Operativ-taktischer Boden-Boden-Flugkörper SCUD B
Operativ-taktischer Boden-Boden-Flugkörper SCUD B

Da der US-Präsident Obama den russischen Präsidenten Putin mit seinen Bombardierungen in Syrien nicht gestoppt hat, besteht die Möglichkeit, dass dessen Appetit auf weitere kriegerische Abenteuer gewachsen sein könnte. Die Inaktivität Obamas könnte Putin zu weiteren Kriegen verleiten.

Seit 2008 werden die russischen Streitkräfte umstrukturiert und mit modernen Waffen aufgerüstet. Immer wieder werden die russischen Grossverbände durch grosse Übungen im Kampf der verbundenen Waffen getestet und gefördert. Dabei sind die russischen Streitkräfte heute ohne Einschränkungen auf die militärstrategische Kultur Russlands ausgerichtet und damit jederzeit einsatzbereit.[1] Die militärstrategische Kultur Russlands wird durch vier Faktoren bestimmt:[2]

  1. die strategische Einmaligkeit (Strategic uniqueness) Russlands;
  2. die strategische Verwundbarkeit (Strategic vulnerability) Russlands;
  3. den Krieg mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln führen (going to war with all of Russia);
  4. die Entscheidung zu Beginn des Krieges suchen (decisiveness of the initial period of war).

Das militärische Denken und Verhalten Russlands und damit auch der russischen Streitkräfte (Übungen, Militärbezirke, Kommandoführung, Mobilisation, Logistik, Transportsystem) über den Krieg ist auf diese vier Faktoren ausgerichtet. Das Ergebnis ist die Vorbereitung der Streitkräfte auf die Führung des Hybriden Krieges, der wegen der strategischen Verwundbarkeit des Landes ausserhalb Russlands ausgetragen werden muss. Der Hybride Krieg wird im Vergleich zum westlichen Ansatz im militärstrategischen Denken Russlands viel umfassender definiert. Für die Führung eines Hybriden Krieges muss Russland alle verfügbaren Mittel einsetzen. Zu diesen gehören Spezialeinheiten, der Informationskrieg, cyber war, politische Sabotage, wirtschaftlicher Druck, Erpressung mit der Androhung von Energielieferungsunterbrechungen, konventionelle und nukleare Streitkräfte.[3] Alle diese Mittel sind Bestandteile der russischen Gesamtstrategie des Hybriden Krieges. Dabei gilt, dass diese Mittel als Folge der eigenen Verwundbarkeit offensiv (homeland hybrid strategic offense) einzusetzen sind.[4] Die Annexion der Krim, der Krieg in der Ost-Ukraine, die fortlaufende Einschüchterung der Regierung von Kiew und der Krieg in Syrien sind Beispiele für die Umsetzung der Strategie des Hybriden Krieges. Zu dieser Strategie gehört auch die angedrohte Eskalation und damit Intensivierung der Kampfhandlungen zur nächst höheren Phase eines Krieges.

Wegen der strategischen Verwundbarkeit muss Russland die Offensive überraschend führen. Der präemptive Angriff[5], die Dominanz der Eskalation, die Überraschung, die Angriffsstärke und die Täuschung bestimmen militärische Operationen.[6] Mit verschiedenen Übungen und Manövern wie Vostok 2014 werden die russischen Streitkräfte auf militärische Operationen Richtung Ost, West, Nord (Arktis) und Süd (Kaukasus) vorbereitet.[7] Die Peripherie Russlands wird in Moskau offenbar als sehr instabil beurteilt. Jederzeit können neue Kriege in der Arktis, in der Ostsee und im Schwarzmeer ausbrechen.[8] Die Führung in Moskau und die Streitkräfte müssen deshalb die Initiative der Kriegführung und die Dominanz der Eskalation der Mittel jederzeit beherrschen können. Als Ergebnis der Einführung neuer Waffentechnologien könnte ein zukünftiger Krieg auch zu einem globalen Krieg eskalieren.[9]

Aufgrund der russischen Geschichte und der Verwundbarkeit Russlands dürfte für Moskau das Baltikum und die Ostsee ein unverzichtbarer Bestanteil der eigenen Geopolitik sein, der mit allen Mitteln wieder beherrscht werden muss. Bei der Planung einer Eroberung der baltischen Republiken gilt es, die Abwehr einer Gegenoffensive der NATO durch Kampfflugzeuge vorzubereiten. Dazu gehört die Stationierung weitreichender Fliegerabwehrsysteme wie S-400 in der Enklave Kaliningrad.[10] Einen angedrohten Einsatz von Nuklearwaffen seitens der NATO könnte Moskau durch die Eskalationsdominanz mit den in Kaliningrad stationierten operativ-taktischen Boden-Boden-Flugkörpern Iskander-M (Reichweite ca. 700 km)[11] abschrecken. Mit einem Hybriden Blitzkrieg gegen das Baltikum könnte Moskau vermutlich bereits heute die NATO und die USA mit vollendeten Tatsachen konfrontieren.

[1] Covington, St. R., The Culture of Strategic Thought Behind Russia’s Modern Approaches to Warfare, Foreword by Kevin Ryan, Belfer Center for Science and International Affairs, HARVARD Kennedy School, October 2016, P. 3ff.

[2] Covington, St. R., P. 4/5.

[3] Covington, St. R., P. 9.

[4] Covington, St. R., P. 11.

[5] Schwarz, U. and L. Hadik, Strategic Terminology, A Trilingual Glossary, Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien, 1966, P. 38.

[6] Covington, St. R., P. 14.

[7] Covington, St. R., P. 16.

[8] Covington, St. R., P. 17.

[9] Covington, St. R., P. 22.

[10] Covington, St. R., P. 32.

[11] STRATFOR, Russia: Military Deploys Iskander Missiles To Kaliningrad, October 8, 2016, 16:10 GMT.

So auch Hinshaw. D. and J.E. Barnes, Russia Moves Advanced Missiles Toward Poland, in: The Wall Street Journal, October 10, 2016, P. A4.