TalibanDie Kontrolle über Afghanistan durch die Regierung in Kabul wird vor allem durch die Kriegführung der Taliban und des Netzwerkes der Haqqani, das mit den Taliban affiliiert ist, herausgefordert. Während der Schwerpunkt der Taliban die Provinz Helmand (das Islamische Emirat von Helmand) ist, operiert das Haqqani-Netzwerk vor allem in den Provinzen Nangarhar und Kunar sowie in der Hauptstadt Kabul. Zusätzlich wird die Sicherheitslage Afghanistans durch die Machenschaften und die kriminellen Aktivitäten der Organisierten Kriminalität destabilisiert, welche die Regierung und die Verwaltung durchdrungen hat, und die den Anbau und den Handel mit Drogen ins Ausland kontrolliert. Dazu kommt noch, dass vor allem jenseits der Grenze in den pakistanischen Stammesgebieten terroristische Organisationen wie Lashkar-e Tayyiba, Tehrik-e Taliban Pakistan, der Islamische Staat von Khorasan (IS-K) und Islamic Movement of Uzbekistan aktiv sind.[1]

Während die Regierung in Kabul die wichtigsten Achsen, die Provinzhauptstädte und die wichtigen Bezirksstädte kontrolliert, beherrschen die Taliban die Bezirkszentren in der Provinz Helmand und in den Provinzen des Ostens sowie des Südwestens.[2] Der amerikanische Journalist Bowman beurteilt die Lage nach seiner Rückkehr aus Afghanistan wie folgt:[3]

„To sum it up, the war is no going well. The Taliban are still strong in parts of the south and east. And the Afghan army, while improving, still need a lot of help from the Americans. (…).

That’s quite different from the rosy forecast painted in the early years of this “war of necessity” (…)”.

Trotz der Tötung ihres Anführers Mullah Mansoor durch die Amerikaner mit einem Drohneneinsatz am 21. Mai 2016 sind die Taliban nicht besiegt worden und stellen immer noch eine ernstzunehmende Kriegsmacht dar. Unter ihrem neuen Führer Mullah Akhundzada sind sie erst recht entschlossen, Kabul, und damit die Amerikaner in Afghanistan, in die Knie zu zwingen. Gegenüber ihren Zielen – hochrangige Vertreter der Kabuler Regierung, Generäle, Polizisten – setzten sie sowohl Stosstrupps wie auch Selbstmordanschläge und improvisierte Sprengladungen auf ausgewählten Achsen ein. Die dabei eingesetzten Sprengladungen werden immer wirkungsvoller. Ganze Busse mit Rekruten der Armee oder der Polizei werden in die Luft gesprengt. In ihrem Krieg gegen Kabul und die afghanischen Sicherheitskräfte haben die Taliban seit 2015 durch Anhänger des Islamischen Staates (IS-K), die sich zur Provinz Khorasan[4] bekennen, eine Konkurrenz erhalten. Bei verschiedenen IS-Kämpfern soll es sich um ehemalige Taliban handeln, die sich von ihrer Organisation getrennt haben.

Gemäss den statistischen Angaben der Amerikaner hat die Zahl der Angriffe und Anschläge 2016 im Vergleich zum Vorjahr insgesamt nicht wesentlich abgenommen.[5] Vom 1. Dezember 2015 bis zum 20. Mai 2016 verzeichneten die Amerikaner 4‘480 Angriffe, die zu Toten und Verletzten führten. Vom Dezember 2014 bis Mai 2015 waren es 4‘913 Angriffe. Gemäss US-Angaben hatte die Zivilbevölkerung als Folge der Kämpfe von Januar bis Mai 2016 760 Tote und 1‘736 Verletzte zu beklagen.[6]

Im Sommer intensivieren die Taliban aufgrund der günstigen klimatischen Verhältnisse die Zahl ihrer Angriffe. Insbesondere ihre Angriffe mit Stosstrupps haben nicht abgenommen. Dabei sind die Taliban in der Lage, ein kombiniertes Feuer mit Minenwerfern, Mehrfachraketenwerfern, Artillerie und Boden-Luft-Lenkwaffen aufrecht zu erhalten.[7] Die Schwerpunkte der Kämpfe und der Anschläge der Taliban sowie des Haqqani-Netzwerks sind neben Kabul die Provinzen Helmand und Nangarhar.

Seit dem Beinahe-Abzug der Amerikaner und ihrer Alliierten sind die Afghanischen Sicherheitskräfte (ANDSF, Afghan National Defense and Security Forces), bestehend aus der Afghan National Army (ANA) und der Afghan National Police (ANP), für den Krieg gegen die Taliban und der anderen Gruppen verantwortlich. Die zahlenmässige Obergrenze für den Bestand der ANDSF ist auf 352‘000 Soldaten und Polizisten angesetzt. Dazu kommen noch 30‘000 lokale Polizisten (Afghan Local Police, ALP). Die ANA darf einen Höchstbestand von 195‘000 Offizieren und Soldaten aufweisen und die ANP 157‘000 Polizisten.

