Vor der verbotenen Stadt
Vor der verbotenen Stadt

Am 31. Dezember 2015 hat Präsident Xi Jinping als Oberbefehlshaber der PLA (Volksarmee Chinas) General Wei Fenghe zum kommandierenden General der neu gebildeten Raketenstreitkräfte (PLARF) ernannt.[1] Ergänzt wird diese Umstrukturierung der Volksarmee durch die Umrüstung der landgestützten interkontinentalen ballistischen Flugkörper (ICBM[2]) und der U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörper (SLBM[3]) mit Mehrfach-Wiedereintrittskörpern (MIRV[4]). Gleichzeitig erhalten die chinesischen Seestreitkräfte (PLAN) neue U-Bootgestützte ballistische Flugkörper (SLBM) und nuklearangetriebene U-Boote (SSBN[5]), und die Luftstreitkräfte (PLAAF) Bomber mit neuen luftgestützten Marschflugkörpern.

Gleichzeitig will China offenbar ein strategisches Raketenabwehrsystem und ein Anti-Satelliten-System (ASAT[6]) errichten. Zu diesem Zweck soll die Koordination zwischen PLARF, PLAAF und den neu gebildeten strategischen Unterstützungskräften (PLASS) intensiviert werden.

Mitte 2020 könnte die PLA zur Führung strategischer nichtnuklearer Schläge, sogenannter Prompt Global Strikes (PGS), fähig sein. Zu diesem Zeitpunkt sollte für die Ausführung von Schlägen auch ein Arsenal mit nuklearen und nichtnuklearen Flugkörpern im Mittelstreckenbereich (MRBM[7] und IRBM[8]), mit nuklearen und nichtnuklearen Flugkörper im Kurzstreckenbereich (SRBM[9]) sowie Langstreckenmarschflugkörpern (LACM[10]) auf U-Booten und Bombern verfügbar sein.

 

Die Raketenstreitkräfte

Seit dem 31. Dezember 2015 sind die Raketenstreitkräfte eine Teilstreitkraft der chinesischen Volksarmee, ebenbürtig dem Heer, den See- und den Luftstreitkräften. Das Kommando der Raketenstreitkräfte (PLARF) ersetzt das Zweite Artilleriekorps, dem von 1966 bis 2015 auf einer tieferen Stufe die Raketenstreitkräfte unterstellt waren. Neben der Kontrolle über die nuklearstrategischen Flugkörper ist es denkbar, dass den PLARF im Ernstfall auch die nuklearen und nichtnuklearen Flugkörper im Mittel- und Kurzstreckbereich des Heeres unterstellt werden könnten.[11]

Auch PLAN und PLAAF erhalten neue nuklearstrategische Waffen. Denkbar ist, dass auch diese strategischen und nichtstrategischen Nuklearwaffen, zusammen mit jenen der PLARF im Ernstfall einem gemeinsamen Kommando unterstellt würden.

 

Die Luftstreitkräfte und die strategischen Unterstützungskräfte

Die Raketenabwehr und die Waffen für die Zerstörung von Satelliten (ASAT) könnten zum neuen Kommando der Raumstreitkräfte zusammengefasst werden, das den strategischen Unterstützungskräften unterstellt würde. Ungeklärt ist, wer, PLARF oder PLASSF, inskünftig die mobilen Trägerraketen mit Feststoffantrieb, so Langer Marsch-11 (LM-11) der China Aerospace Science and Technology Corporation (CASC) und KZ-11 von China Aerospace Science and Industry Corporation (CASIC), kontrollieren wird. Diese Trägerraketen könnten für ASAT oder für Prompt Global Strike zur Verfügung stehen.[12] Ein dritter Typ von Trägerraketen wurde im September 2016 anlässlich eines Kongresses in Guadalajara, Mexiko, vorgestellt. Es handelt sich um die 58 Tonnen schwere, mobile, vierstufige LS-1, mit festem Antriebsstoff der LandSpace Corporation.[13] Diese Trägerrakete soll im Juni 2017 einsatzbereit sein.

