Russische Militärkapelle
Russische Militärkapelle

Aufgrund der Erfahrungen im Krieg gegen Georgien beschloss die Regierung der Russischen Föderation 2008 eine Reform der russischen Streitkräfte. Diese Reform hat inoffiziell, in Anlehnung an das Reformprojekt der US-Streitkräfte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Präsident Eisenhower, die Bezeichnung „New Look“ erhalten. Mit der Reform wurde Verteidigungsminister Anatolii Serdyukov beauftragt. Er verlangte die konsequente Brigadisierung der Streitkräfte auf 85 permanent verfügbare Brigaden.[1] Der Minister setzte auch eine Reform der Kommandostruktur durch. So wurde die Zahl der Militärbezirke (MB) auf vier reduziert und in diesen MB Joint-Führungsstäbe für das Zusammenwirken der Streitkräfte (Kampf der verbundenen Waffen) gebildet. Des Weiteren wurden die Luft-und die Raumstreitkräfte zusammen mit den Fliegerverteidigungskräften zu den Luftraumverteidigungskräften (VKO, Vozdushno-Kosmicheskoe Oborony) zusammengefasst, die mit Priorität zu modernisieren wären.

Am 20. Februar 2012 stellte Wladimir Putin in einem Beitrag in der Rossiiskaia Gazeta fest, dass bis 2020 die russischen Streitkräfte über folgende Waffensysteme verfügen würden:[2]

  • über 400 moderne land- und seegestützte interkontinentale ballistische Flugkörper
  • acht nuklearangetriebene U-Boote für ballistische Flugkörper
  • 20 Angriffs- und Marschflugkörper-U-Boote
  • mehr als 50 Überwasserkampfschiffe
  • ungefähr 100 Raumflugkörper
  • mehr als 600 moderne Kampfflugzeuge (einschliesslich Kampfflugzeuge der 5. Generation)
  • mehr als 1‘000 Helikopter
  • 28 Regimenter mit dem weitreichenden Flieger- und Raketenabwehrsystem S-400
  • 38 Bataillone mit dem Fliegerabwehrsystem Vityaz
  • 10 Brigaden der ballistischen Boden-Boden-Flugkörper im Kurstreckenbereich Iskander-M
  • mehr als 2‘300 moderne Kampfpanzer (Gewicht 55 Tonnen)
  • 2‘000 Geschütze der mechanisierten Artillerie
  • mehr als 17‘000 militärische Fahrzeuge

Im gleichen Beitrag forderte Wladimir Putin entscheidende Schritte zur Modernisierung der Rüstungsindustrie.[3]

Unter dem Vorwurf der Korruption wurde Serdyukov am 6. November 2012 abgesetzt und durch Armee-General Sergei Shoigu ersetzt.[4] Unter seiner Führung wurden zunächst zwei Divisionen beibehalten. Für Angriffsoperationen sollen zwei weitere eingeführt werden. Auch wurde die ursprünglich unter Serdyukov angestrebte Verkleinerung der Offizierskorps auf 150‘000 beendet. Das Korps soll mindestens 220‘000 Offiziere umfassen. Des Weiteren hat Shoigu Führungsleute von Serdyukov im Ministerium durch eigene Leute ersetzt. Als eine weitere Massnahme hat er den weiteren Aufbau der VKO verzögert und eingehende Analysen dazu verlangt.[5]

Verschiedene Probleme hat der neue Verteidigungsminister nicht beseitigen können. Dazu gehört die Verschiebung von Heeresbrigaden. Aufgrund der ungenügenden Leistungsfähigkeit der militärischen Lufttransportkräfte müssen die Brigaden wie zur Zeit der UdSSR mit der Eisenbahn verschoben werden. Vor allem für Panzerbrigaden dürfte der Zeitaufwand für ihre Verschiebung in ihre Ausgangsstellungen für eine offensive Operation beträchtlich sein.[6] Ein weiterer Schwachpunkt bei der nuklearen Abschreckungsfähigkeit ist die Einsatzfähigkeit der U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörper Bulava. Verschiedene notwendige Abschusstests dieser Flugkörper ab nuklearangetriebenen U-Booten der Borei-Klasse sind bis heute sistiert worden.[7] Dadurch bleibt die nukleare Abschreckungsfähigkeit Russlands bedingt glaubwürdig.

 

Ein anderes Thema ist die Zahl an verfügbaren Stützpunkten für den Einsatz der strategischen Bomber. Durch den Zerfall der UdSSR, der zur Unabhängigkeit der zentralasiatischen Republiken führte, hat Russland in diesem Raum nur bedingt den uneingeschränkten Zugriff auf verschiedene Stützpunkte. Schlussendlich wird der ungehinderte Einsatz der russischen Überwasserkampfschiffe auf den Weltmeeren durch die fehlende Kontrolle Russlands über wichtige Meeresengen und Chokepoints behindert. Zu diesen Chokepoints gehören der Bosporus und der Finnische Meerbusen.[8]

Fazit: Obwohl das Reformprojekt und die Aufrüstung der russischen Streitkräfte beachtlich sind und auch Respekt abverlangen, müssen bei einer Beurteilung der Einsatzfähigkeit auch die Schwachpunkte der Streitkräfte beachtet werden. Dazu gehört vor allem die eingeschränkte Mobilität der Kampfbrigaden:[9]

Russian military strategic mobility is limited in scope to the use of military force within its borders and on its periphery rather than on a global scale. Equally, strategic mobility remains heavily tied to the railway infrastructure …”.

Diese Einschränkung bedeutet aber nicht, dass die Brigaden des Heeres nicht für offensive Einsätze an der russischen Peripherie, so zum Beispiel in den Kriegstheatern Ost-Ukraine oder Baltikum, geeignet wären.

[1] McDermott, R.N., Russia’s Strategic Mobility, Supporting ‚Hard Power‘ to 2020, FOI, Stockholm, April, 2013, P. 66.

[2] McDermott, R.N., P. 96/97. Zwischen den hier aufgeführten Daten und jenen des Military Balance 2016 (MB) des International Institute for Strategic Studies, London, 2016, P. 172, bestehen für das Jahr 2020 Abweichungen. Für folgende Rubriken führt das MB andere Daten auf:

  • 450 moderne Kampfflugzeuge
  • 56 Divisionen mit dem System S-400
  • 8 nuklearangetriebene Angriffs- und Marschflugkörper-U-Boote
  • 7 dieselelektrische Angriffs-U-Boote

[3] McDermott, R.N., P. 98/99.

[4] McDermott, R.N., P. 64.

[5] McDermott, R.N., P. 68.

[6] McDermott, R.N., P. 74.

[7] McDermott, R.N., P. 69.

[8] McDermott, R.N., P. 76.

[9] McDermott, R.N., P. 78.

 

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