Immer noch werden im deutschsprachigen Raum die Auseinandersetzungen auf dem nordamerikanischen Kontinent zwischen den Euro-Amerikanern und den eingeborenen Völkern aufgrund von Schriften wie jene von Karl May romantisch beurteilt. In Wirklichkeit waren diese Auseinandersetzungen durch das Ziel des Landraubs und der Auslöschung der eingeborenen Bevölkerung bestimmt. Der Krieg wurde mit äusserster Brutalität ausgetragen. Dieser Krieg und Genozid setzte zu Beginn des 17. Jahrhundert ein und dauerte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Das Kontinuum dieses Krieges, der über 300 Jahre dauerte, wird in der amerikanischen Geschichte bis heute nicht thematisiert. Lediglich die einzelnen Phasen des Krieges der Weissen gegen die Eingeborenen werden erwähnt[1]

The First, Second, and Third Tidewater Wars, the Pequot War, King Philip’s War and Bacon’s Rebellion, the Tuscarora War, the Yamassee War, Pontiac’s Rebellion, …, (the Great Sioux War).”

Der über drei Jahrhunderte dauernde Krieg der Euro-Amerikaner gegen die eingeborenen Nationen diente dem Diebstahl ihres Landes und ihrer Ressourcen. Dieses Ziel wurde vielfach auch mit religiösen Fanatismus und rassistischer Überlegenheit der Weissen gegenüber den Eingeborenen verbrämt. Entgegen den Behauptungen im 19. Jahrhundert war der nordamerikanische Kontinent vor der Invasion der Euro-Amerikaner nicht menschenleer. Aufgrund von archäologischen Fundstätten kann die damalige eingeborene Bevölkerung Nordamerikas ohne Mexiko auf bis 18 Millionen Menschen geschätzt werden. In Mexiko und der Karibik dürften 20 Millionen gelebt haben. Rechnet man noch Südamerika hinzu, dann könnte die Bevölkerung ganz Amerikas zwischen 43 bis 65 Millionen Menschen betragen haben. Dies war ein 1/5 der damaligen Weltbevölkerung.[2]

Bereits bei der Gründung der ersten permanenten Siedlung Jamestown leisteten die Eingeborenen den imperialen Ansprüchen der Weissen durch einen antikolonialen Krieg Widerstand. Am 21. April 1607 landete Captain Christopher Newport zwecks Erkundung der Siedlungsmöglichkeiten an der Küste. Bei der Wiedereinschiffung wurde sein Kontingent in einem Hinterhalt durch Eingeborene überfallen. Zwei Engländer wurden dabei verwundet.[3]

In den nächsten drei Jahrhunderten tobte ein erbarmungsloser Krieg zwischen den Weissen und den Eingeborenen. Nach den Eroberungen und Besiedlungen der Ostküsten drangen die Euro-Amerikaner bis zum Mississippi vor. Von da aus führten die weissen Siedler ihre Trecks über die Plains nach Kalifornien und Oregon. Nach dem Bürgerkrieg folgte die Eroberung der Plains.

Den Eingeborenen wurde ihr Land durch Betrug, Bestechung, Gewalt und mittels angedrohter Gewalt abgerungen. Die sogenannten Verträge zwischen Vertretern der Regierung in Washington DC und einzelnen Häuptlingen waren reine Fassade. Ein Beispiel dafür ist der Vertrag von Fort Laramie von 1851. Angeblich hatten die Bevollmächtigten von Washington mit der Nation der Sioux einen Vertrag abgeschlossen. In Tat und Wahrheit hatten nur einzelne Häuptlinge einiger weniger kleiner Sioux-Stämme den Vertrag unterzeichnet. Die wichtigen Häuptlinge der grossen Teton- und Yanktonais-Stämme waren aber abwesend gewesen.[4]

Die Betrügereien der Euro-Amerikaner wurden von bedeutenden Persönlichkeiten der Eingeborenen wie dem Ottawa-Häuptling Pontiac (1770 ermordet), dem Shawnee-Häuptling Tecumseh (1768-1813)[5] und dem Hunkpapa-Lakota-Häuptling Sitting Bull (Tatanka-Tyotanka, 1831-1890)[6] durchschaut. Sie organisierten einen Widerstand, wurden aber am Ende verraten und ermordet. Schrittweise wurden die Stämme zuerst in unfruchtbare Gebiete abgedrängt. Anschliessend wurden ihre Reservate bis zur Bedeutungslosigkeit zunehmend verkleinert.

Die Auslöschung und damit der Genozid an den Eingeborenen wurde durch die Verbreitung von Erregern aus der Alten Welt, wie Typhus, Cholera, Tuberkulose, Masern und Pocken, gegen die die Eingeborenen über keine Abwehr verfügten, gefördert. So wurden durch die Epidemien ganze Stämme auf bis zu 10 Prozent der ursprünglichen Gesamtbevölkerung reduziert. Die Überlebenden wurden anschliessend Opfer der weissen Kriegführung. 1633-34 wurde die ursprüngliche Bevölkerung der Pequots (im heutigen Connecticut) durch eine Pocken-Epidemie von 13‘000 auf 3‘000 Menschen dezimiert. Die Überlebenden wurden anschliessend 1636/37 durch die Pilgerväter ausgerottet.[7]

Im Krieg gegen die Pequot demonstrierten die Euro-Amerikaner die Brutalität ihrer Kriegführung und die Ausrottung der Eingeborenen. Am 26. Mai 1637 befahlen Captain John Mason und Captain John Underbill angesichts des Widerstandes von Pequots das Niederbrennen einer ihrer Siedlungen: „we must burn them!“ Fliehende Frauen, Kinder und Krieger wurden niedergestochen oder erschossen. Das Massaker an 600 Pequots wurde durch Underbill mit der Anrufung an Gott religiös gerechtfertigt.[8]

„We had sufficient light from the word of God for our proceedings.“

Bis 1890 war die Eingeborenenbevölkerung der USA auf 248‘253 Menschen reduziert worden. 1980 war sie wieder auf 1‘365‘676 Menschen angewachsen.[9] Dies war und ist allerdings immer noch ein Bruchteil der vor der Landung bestehenden ursprünglichen Bevölkerungszahl. Die Euro-Amerikaner haben gegen die eingeborene Bevölkerung während 300 Jahren einen erfolgreichen Krieg und Genozid geführt.

 

 

[1] Maslowski, P., The 300-Years War, in: Between War and Peace, How America Ends Its Wars, edited by Col. Matthew Moten, Foreword by General Martin E. Dempsey, Free Press, New York, London, Toronto, Sydney, 2011, P. 132.

[2] O’Brien, G., The Timeline Of Native Americans, The Ultimate Guide to North America’s Indigenous Peoples, World History Timeline, Thunder Bay Press, San Diego, California, P. 8.

[3] Maslowski, P., P. 133.

[4] Maslowski, P., P. 134.

[5] Sugden, J., Tecumseh, A Life, A John Macrae Book, Henry Holt and Company, New York, 1997.

[6] Utley,R.M., The Lance and the Shield, The Life and Times of Sitting Bull, A John Macrae Book, Henry Holt and Company, New York, 1993.

[7] Maslowski, P., P. 141.

So auch Nostitz, von, S., Die Vernichtung des Roten Mannes, Dokumentarbericht, Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf-Köln, 1970, S. 154.

[8] Maslowski, P., P. 141.

[9] Maslowski, P., P. 153.

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