Fest steht der Auftrag an die PLAAF, die Abwehr ballistischer Flugkörper (Raketenabwehr) mit den russischen Lenkwaffen S-400 zu führen. Eines Tages könnte China für die Raketenabwehr auch über elektromagnetische Schienenkanonen und Laser verfügen.

Für Prompt Global Strike könnten die neuen mobilen interkontinentalen ballistischen Flugkörper DF-41 (ICBM) mit dem Gleitsystem (HGV) im Hyperschall, Wu-14, eingesetzt werden.

 

Neue nukleare Gefechtsköpfe für den interkontinentalen Einsatz

Offenbar modifizieren die Chinesen ihre interkontinentalen ballistischen Flugkörper DF-5A, Reichweite 12‘000 km, als Trägersystem für 6 bis 8 gegen mehrere Ziele einsetzbare Wiedereintrittskörper (MIRV) zu DF-5B. Des Weiteren sollen die Flugkörper DF-41 mit MIRV, Reichweite 13‘000 km, inskünftig in zwei Varianten entwickelt werden, einem strassenmobilen System und einem System für den Abschuss ab Eisenbahnen.

Seit 2008 erhalten die PLAN in Schritten fünf neue nuklearangetriebene U-Boote der 094-Klasse (SSBN) mit ballistischen Flugkörpern SLBM JL-2, Reichweite 8‘000 km (je 12 MIRVs). China soll jetzt für neue SLBM JL-3, ausgerüstet mit MIRVs, neue SSBN-U-Boote der 094A-Klasse entwickeln.[14] Die Flotte soll auch durch 14 neue nuklearangetriebene Angriffs-U-Boote (SSN[15]) der 093B-Klasse verstärkt werden.[16]

Bei den Luftstreitkräften werden die 50-100 Mittelstreckenbomber H-6K[17] (Reichweite 3‘000 bis 4‘000 km) für den Einsatz weitreichender Marschflugkörpern (LACM, Reichweite 1‘500 km) mit nuklearen Gefechtsköpfen modifiziert.

 

Neue nukleare und nichtnukleare Systeme für den operativen und operativ-taktischen Einsatz

Die ballistischen Flugkörper im Mittelstreckenbereich (MRBM und IRBM) sowie die Langstreckenmarschflugkörper (LACM) der PLARF sollen mit einer ganzen Bandbreite nuklearer und nichtnuklearer Gefechtsköpfen ausgerüstet werden.[18] Zu diesem Arsenal gehören die ballistischen Flugkörper DF-26 mit eine Reichweite von 4‘000km, die DF-21 mit einer Reichweite von 1‘700 km, die DF-21A mit einer Reichweite von 2‘150 km, die DF-16 mit einer Reichweite von 800-1‘000 km, die DF-15 mit einer Reichweite von 360 km sowie die Boden-Boden-Marschflugkörper DF-10 mit einer Reichweite von 1‘500 km. China dürfte über ein Arsenal von 200-300 Flugkörpern[19] im Mittelstreckenbereich verfügen.

Die ballistischen Flugkörper DF-21D (ASBM[20]), ausgerüstet mit selbständig steuerbaren Wiedereintrittskörpern (MaRV[21]), Reichweite 1‘700 km, sind für die Bekämpfung der US-Flugzeugträger entwickelt worden. Bereits heute können mit den DF-21D bis zum US-Stützpunkt Guam Ziele abgedeckt werden. Im Südchinesischen Meer erstellt China auf seinen künstlichen Inseln Hangars für DF-21D zwecks Vorbereitung für das Versenken von US-Kriegsschiffen. Die Technologie der MaRV stammt vom früheren US-Flugkörper Pershing II im Mittelstreckenbereich (Reichweite 1‘800 km)[22]. Das Wissen darüber sollen die Chinesen durch Spionage gestohlen haben.[23] Die Flugkörper DF-21D könnten sehr bald durch die weitreichenderen DF-26, Reichweite 4‘000 km, ergänzt werden.

