Der italienische Prophet des Luftkrieges, Giulio Douhet, propagierte in seinem 1921 erschienen Buch ‚Il dominio dell’aria‘ Angriffe und Zerstörung der gegnerischen Führungs- und Wirtschaftszentren als die erste und entscheidende Phase in einem Luftkrieg: [1]

„Unausgesetzte Zerstörungsaktionen gegen die verwundbarsten Siedlungsgebiete werden den materiellen und moralischen Widerstand des feindlichen Landes brechen können und damit den Krieg praktisch beenden.“

Die Bomber sollten dabei Spreng-, Brand- und Gasbomben (alles Freifallbomben) abwerfen. Der Angriff auf die Hauptstadt und die Fliegerstützpunkte des Gegners hatte überraschend und massiv zu erfolgen:[2]

„Der Bombenabwurf muss das ihm gestellte Ziel vollständig zerstören, damit ein nochmaliges Anfliegen des Zieles unnötig wird.“

Die Thesen von Douhet und weiterer Vordenker des Luftkrieges, wie Marshal of the Royal Air Force Hugh Trenchard, wurden im Zweiten Weltkrieg am konsequenten durch das britische Bomber Command umgesetzt. Systematisch wurden mit Zustimmung von Winston Churchill die Städte und Industriezentren des Dritten Reiches von 1941 bis 1945 durch Flächenbombardierungen mit Spreng- und Brandbomben zertrümmert und verbrannt. Dementsprechend wurde am 25. September 1944 der Zielauftrag an die Bomber durch den folgenden Zusatz ergänzt:[3]

„When weather or tactical conditions are unsuitable for operations against specific primary objectives, attacks should be delivered on important industrial areas, using blindbombing technique as necessary.“

Bekannt ist die Zerstörung von Dresden vom 13. bis 15. Februar 1944 durch die Flächenbombardierung britischer und amerikanischer Bomber. Wieviel Menschen dabei umkamen, ist bis heute unbekannt. Durch die Bombardierungen gegen das Dritte Reich dürften 593‘000 Zivilisten bei einer Gesamtbevölkerung von 65 Millionen Menschen getötet worden sein. 3.37 Millionen Wohnungen wurden zerstört.[4] Die Royal Air Force warf insgesamt 964‘645 Tonnen auf das Dritte Reich ab.[5]

Zur Einsatzart von Flächenbombardierungen gegen Städte gehörten auch die beiden Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima am 6. August und Nagasaki am 9. August 1945.[6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die USA im Koreakrieg von 1950-53 auch strategische Flächenbombardierungen durch, diese waren aber primär gegen die Industrie, die Strassen- und Eisenbahnverbindungen Nordkoreas gerichtet. Die nordkoreanischen Städte waren kein primäres Ziel dieser Bombardierungen.

Am Ende ihres Vietnamkrieges von 1964-73 führten die USA mit Freifallbomben eine eigentliche Flächenbombardierung der Stadt Hanoi aus. Als die nordvietnamesische Delegation am 13. Dezember 1972 die Verhandlungen in Paris verliess, befahl die Nixon-Administration die Bombardierung der Hauptstadt Hanoi und der Hafenstadt Haiphong mit Langstreckenbombern B-52. Am 18. Dezember 1972 setzte die Operation Linebacker II ein.[7] Die Operation dauerte bis zum 29. Dezember 1972. Die USA setzten in ihrer Bombardierungskampagne über 200 B-52 ein, die in 729 Einsätzen 15‘000 Tonnen Bomben abwarfen. Die Nordvietnamesen schossen 1‘242 weitrechende Fliegerabwehrlenkwaffen ab. Die Amerikaner verloren in der Operation 15 B-52 und erlitten damit eine Verlustrate von 2%, die jener der Alliierten am Ende ihres Luftkriegs gegen das Dritte Reich entsprach. Die nordvietnamesische Delegation kehrte an den Verhandlungstisch zurück. Am 23. Januar 1973 wurde ein Abkommen unterzeichnet, das den Amerikaner ihren Rückzug aus Südvietnam ermöglichte.[8] 1975 eroberten die nordvietnamesischen Divisionen Südvietnam.

