von FOCUS Online Redakteur Julian Rohrer

Von Senior Master Sgt. Adrian Cadiz - Secretary of defense visits NATO, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47394716
Von Senior Master Sgt. Adrian Cadiz – Secretary of defense visits NATO, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47394716

Unter Donald Trump könnten die Vereinigten Staaten ihre starke Rolle in der weltweiten Sicherheitspolitik deutlich zurückfahren – etwa, indem sie ihre Beteiligung bei der Nato zurückfahren. Was der designierte Präsident Trump in einigen Tweets angedeutet hat, ist für Militärstrategen eine feste Größe in der Sicherheitspolitik der kommenden Jahre.

„Trump wird die Nato marginalisieren“, sagt der Schweizer Militärstratege Albert A. Stahel FOCUS Online.
„Das bedeutet, dass der US-amerikanische Verteidigungsanteil in Europa abnehmen dürfte.“ Das hätte schwerwiegende Folgen für Europa: „Unsere Sicherheit wird abnehmen. Die Abschreckung gegenüber Russland wird zusammenbrechen.“

Das sei gerade in Zeiten eines aktiv auf das Weltgeschehen eingreifenden russischen Präsidenten Wladimir Putin ein gefährliches Zeichen. „Für die baltischen Staaten sehe ich die Gefahr einer militärischen Intervention Russlands. Bei den übrigen, westeuropäischen Staaten setzt Putin eher auf Hacker und Propaganda.“

Um sich etwaiger russischer Ambitionen zu erwehren, sieht der erfahrene Militärstratege drei Säulen:

1. Europäische Allianz

„Der Rest der Nato muss nach einem Rückzug der USA eine Allianz gründen. Kein Zweifel: Eine europäische Armee ist unbedingt notwendig. Bei diesem Rettungsmanöver sehe ich Deutschland und Frankreich in der Führungsrolle“, erklärt Stahel.

  • Die Erklärung: Da sich Großbritannien aus der EU zurückzieht, spielt die Insel keine Rolle bei europaweiten Sicherheitsüberlegungen. Die restlichen Staaten der Allianz könnten ihre Stärken in die Europa-Armee einbringen und ausbauen: Deutschland wäre beispielsweise für die Panzerarmee zuständig, Frankreich für die Nuklearwaffen. Ein wichtiger Punkt, sagt Stahel: „Ohne Nuklearwaffen kann man Russland nicht abschrecken.“

2. Europäische Aufrüstung

„Es bräuchte eine gewaltige Aufrüstung. Seit 1991 haben die Europäer im konventionelle Militärbereich nur abgerüstet. Putin hat seit 2008 ein Aufrüstungsprogramm, dessen Ziele 2020 erreicht werden soll. Dann stellt die russische Armee eine gewaltige Bedrohung dar“, sagt Stahel.

  • Die Erklärung: Die Uhr tickt: Putin will auf mehr als 2300 moderne Panzer, 330 Kampfhelikopter, 450 Kampfflugzeuge aufrüsten, außerdem hat er Zugriff auf Nuklearwaffen. Westeuropäische Staaten haben seit 1990 kontinuierlich abgerüstet – Deutschland hatte damals rund 75 Panzerbataillone, 2015 waren es noch fünf.
  • „Ein schwaches Europa ist eine Einladung für politischen und militärischen Druck“, sagt Stahel. „Eine europäische Armee müsste mindestens genauso groß und stark sein wie die russische.“ Eine gewaltige Aufgabe: Deutschland hat derzeit 306 moderne Kampfpanzer des Typs Leopard II, Frankreich hat 200. Putin will in drei Jahren mehr als 2300 moderne Kampfpanzer haben.

3. Europäische Manöver

„Eine Armee ist nur so stark, wie sie trainiert ist“, sagt Stahel.

  • Die Erklärung: Die steten Bemühungen der Nato, Großmanöver durchzuführen, zeigen es: Militärisches Material ist das eine – eine gute Zusammenarbeit der beteiligten Armeen eine andere. Russlands Armee befinde sich auf einem guten Ausbildungsstand, nicht zuletzt wegen des Einsatzes in Syrien: „Das ist Putins Übungsplatz“, sagt Stahel. Deswegen müsse auch eine europäische Armee gemeinsame Übungsmanöver durchführen – auch, um ihre Schlagkraft unter Beweis zu stellen.

Wenn ehemalige Minister wie Joschka Fischer mit politischem Gewicht zu einer gemeinsamen, europäischen Kraftanstrengung zur Wahrung der Stabilität und Sicherheit aufrufen, begrüßt Stahel das: „Ein europaweiter Wachruf müsste stattfinden. Deutschland und Frankreich sind jetzt herausgefordert, denn wir brauchen die Achse Berlin – Paris.“