 

Tausende ballistische Flugkörper im Kurzstreckenbereich

Über die Anzahl ballistischer Flugkörper im Kurzstreckbereich (SRBM) Chinas bestehen unterschiedliche Angaben. Während das Military Balance 2016 eine Zahl von 189 angibt,[24] nennt das US-Verteidigungsministerium eine Zahl von über 1‘200 SRBM.[25] Auch dieses Arsenal soll durch die Einführung neuer Systeme laufend modernisiert werden, die zielgenauerer als die Vorgängermodelle sein werden.[26]

 

Die Abwehr gegnerischer U-Boote

Für die Bekämpfung der U-Boote der USA entwickelt China ein komplexes System, bestehend aus fest verankerten Sonaren, Sonaren auf Schiffen, Überwassersystemen, modernen EDV-Systemen sowie Torpedos für den Abschuss durch ballistische Flugkörper des Mittel- und Kurzstreckenbereiches sowie durch Langstreckenmarschflugkörper.

 

Fazit

Ein wesentlicher Teil der durch China für die Entwicklung der neuen ballistischen Flugkörper und Marschflugkörper eingesetzten Technologie stammt aus dem Transfer durch Russland. Nach wie vor ist die russische Rüstungstechnologie jener von China überlegen. In ein paar Jahren könnte China vermutlich nicht mehr auf den russischen Technologietransfer angewiesen sein.

Mit der Aufrüstung und Modernisierung ihres Arsenals an ballistischen Flugkörpern sowie Marschflugkörpern will die Volksrepublik die Machtverhältnisse im Westlichen Pazifik zu ihren Gunsten verändern und in einer Krise die USA von einer Unterstützung seiner Alliierten, Japan und Südkorea, abschrecken. Sollte China diese Ziele erreichen können, dann muss damit gerechnet werden, dass sowohl Japan wie auch Südkorea für die Abschreckung der Machtansprüche von China sehr schnell eigene Nuklearwaffen entwickeln werden.[27]

[1] Fisher, R.D., Jr., Recent Trends in China’s Missile and Strategic Strike Forces, International Assessment and Strategy Center, October 1, 2016, P. 1.

[2] ICBM, Inter-Continental Ballistic Missile(s), Reichweite über 5‘500 km.

[3] SLBM, Submarine-Launched Ballistic Missile(s).

[4] MIRV, Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle(s)

[5] SSBN, Nuclear-Powered Ballistic Missile Submarine(s).

[6] Anti-Satellit

[7] MRBM, Medium-Range Ballistic Missile(s), Reichweite 1‘000-3’000 km.

[8] IRBM, Intermediate-Range Ballistic Missile(s), Reichweite 3‘000-5‘500 km.

[9] SRBM, Short-Range Ballistic Missile(s), Reichweite unter 1‘000 km.

[10] LACM, Land-Attack Cruise Missile(s).

[11] Fisher, R.D., Jr., P. 2.

[12] Fisher, R.D., P. 2.

[13] Fisher, R.D., P. 3.

[14] Fisher, R.D., P. 4.

[15] SSN, Nuclear-Powered Attack Submarine(s).

[16] Fisher, R.D., P. 6.

[17] The Military Balance 2016, The International Institute for Strategic Studies, London, 2016, P. 245.

[18] Fisher, R.D., P. 7.

[19] The Military Balance 2016, P. 240.

[20] ASBM, Anti-Ship Ballistic Missile(s).

[21] MaRV, Maneuvering Reentry Vehicle(s).

[22] Stahel, A.A., USA-UdSSR Nuklearkrieg?, Die Arsenale der beiden Supermächte 1945-1982, Verlag Huber, Frauenfeld, 1983, S. 62-65.

[23] Fisher, R.D., P. 7.

[24] The Military Balance 2016, P. 240.

[25] Annual Report to Congress, Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China 2015, Office of the Secretary of Defense, Washington DC, 2015, P. 46.

[26] Fisher, R.D., P. 9.

[27] Fisher, R.D., P. 10.