Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden im Mittleren Osten verschiedene Kriege unter Einmischung der beiden Grossmächte Russland und USA geführt. Im Irak kämpfen schiitische Araber und kurdische Peschmerga gegen die sunnitischen Jihadisten des Islamischen Staates. Luftkrieg und Beratung der irakisch-schiitischen Armee von Bagdad obliegt den Amerikanern und ihren Alliierten. Gleichzeitig beraten Kommandeure der iranischen Revolutionsgarde schiitische Milizen im Krieg gegen den Islamischen Staat.

In Syrien führt die Armee von Assad, die durch die schiitische Sekte (Siebner-Schiiten) der Alawiten dominiert wird, mit Unterstützung schiitischer Hisbollah-Söldner aus dem Libanon und afghanischer Söldner, die unter den schiitischen Hazara Afghanistans rekrutiert werden, Krieg gegen die sunnitische Opposition. Assads Söldnerarmee wird durch iranische Generäle geführt. Der russische Präsident Wladimir Putin vernichtet mit seinen Freifallbomben für Assad die Kampfstellungen der sunnitischen Araber. Gleichzeitig führen die Amerikaner mit Kampfverbänden syrischer Kurden in Syrien einen Separatkrieg gegen die sunnitischen Jihadisten des Islamischen Staates.

Die Türkei unter ihrem Herrscher Erdogan bombardiert und greift Stellungen der türkischen Kurden im Irak und der syrischen Kurden an. Zeitweise bombardiert die Türkei auch Stellungen des Islamischen Staates.

Das sunnitische Saudi-Arabien bombardiert im Jemen mit seinen Alliierten die Huthi-Verbände der schiitischen Zaiditen (Fünfer-Schiiten). Bis anhin mit wenig Erfolg. Die Huthi-Kampfverbände wiederum werden durch ihre iranischen Meister mit Waffen beliefert und durch diese militärisch beraten.

Die Ursachen für diese Kriege im Mittleren Osten sind in der Geschichte der Region zu finden. Das erste Ereignis, das zum Antagonismus zwischen Persern und Arabern führte, war die Eroberung des Perserreichs der Sassaniden durch die Araber 637. Die Schlacht von Kadesa besiegelte den Untergang des Sassanidenreichs.

Das zweite Ereignis war die Ermordung des vierten Kalifen und Schwiegersohns des Propheten, Alî ibn Abî Tâlib, am 28. Januar 661 in Kufa, im heutigen Irak gelegen. Die Ermordung von Ali bewirkte die Spaltung der Gemeinschaft der islamischen Gläubigen in Sunniten und Schiiten (die Schia ist die Partei von Ali). Für die Sunniten sind die Schiiten heute noch Ungläubige. In der Sunna ist jede Abbildung von Menschen und damit auch des Propheten verboten. Dagegen bilden verschiedene schiitische Sekten Ali als Heiligen ab. Die Reihe der anerkannten Imame beginnt für die Schiiten erst mit Ali. Nur ein direkter Nachkomme des Propheten darf die Gläubigen anführen. Die Sunniten lehnen dies ab. Für sie soll der Kalif ein Angehöriger des Stamms des Propheten, der Quraisch, sein. Unter diesen darf nur der Fähigste und Gläubigste die Führung beanspruchen.

Die Safawiden, die sich zu Herrschern über das Perserreich aufschwangen, führten 1501 die Zwangsbekehrung der Bevölkerung zur Sekte der Zwölferschiiten, die die dominierende Sekte unter den Schiiten ist, durch. Seither ist die Zwölfer-Schia die Staatsreligion im Iran. Nur schon deshalb war der Konflikt mit dem sunnitischen Reich der Osmanen vorbestimmt. In den Kriegen mit den Osmanen mussten die Perser das durch Schiiten dominierte Mesopotamien (heutiger Irak) an das osmanische Reich abtreten.

Die beiden Kolonialmächte Frankreich und Grossbritannien schusterten 1919 aus der Konkursmasse des osmanischen Reichs die beiden Kunststaaten Syrien und Irak zusammen. Syrien, bevölkert durch eine Vielzahl von Religionen und Ethnien, wurde dank französischer Förderung sehr bald durch die schiitische Sekte der Alawiten, eine Minderheit in Syrien, dominiert. Ab den 70er Jahren wurde die sunnitische Mehrheit in Syrien durch die Alawiten beherrscht.

Die Briten setzten 1919 die sunnitische Herrscherfamilie der Haschemiten als Könige über den Irak ein. Die Haschemiten stammten vom Propheten ab, lebten aber seit jeher im Hedjas mit den Heiligen Städten Mekka und Medina. Bis und mit Saddam Hussein waren alle Herrscher des Iraks Sunniten. Das Gebiet der sunnitischen und schiitischen Araber ergänzten die Briten mit der Provinz Mosul, in der vor allem Kurden lebten.

Die Amerikaner zerstörten mit ihrer Invasion und dem Sturz von Saddam Hussein 2003 das sunnitische Herrschaftssystem über den Irak. Dank der Beseitigung der sunnitischen Herrschaft konnten schiitische Politiker und Kleriker die Macht über den Irak übernehmen. Die schiitischen Machthaber in Teheran nützten die Situation aus und übernahmen über ihre Klientel im Irak die Kontrolle über die Regierung in Bagdad. Die Kurden ihrerseits haben einen halbautonomen Staat begründet, der nur noch nominell zum Irak gehört. Die Marginalisierung der Sunniten im Irak förderte am Ende auch den Aufstieg der Jihadisten des Islamischen Staates. Ihr Anführer, Kalif Ibrahim, sieht sich als Angehöriger des Stammes des Propheten dazu legitimiert.

Im Augenblick sieht es danach aus, als ob die Islamische Republik Iran im Mittleren Osten auf Kosten der sunnitischen Regionalmächte Saudi-Arabien und Türkei ein schiitisches Machtgebiet begründet hätte, das von Afghanistan bis in den Libanon und damit ans Mittelmeer reichen würde. Das Vorbild dazu wäre das Perserreich der Sassaniden, das auf seinem Höhepunkt diese Machtstellung beanspruchte. Nach kurzer Zeit wurde es aber durch Byzanz besiegt und anschliessend durch die Araber vernichtet.

Ihren bisherigen Erfolg verdanken die Iraner schlussendlich der Invasion des Iraks durch US-Präsident Bush jr. und dem Abseitsstehen des US-Präsidenten Obama im Mittleren Osten. Sollte es Teheran gelingen, seine Herrschaft über dieses Gebiet definitiv zementieren zu können, dann wäre dies vermutlich das Ende der Vorherrschaft der Sunniten in der islamischen Welt. Noch werden aber zum gegenwärtigen Zeitpunkte Kriege im Mittleren Osten zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Arabern und Persern, zwischen Kurden und Türken, zwischen Kurden und Arabern ohne Ende geführt.

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