Die Intensität des Krieges bewirkt einen erheblichen Abnützungsprozess der ANDSF (Tote, Verletzte, Deserteure). 2016 hat die monatliche Abnützung der ANDSF gegenüber dem Vorjahr um 2.4 % zugenommen.[8] So mussten in der ersten Hälfte 2016 vier Bataillone der 215. Korps der ANA, das in der Provinz Helmand im Einsatz ist, neu organisiert und ausgerüstet werden.[9] Die wirksamsten und erfolgreichsten Einheiten der ANA, sind die afghanischen Spezialkräfte, die Afghan Special Security Forces (ASSF). Deren Abnützungsrate ist im Vergleich zu jener der Korps der ANA geringer.[10]

Als integrierte Mittel der Feuerunterstützung verfügen die Korps lediglich über Kanonenhaubitzen D-30 (122mm) und Minenwerfer 60mm russischer Herkunft. Allenfalls können die Korps auch durch leichte Kampfflugzeuge A-29 Super Tucano und bewaffnete Transporthelikopter Mi-17 und MD-530 der afghanischen Luftwaffe unterstützt werden.[11] Gemäss einer neuen Verfügung von Präsident Obama können die Luftstreitkräfte der USA und ihrer Alliierten wieder direkt in die Kämpfe eingreifen und die ANDSF unterstützen.

Ausbildung, Ausrüstung und der Einsatz der ANA wie auch jene der ANP werden weitgehend durch die USA finanziert. Für das Fiskaljahr 2016 wurden seitens des Kongresses $3.652 Milliarden gesprochen und für das Fiskaljahr 2017 werden es $3.448 Milliarden sein.[12] Für 2016 haben 26 Staaten zusammen einen Beitrag von $408.2 Millionen für die afghanischen Sicherheitskräfte zugesagt. Bis Mai 2016 waren $191.2 Millionen eingetroffen.[13] Ursprünglich sollte sich die afghanische Regierung ab 2015 mit einem jährlichen Beitrag von $500 Millionen an der Finanzierung ihrer Sicherheitskräfte beteiligen. 2015 leistete Kabul dazu einen Beitrag von $369 Millionen. Für 2016 wird das afghanische Budget mit $393 Millionen die ursprüngliche Zielvorgabe von $500 Millionen wieder unterschreiten.[14]

Was den Truppenbestand der Amerikaner in Afghanistan betrifft, so hat Präsident Obama letzte Woche entschieden, dass bis Ende seiner Amtsperiode im Januar 2017 8‘448 Soldaten in Afghanistan verbleiben werden.[15] Ursprünglich waren nur 5‘500 Soldaten vorgesehen. Die amerikanischen Soldaten, wie auch jene der Alliierten, werden wieder mit Priorität für die Ausbildung der ANDSF eingesetzt.

Entgegen dem in den offiziellen Berichten der USA verbreiteten Optimismus über die Kriegsführungsfähigkeit der ANDSF gegenüber den Taliban entspricht die gegenwärtige Lage in Afghanistan eher einer Patt-Situation. Die Regierung in Kabul ist mit ihren Sicherheitskräften, trotz der Hilfe durch die USA und die NATO, nicht in der Lage, die Taliban und die übrigen Gruppen zu besiegen. Die Taliban wiederum sind, solange die Amerikaner die Regierung in Kabul und ihre Sicherheitskräfte durch Luftangriffe unterstützen, nicht in der Lage, den definitiven Sieg und damit die Macht über Kabul zu erlangen. Sollten aber eines Tages die Amerikaner und ihre Alliierten vollständig aus Afghanistan abziehen, wird das Schicksal der Kabuler Regierung besiegelt sein. Die Taliban könnten dann die Macht über Kabul sowie den südlichen und östlichen Teil Afghanistans erlangen. Über den Norden und den Westen werden, wie vor 2001, die Kriegsherren der ehemaligen Nordallianz herrschen. Die Kriegführung der USA in Afghanistan wird sich dann als das, was sie schon immer war erweisen, als eine Fata Morgana.

[1] Department of Defence, Enhancing Security and Stability in Afghanistan, Report to Congress, Washington DC, June 2016, P. 24.

[2] Department of Defence, P. 25.

[3] Bowman, T., Afghanistan: A Tragic Return To A War With No End, NPR 24, July 6, 2016, 7:09 AM ET, P. 2.

[4] Brechna, H., Die Geschichte Afghanistans, Das historische Umfeld Afghanistans über 1500 Jahre, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, Zürich, 2005, S. 95. Bis 1802 wurde Afghanistan als Khorasan bezeichnet. Zu Khorasan gehörten damals die beiden heutigen pakistanischen Provinzen Beluchistan und Khyber-Pakhtunkhwa (früher North-West Frontier Province).

[5] Department of Defense, P. 28-30.

[6] Department of Defense, P. 32.

[7] Department of Defense, P. 29.

[8] Department of Defense, P. 37.

[9] Department of Defense, P. 34.

[10] Department of Defense, P. 69-75.

[11] Department of Defense, P. 39.

[12] Department of Defense, P. 97.

[13] Department of Defense, P. 98.

[14] Department of Defense, P. 99.

[15] Lee, C.E., U.S. Slows Troop Pullout in Afghanistan, in: The Wall Street Journal, Thursday, July 7, 2016, P. A3.