T-64Im Juni 2016 hat unter Führung von Polen die NATO während 10 Tagen auf polnischem Gebiet die militärische Übung ANACONDA durchgeführt. An dieser Übung haben mehr als 20 Mitgliedstaaten der NATO teilgenommen.[1] Der kommandierende General der US-Landstreitkräfte in Europa, General Ben Hodges, beurteilte, so Die Zeit, das Ergebnis der Übung wie folgt:

„Russia could take over the Baltic states faster than we would be able to defend them!”

Russland könnte vermutlich bereits heute die Hauptstädte der drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland innert 36 bis 60 Stunden besetzen. Die NATO wäre nicht in der Lage innert nützlicher Frist schwere Waffen von West- nach Osteuropa zu verschieben und deshalb unfähig, die drei Republiken gegenüber einem russischen Angriff zu schützen.[2] Auf sich allein gestellt würden die drei Republiken durch einen russischen Angriff blitzartig überrannt werden. Lettland verfügt über eine aktive Armee von 5‘310 Soldaten, ausgerüstet mit 3 Kampfpanzern und keinem einzigen Kampfflugzeug.[3] Litauen hat eine aktive Armee von 16‘400 Soldaten, die keinen einzigen Kampfpanzer und kein Kampfflugzeug aufweist.[4] Estland schlussendlich hat eine aktive Armee von 5‘750 Soldaten.[5]

Welche Mittel könnte Moskau für eine Eroberung des Baltikums einsetzen? Wie im Szenario von Afghanistan würde Moskau in der ersten Phase für die Besetzung der Hauptstädte der drei Republiken SPETZNAZ-Einheiten und Luftlandetruppen einsetzen. In der zweiten Phase könnte Russland mit den im Westlichen Militärbezirk verfügbaren Land- und Luftstreitkräften sowie den Kriegsschiffen der Baltischen Flotte die drei Republiken von Polen und das übrige NATO-Gebiet terrestrisch und aus der Luft abriegeln und anschliessend besetzen. Die Drohung des Einsatzes von nuklearen Freifallbomben durch die NATO, entsprechend der Strategie der Flexible Response (aus der Zeit des Kalten Krieges), könnte Russland durch die Gegendrohung des Einsatzes ballistischer Flugkörper des Kurzstreckenbereiches Tochka-U (SS-21B Scarab) und Iskander-M (SS-26 Stone) abschrecken.[6] Die Iskander-M-Flugkörper dürften eine Reichweite von knapp unter 500 km aufweisen. Gemäss amerikanischer Experten kann die neue russische Doktrin des Einsatzes von operativen und taktischen Nuklearwaffen wie folgt zusammengefasst werden:[7]

„Threaten to use nuclear weapons against any major power that may try to block Moscow from having its way in a regional conflict, a specialist in Russian nuclear strategy said on Monday.”

Angesichts dieser ‚neuen‘ nuklearen Einsatzdoktrin Russlands müsste die Führung der NATO Gewehr bei Fuss und damit ohnmächtig der Besetzung der drei baltischen Republiken zusehen:[8]

„The Alliance’s conventional weakness in the Baltic area enables Moscow’s strategy of creating a military fait accompli and using nuclear deterrent to protect it.”

Frankreich und Deutschland haben bis heute aus Angst vor einer Provokation von Russland erfolgreich die Errichtung ständiger Stützpunkte der NATO im Baltikum verhindert. Fazit: die Korrelation der Kräfte im Baltikum begünstigt eindeutig die militärische Angriffsfähigkeit Russlands.

Wann könnte dieses Szenario der Eroberung umgesetzt werden? Spätestens wenn Moskau die 2010 in Gang gesetzte Aufrüstung und Modernisierung seiner Streitkräfte abgeschlossen haben wird. Dies wird 2020 der Fall sein.[9] Dank der seit 1991 erfolgten Abrüstung durch die europäischen Mitgliedstaaten der NATO wird Russland zu diesem Zeitpunkt, insbesondere bei den schweren Waffen der konventionellen Streitkräfte, wie Kampfpanzer, Artillerie und Kampfflugzeuge, über eine eindeutige Überlegenheit verfügen.

[1]Zeller, F. and M. Delany, US Commander Warns NATO Couldn’t Repel Russian Baltic Invasion, in: Agence France Presse, June 22, 2016.

[2] Zeller, F. and M. Delany.

[3] The Military Balance 2016, The International Institute For Strategic Studies, London, 2016, P. 114-116.

[4] The Military Balance 2016, P. 116/117.

[5] The Military Balance 2016, P. 91/92.

[6] The Military Balance 2016, P. 191-197.

[7] Grady, J., Arms Expert: Russia Quick to Threaten Nuclear Strikes in Regional Conflicts, in: USNI, June 28, 2016, 11:49 AM.

[8] Clark, W., Luik, J., Ramms, E. and R. Shirreeff, Closing NATO’s Baltic Gap, Report, International Centre For Defence And Security, May 2016, P. 17.

[9] The Military Balance 2016, P. 171.