Mit ihrem Luftkrieg über Syrien führt die russische Regierung von Präsident Wladimir Putin der Welt eine Renaissance von Flächenbombardierungen gegen Städte mit verschiedenen Typen von Freifallbomben vor. Entsprechend einer Studie des Institute for the Study of War (ISW)[9] zertrümmert Moskau mit seinen Mittelstreckenbombern, Jagdbombern und Erdkampfflugzeugzeugen seit September 2015 systematisch syrische Städte wie Homs und Aleppo und treibt mit diesem Bombenterror die sunnitische Bevölkerung aus Syrien in die Flucht, die am Ende nach Europa, insbesondere nach Deutschland, strömen werden. Die Autoren haben für ein Jahr den Verlauf des russischen Luftkrieges empirisch aufgezeichnet. Die folgende Tabelle führt nur einige Beispiele dieser Bombardierungen, die vom 30. September 2015 bis 19. September 2016 mit Sicherheit erfolgt sind, auf.

 

Datum                                   Zielorte

___________________________________________________________

30.09./01.10.15        Ghanto, Talbisah, Rastan, Al Zafarnah, Kafr Zeita, Al Latamneh

30.09./03.10.15       Ghanto, Talbisah, Rastan, Al Zafarnah, Al Latamneh, Kafr Zeita

28.07./29.08.16       Aleppo, Homs, Palmyra, Ar-Raqqa, Deir ez-Zour

Die Studie des ISW lässt erkennen, dass der grösste Teil der russischen Flächenbombardierungen effektiv gegen Städte und Ortschaften der Provinzen Homs, Hama, Idlib und Aleppo im Nordwesten Syriens erfolgen. Diese Ortschaften und Städte sind Teil des Kriegsgebietes zwischen den syrischen Regierungstruppen, die heute aus Milizen der Hisbollah und der irakischen Schiiten, aus iranischen Streitkräften und afghanischen Söldnern bestehen, und der sunnitischen Opposition, zu denen auch die Milizen von al-Nusrah gehören. Nur selten wurden und werden Ortschaften und Städte der Provinz Raqqa bombardiert, die unter Kontrolle des Islamischen Staates (IS) steht.

In diesen Flächenbombardierungen werfen die russischen Bomber, Jagdbomber und Erdkampfflugzeuge Brand-, Spreng-, Kanister- und Fassbomben ab.[10] In der letzten Zeit sind offenbar auch Tretminen PMN, die allgemein als Schmetterlingsminen bezeichnet werden, abgeworfen worden. Diese „Schmetterlingsminen“ haben sich mit einer Sprengladung von 100-200 gram im russisch geführten Afghanistankrieg von 1979-89 gegen Kinder als sehr erfolgreich erwiesen. Kinder haben diese Minen vielfach mit Spielzeugen verwechselt. Das Ergebnis war das Abreissen einer Hand oder eines Beines.

Bis anhin lamentiert US-Präsident Barack Obama über die Brutalität der russischen Flächenbombardierungen und verkennt dabei, dass Wladimir Putin diese Bombardierungen sehr effizient zur Veränderung der geopolitischen Lage in Syrien und damit auch des gesamten Mittleren Ostens einsetzt:[11]

„The war in Syria is a war for the regional order and balance of power, pitting Iran and its allies on one side, and America’s traditional Sunni allies on the other. The objective of U.S. policy in Syria should be the defeat of the Iranian camp. Unfortunately, under the Obama administration, the policy has been to empower it.”

Für die Untätigkeit von Barack Obama angesichts der syrischen Tragödie gibt es nur eine Bezeichnung: “Mr. President, You are a coward!“

[1] Stahel, A.A., Luftverteidigung – Strategie und Wirklichkeit, mit einem Vorwort von Kaspar Villiger, Strategische Studien Band 4, vdf, Zürich, 1993, S. 32.

[2] Stahel, A.A., S. 31.

[3] Stahel, A. A., S. 52.

[4] Stahel, A. A., S. 53.

[5] Stahel, A.A., S. 55.

[6] Stahel, A.A., US – UdSSR Nuklearkrieg?, Die Arsenal der beiden Supermächte 1945-1982, Verlag Huber, Frauenfeld, 1983, S. 13-15.

[7] Stahel, A.A., Luftverteidigung, S. 60.

[8] Stahel, A.A., Luftverteidigung, S. 60.

[9] Casagrande, G., ISW Syria Research Analyst, and the ISW Syria Team, Russian Airstrikes in Syria (September 30, 2015-September 19, 2016), Institute for the Study of War, 2016.

[10] Gordon, M.R. and A.E. Kramer, U.S. halts talks with Russia over Syria attacks, in: International New York Times, October 5, 2016, P. 1/5.

[11] Schanzer, J., Badran, T. and D. Daoud, The Third Lebanon War, The Coming Clash Between Hezbollah and Israel in the Shadow of the Iran Nuclear Deal, Foreword by Yakov Shaharabani, Foundation for Defense of Democracies, Washington, D.C., July 2016, P. 29.

Print Friendly, PDF & Email