Seegestützter Marschflugkörper Tomahawk (BGM-109)
Seegestützter Marschflugkörper Tomahawk (BGM-109)

Im Rahmen des Berichtes «Nuclear Posture Review» (NPR) von 2002 erweiterte die Administration von US-Präsident Bush jr. die nuklearstrategische TRIADE, die seit Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts die Abschreckungsfähigkeit der USA garantierte, zur New Triad.[1] Mit dieser Modifikation sollte die Abschreckung der USA an die veränderte strategische Lage angepasst werden. Die New Triad sollte aus drei Komponenten bestehen:

  • offensive Angriffssysteme (nukleare und nichtnukleare)
  • strategische Verteidigungssysteme (aktive und passive) zur Abwehr angreifende Offensivwaffen einer anderen Macht
  • Verteidigungsinfrastruktur

Eine verbesserte Einsatzführung und Informationsbeschaffung hatte die drei Komponenten miteinander zu verknüpfen. Durch die New Triad sollte die Abhängigkeit der USA von den Nuklearwaffen gemindert werden. Die Abschreckungsfähigkeit der USA sollte durch die Einführung

  • der strategischen Verteidigungssysteme und einer verbesserten Einsatzführung und Informationsbeschaffung;
  • der nichtnuklearen (konventionellen) Angriffssysteme

ausgebaut werden. Die New Triad würde es den USA ermöglichen, die Zahl ihrer einsatzfähigen nuklearen Gefechtsköpfe von beinahe 6’000 schrittweise auf 1’700 – 2’200 zu reduzieren.[2] Die alte Triade aus dem Kalten Krieg mit den interkontinentalen ballistischen Flugkörpern (ICBMs, Inter-Continental Ballistic Missile(s)), den U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörpern (SLBMs, Submarine-Launched Ballistic Missile(s)) und den nuklearfähigen Langstreckenbombern würde wohl zahlenmässig verkleinert, aber ein wichtiger Teil der ersten Komponente der New Triad bleiben. Die erste Komponente musste aber zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit der Abschreckung durch nichtnukleare Offensivsysteme ergänzt und auch substituiert werden.[3]

Ausgelöst durch die Veröffentlichung dieser Nuclear Posture Review analysierten verschiedene think tanks in den USA die Einsatz- und Abschreckungsfähigkeit nichtnuklearer Offensivwaffen.[4] Dabei wurde bemerkt, dass bereits im Golfkrieg von 1991 präzise nichtnukleare Offensivwaffen (lasergelenkte Bomben u.a.) eingesetzt worden waren[5], und dass die Weiterentwicklung dieser Waffensysteme durch die Revolution in Military Affairs (RMA), die durch die Clinton-Administration ausgelöst worden war, vorangetrieben würde.[6] 2003 definierte das Department of Defense (DoD) den Auftrag an nichtnukleare Offensivwaffen als Prompt Global Strike (PGS). Die USA sollten inskünftig befähigt werden, innert einer Stunde irgendwo in der Welt wichtige Ziele ohne Zugriff auf vorgeschobene Stützpunkte ausschalten zu können. Dieser Auftrag sollte durch Bomber, Marschflugkörper, ballistische Flugkörper und hypersonische Gleitflugkörper mit konventionellen Gefechtsköpfen erreicht werden.[7] Die nachfolgende Obama-Administration verlangte in ihrem Nuclear Posture Review (NPR) von 2010 mit Priorität die Entwicklung hypersonischer Gleitflugkörper (hypersonic glide vehicle)[8].

