Sowjetischer operativ-taktischer Boden-Boden-Flugkörper
Sowjetischer operativ-taktischer Boden-Boden-Flugkörper

Das Aufrüstungsprogramm von Russland umfasst neben den konventionellen Streitkräften und den nuklearstrategischen Waffen auch die operativ-taktischen (Reichweite 100 – 1’000 km) und taktischen (Reichweite bis 100 km) Nuklearwaffen.[1] Bis 2020 soll die Zahl der Brigaden mit den operativ-taktischen Boden-Boden-Flugkörpern Iskander-M (Reichweite über 500 km(?))(NATO-Bezeichnung SS-26 Stone) von 6 auf 10 erhöht werden.[2] Moskau dürfte bereits eine Iskander-Brigade in die russische Enklave Kaliningrad verlegt haben.[3] Aufgrund deren Reichweite dürften diese Flugkörper das gesamte Baltikum, wie auch die Städte Berlin, Kopenhagen, Stockholm und Warschau abdecken. Die Iskander-Werfer dürften durch die in Kaliningrad stationierten Boden-Luft-Lenkwaffen S-400 (NATO-Bezeichnung SA-21 Growler) gegenüber gegnerischen Luftangriffen geschützt sein. In den vier Militärbezirken Russlands sind in den Grossen Verbänden der Teilstreitkräfte Heer, See- und Lauftraumstreitkräfte weitere operativ-taktische und taktische Nuklearwaffen integriert. Die Zahl der nuklearen Gefechtsköpfe dieser nichtstrategischen Waffensysteme werden auf 1’081 bis 1’380 geschätzt.[4] Diese Waffensysteme und deren nukleare Gefechtsköpfe unterliegen keinen Rüstungskontroll- und Rüstungsbegrenzungsabkommen. Deshalb sind sie zahlenmässig auch nie erfasst worden.[5] Insgesamt könnte Russland über 7’000 (evtl. bis 17’000) nukleare Gefechtsköpfe (einsatzfähig und in Depots) verfügen.[6]

Die USA dürften in Europa, so in Belgien, Deutschland, Italien, in den Niederlanden und in der Türkei 150 bis 200 nukleare B-61-Freifallbomben für den Abwurf durch amerikanische und alliierte Kampfflugzeuge (dual-capable combat aircraft) stationiert haben. 1992 hatten die USA die Zahl der nuklearen Gefechtsköpfe für die nichtstrategischen Waffensysteme in Europa bereits auf 1’000 reduziert.[7] Das gesamte Arsenal an nuklearen Gefechtsköpfen der USA wird je nach Quelle auf über 6’800 geschätzt.[8] Ein Grund für diese im Vergleich zu Russland tiefere Zahl könnte darin bestehen, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die USA einen grossen Teil ihres Arsenals an nichtstrategischen Waffensystemen und deren nukleare Gefechtsköpfe beseitigt haben.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die militärischen Planungsstudien der UdSSR und des Warschauer Paktes für einen Krieg in Europa deklassifiziert.[9]  Was aufgrund des Studiums der sowjetischen Militärwissenschaft[10] schon früher bekannt war, wurde durch die Einsicht in diese Dokumente bestätigt. Gemäss der in den 60er bis 80er Jahren gültigen Militärdoktrin der UdSSR war in einem konventionellen Grosskrieg in Europa der Einsatz operativ-taktischer und taktischer Nuklearwaffen eingeplant. Dieses Axiom wurde offenbar durch die Russische Föderation übernommen, denn bereits 2000 gab Moskau bekannt, dass Russland jeden grösseren konventionellen Angriff auf sein Territorium mit Nuklearwaffen zerschlagen würde. In der 2010 veröffentlichten Doktrin wurde dieses Axiom bestätigt und dahingehend konkretisiert, dass jeder Krieg mit operativ-taktischen und taktischen Nuklearwaffen abgewehrt würde. Sollte die Gegenseite aber in einem solchen Krieg mit dem Einsatz von operativ-taktischen und taktischen Nuklearwaffen drohen, dann würden die strategischen Nuklearwaffen Russlands jene des Gegners, sowie weitere Ziele im gegnerischen Hinterland, durch einen massiven präemptiven Schlag ausschalten. Diesem Schlag könnten mehrfache oder einzelne Schläge folgen.

Seit 1999 werden in russischen Manövern simulierte Einsätze mit operativ-taktischen und taktischen Nuklearwaffen durchgeführt. 2010 erfolgte eine militärische Übung mit hunderten von Flugkörpereinsätzen. Bei Ausbruch der Krise um die Ukraine führten die strategischen Raketentruppen 2014 eine simulierte Übung mit einem massiven Nuklearschlag aus. Im Februar 2015 gab ein Militärkorrespondent der Agentur RIA Novosti bekannt, dass die Schwelle für Nukleareinsätze gesenkt worden sei.[11] Offenbar soll durch den in jedem Krieg erfolgten Einsatz operativ-taktischer und taktischer Nuklearwaffen mit der gleichzeitig angedrohten Eskalation zu den strategischen Nuklearwaffen der Gegner zur Deeskalation der Kriegshandlungen und damit zur Kapitulation gezwungen werden. Die NATO-Strategie der Flexiblen Erwiderung (flexible response), die die Abwehr mit konventionellen Streitkräften über das Bindeglied der operativ-taktischen Nuklearwaffen mit dem angedrohten Einsatz der strategischen Nuklearwaffen der USA verknüpft, soll dadurch von vornherein ausmanövriert werden. Damit soll jede Abwehr der NATO, die den Einsatz von nichtstrategischen Nuklearwaffen vorsehen würde, verhindert werden. Der einzige Ausweg aus diesem Null-Summenspiel für die NATO wäre die Kapitulation.

[1] Stahel, A.A., USA – UdSSR Nuklearkrieg?, Die Arsenale der beiden Supermächte 1945-1982, Verlag Huber, Frauenfeld, 1983, S. 136/137.

[2] The Military Balance 2017, The International Institute for Strategic Studies, London, 2017, P. 195.

[3] The Military Balance 2017, P. 185.

So auch Cordesman, A.H., NATO and the Delicate Balance of Deterrence: Strategy versus Burden Sharing, CSIS, February 7, 2017, P. 4.

[4] Norberg, J. and F. Westerlund, with contributions from C.V. Pallin, R. Roffey and P. Wikström, Russia’s Armed Forces in 2016, in: Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective – 2016, G. Persson (ed.). FOI, Stockholm, December 2016, P. 43.

[5] Cordesman, A.H., P. 4.

[6] Schneider, M.B., Escalate to De-Escalate, in: Proceedings, U.S. Naval Institute, February 2017, P. 27.

So auch Cordesman, A.H., P. 4.

[7] The 2017 Military Balance Chart, US Forces in Europe 1989 and 2017, in: The Military Balance 2017.

[8] Cordesman, A.H., P. 4.

[9] Schneider, M.B., P. 27.

[10] Sokolowski, W.D., Marschall der Sowjetunion, (Hrsg.), Militär-Strategie, Markus Verlag GmbH, Köln, 1969.

So auch Grechko, A.A., Marshal of the Soviet Union, The Armed Forces of the Soviet Union, Progress Publishers, Moscow, 1975/77.

[11] Schneider, M.B., P. 27.

Print Friendly, PDF & Email