KunduzIm Dezember 2014 haben die USA und die NATO den Auftrag an die International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan auf beinahe Null herabgestuft.[1] Gemäss Strategie des US-Vizepräsidenten Joe Biden war der bisherige Auftrag mit Counterinsurgency Operations durch den weniger anspruchsvollen Auftrag Counterterrorism Activities zu ersetzen. Neben der Eliminierung von Taliban-Führern durch Drohneneinsätzen sollten entsprechend dieser Umorientierung Friedensverhandlungen mit den Taliban aufgenommen werden. Abgesehen davon, dass diese beiden Vorhaben nicht miteinander kompatibel sind, musste die Obama-Administration im Verlaufe des Jahres 2015 schnell erkennen, dass die Taliban das durch die ISAF hinterlassene Vakuum durch Offensiven gegen die afghanischen Sicherheitskräfte für ihre Ziele ausgenützt haben. So eroberten sie am 27. September 2015 die Hauptstadt der Provinz Kunduz, Kunduz, und konnten durch die afghanischen Sicherheitskräfte nur mit Hilfe von US-geführten Luftschlägen wieder aus Kunduz vertrieben werden. Bei diesen Luftschlägen wurde auch ein Spital der Médecins Sans Frontiers zerstört.

Nach wie vor kontrollieren die Taliban immer noch weite Gebiete der nördlichen Provinzen Afghanistans. Ende 2015 waren die Taliban in rund 30% der Bezirke Afghanistans aktiv. Als ein Beispiel für die zunehmende Kontrolle der Bezirke durch die Taliban zitiert der Journalist Bill Roggio in einem Beitrag im Longwarjournal folgende Aussagen:[2]

„The Taliban claimed yesterday that Dahana-i-Ghuri district in Baghlan province fell “after a three-day long siege”, according to a statement released on Voice of Jihad. ‘Mujahideen have seized a large number of the combat posts and 4 bases, leaving dozens of the enemy soldiers dead and wounded over the last three days. Similarly, 33 puppets including soldiers of ANA (Afghan National Army), Arbakis (local militias) and police have been taken prisoner through this period of time.’

In the same statement, the Taliban also claimed to seize ‘control of the district of Want Waygal and 11 combats posts’ in Nuristan province.”

In der ersten Hälfte 2016 soll die Kabuler Regierung bereits 5% der bisher durch sie kontrollierten Gebiete verloren haben. Die Taliban sollen jetzt über rund ein Drittel des Landes herrschen. Fünfzehn Jahre nach der Eroberung von Afghanistan und dem Sturz der Taliban-Regierung steht Washington DC vor einem Debakel des Afghanistan-Abenteuers. Ein totaler Rückzug der USA würde das Ende der Regierung von Kabul bedeuten.

Unterstützt durch US-Eliteeinheiten und -Kampfflugzeuge versucht nun die afghanische Armee ANA (Afghan National Army) als Teil der Sicherheitskräfte u.a. den Bezirk Maiwand in der Provinz Kandahar zurückzuerobern. Gleichzeitig kämpft die ANA gegen die Taliban und den Islamischen Staat (IS) in den Bergen der Provinz Nangarhar. Am 9. Juni 2016 hat nun Präsident Barack Obama verkündet, dass entgegen der ursprünglichen Planung einer Reduktion des US-Bestandes auf 5‘500 Soldaten bis Ende seiner Amtsperiode 8‘400 US-Soldaten in Afghanistan verbleiben werden. Gleichzeitig hat er den US-Streitkräften in Afghanistan mehr Kompetenzen beim Einsatz von Luftschlägen eingeräumt.[3] So soll die militärische US-Führung in Afghanistan für die Unterstützung der ANA bei der Rückeroberung der Bezirke der Provinz Helmand, die durch Stämme der Paschtunen bevölkert ist, ohne Rückfragen in Washington Luftschläge ausführen können.

Kommandogruppen der Taliban sollen mit Nachsichtgeräten und Scharfschützengewehren ausgerüstet sein.[4] Ob angesichts der Tatsache, dass die afghanischen Sicherheitskräfte durch die Aufgabe von Checkpoints bereits heute die Kontrolle über weite Gebiete verloren haben,[5] diese Neuorientierung der US-Kriegführung erfolgreich sein wird, muss hinterfragt werden. Es bleibt der Eindruck bestehen, dass die USA mit der Operation Enduring Freedom in ihrem Afghanistan-Abenteuer gescheitert sind.

[1] STRATFOR, Why the U.S. Won’t Be Leaving Afghanistan Any Time Soon, August 16, 2016, 09:15 GMT, P. 1.

[2] Roggio, B., THE LONG WAR: Taliban presses offensive in multiple provinces, admin@longwarjouirnal.org, August 15th, 2016.

[3] STRATFOR, P. 2.

[4] STRATFOR, P. 2.

[5] STRATFOR, P. 3.

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