als wirksamer als Kriegsschiffe. Ein erstes Beispiel war der Abwurf von 20 Bomben durch einen einzigen Bomber über Kabul 1919. Mit dem angedrohten Einsatz weiterer Bomber zwangen die Briten den König von Afghanistan zur Beendigung des Krieges und zum Abschluss eines für Afghanistan nachteiligen Friedensvertrages.[8] Diesem Hardpower folgten in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts weitere britische Einsätze von Airpower, so in Palästina und im Grenzgebiet zwischen Britisch-Indien und Afghanistan. In einem gewissen Sinne können auch die strategischen Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg gegen das Dritte Reich durch die Briten und Amerikaner als Kanonenbootpolitik bezeichnet werden, war es doch das erklärte Ziel des britischen Bomber Command, die deutsche Bevölkerung durch diese Bombardierungen zur Kapitulation zu zwingen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Airpower zum Mittel der luftgestützten Kanonenbootpolitik. Zu erwähnen sind u.a. die verschiedenen Einsätze von US-Kampfflugzeugen gegen das Regime des libyschen Diktators Gaddafi in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Dazu gehört die Operation El Dorado Canyon[9] mit Bombern F-111F der US Air Force, die vom britischen Stützpunkt RAF Lakenheath aus starteten, und Kampfflugzeugen EA-6B, A-7E, F/A-18 und F-14 des US-Flugzeugträgers USS America im Mittelmeer April 1986. Auslöser für diese Operation waren verschiedene durch Gaddafi finanzierte, terroristische Anschläge[10] und seine Kriegführung in Afrika. Durch die Zerstörung seiner Einsatzführung und seiner Stützpunkte sollte er zur Aufgabe seiner bisherigen Kriegführung und Politik gezwungen werden. Möglicherweise sollte der libysche Diktator durch den Luftschlag auch getötet werden.

Aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts sind die NATO-Operationen Deliberate Force von 1995 und Allied Force von 1999 Beispiele einer luftgestützten Kanonenbootpolitik. Im ersten Fall wurden die bosnischen Serben und der serbische Präsident Milosevic mit dem Vertrag von Dayton zur Beendigung der Kriegshandlungen in Bosnien-Herzegowina gezwungen. 1999 zogen nach den 78 Tage andauernden Bombardierungen in der Operation Allied Force gegen Serbien die jugoslawischen Truppen aus dem Kosovo ab.[11]

In neuerer Zeit gibt es verschiedene Beispiele luftgestützter Kanonenbootpolitik, so wurde 2013 und 2016 durch die Flüge amerikanischer Bomber B-2A und die Stationierung von B-52 auf dem US-Stützpunkt Guam Nord-Korea den Einsatz von Bombern angedroht. Neben den USA hat aber auch China in neuerer Zeit die Möglichkeiten einer luftgestützten Kanonenbootpolitik erkannt. So hat die Volksrepublik China im August 2016 Manöver mit Bombern und Kampfflugzeugen über die umstrittenen Inseln im Südchinesischen Meer durchgeführt.

Die Einsätze amerikanischer Marschflugkörper gegen die Streitkräfte von Gaddafi 2011 und 2017 gegen Assad könnten aber darauf hinweisen, dass in absehbarer Zeit die bemannten Kampfflugzeuge für die luftgestützte Kanonenbootpolitik sehr bald durch die unbemannten Marschflugkörper definitiv abgelöst werden könnten. Diese weisen heute, ohne die Gefährdung von Piloten, über eine hohe Zielgenauigkeit auf.

[1] Bettex, A., Welten der Entdecker, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1960, S. 49/53.

[2] Bettex, A., S. 53.

[3] Potter, E.B., Nimitz, Ch.W. und J. Rohwer, Seemacht, Eine Seekriegsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen, München, 1974, S. 30.

[4] Potter, E.B., et al, S. 30.

[5] Potter, E.B., et al, S. 37ff.

[6] Nevins. A., Geschichte der USA, Carl Schünemann Verlag, Bremen, 1965, S. 336.

[7] Stahel, A.A., Luftverteidigung – Strategie und Wirklichkeit, mit einem Vorwort von Kaspar Villiger, vdf, Zürich, 1993, S. 16.

[8] Gomez, G., Airpower Diplomacy Is Underrated, in: Proceedings, February 2017, P. 36/37.

[9] Stanik, J.T., El Dorado Canyon, Reagan’s Undeclared War with Qaddafi, Naval Institute Press, Annapolis, 2003.

[10] Stanik, J.T.: so der Anschlag auf die Diskothek La Belle in West-Berlin.

[11] Gomez, G., P. 39.