Bis heute ist allerdings die Frage, welche Trägersysteme des Langstreckenbereichs (ICBMs, SLBMs und Marschflugkörper) für die Ausführung von Prompt Global Strikes mit nichtnuklearen Gefechtsköpfen oder hypersonischen Gleitflugkörpern sich eignen könnten, ungeklärt.[9] Unter allen Umständen sollten andere Nuklearmächte den Einsatz nichtnuklearer Offensivwaffen durch die USA nicht als einen nuklearen Erstschlag missverstehen. Offenbar sind bis jetzt durch das DoD verschiedene Systeme auf ihre Tauglichkeit untersucht worden. So hat die U.S. Navy die Entwicklung und Einführung eines Mittelstreckenflugkörpers (SLIRBM, Submarine-Launched Intermediate-Range Ballistic Missile) mit einer Reichweite von 2’780 km und einem Gefechtskopf von 907 kg auf den U-Booten der Ohio- oder Virginia-Klasse vorgeschlagen. Ab dem Abschuss könnte ein Ziel innert 15 Minuten ausgeschaltet werden.[10] Die ersten Tests mit einem solchen Flugkörper sollen 2017 einsetzen.[11]

Die U.S. Air Force und das DoD haben die Ausrüstung modifizierter Minuteman-II- und Peacekeeper-ICBMs mit konventionellen Gefechtskörpern oder/und Gleitflugkörpern studiert. Beide ICBM-Typen sind vor Jahren deaktiviert worden. Die Sprengkraft eines konventionellen Gefechtskopfes eines Minuteman-II-Flugkörpers würde zwischen 227 und 454 kg und jener eines Peacekeeper-Flugkörpers zwischen 2’722 und 3’629 kg betragen. Ein hypersonischer Gleitflugkörper auf einem interkontinentalen ballistischen Flugkörper hätte eine Sprengkraft von 454 kg.[12]

Was die Tests mit hypersonischen Gleitflugkörpern HTV-2 (Air Force) und AHW (advanced hypersonic weapon der U.S. Army) betrifft, so waren bis heute nur jene der AHW-Gleitflugkörper der U.S. Army mit einer Reichweite von 4’445 km vollumfänglich erfolgreich.[13]

Nach wie vor verfolgen die USA das Ziel, die Abhängigkeit der Abschreckungsfähigkeit von den Nuklearwaffen durch die Entwicklung und Einführung der Conventional Prompt Global Strike (CPGS) zu reduzieren. Das Problem eines möglichen Missverständnisses zwischen Nuklearmächten bei der Auslösung eines CPGS ist aber bis heute nicht gelöst worden.[14]

Bis zur Einführung neuer Systeme werden die USA CPGS mit ihrem bestehenden Arsenal an seegestützten Marschflugkörpern (SLCMs, Sea-Launched Cruise Missile(s)) des Typs Tomahawk (BGM-109) führen müssen. Wie der kürzlich erfolgte Abschuss von 59 seegestützten Marschflugkörpern gegen einen syrischen Flugplatz gezeigt hat, verfügen diese Waffensysteme immer noch über eine beträchtliche Vernichtungswirkung.[15] Ausgerüstet mit einem Gefechtskopf von 454 kg erreichen diese SLCMs auf einer Reichweite von 1’600 km eine Genauigkeit von bis zu 3 Metern.[16]

[1] Rumsfeld, D.H., Nuclear Posture Review Report, Foreword, Pentagon, Washington DC, 2002, P. 1.

[2] Rumsfeld, D.H., P. 1.

[3] Rumsfeld, D.H., P. 2.

[4] Guthe, K., The Nuclear Posture Review: How Is the «New Triad» New?, Center for Strategic and Budgetary Assessments, Washington DC, 2002.

[5] Guthe, K., P. 13.

[6] Guthe, K., P. 10.

[7] Woolf, A.F., Conventional Prompt Global Strike and Long-Range Ballistic Missiles: Background and Issues, Congressional Research Service, Washington DC, February 3, 2017, P. 1.

[8] Woolf, A.F., P. 1.

[9] Woolf, A.F., P. 3/6.

[10] Woolf, A.F., P. 11.

[11] Woolf, A.F., P. 13.

[12] Woolf, A.F., P. 14.

[13] Woolf, A.F., P. 17-20.

[14] Woolf, A.F., P. 32.

[15]  La Grone, S. and M. Eckstein, VIDEO: U.S. Destroyers Fire 59 Tomahawks on Syrian Airfield in Retaliation for Chemical Attack, In: U.S. Naval Institute, April 7, 2017, 12:04.

[16] Wertheim, E., Combat Fleets of the World, 16th Edition, Naval Institute Press, Annapolis, 2013, P. 821.