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Eine Insel mit imperialer Vergangenheit

Big-BenBeinahe alle geopolitischen Denker vertreten die Hypothese, dass die Geographie, so insbesondere eine Insellage, ein Volk und sein Schicksal entscheidend prägen. Stellvertretend dafür sei der amerikanische Seestratege Alfred Thayer Mahan (1840-1914), ein Freund des damaligen Präsidenten Theodore Roosevelt, zitiert:[1]

„Ein Volk, das wegen seiner Insellage keine Landesgrenzen hat, ist schon von Natur vor den Ländern im Vorteil, welche auch Landesgrenzen haben. Dies war Englands Vorzug gegenüber Frankreich und Holland. Die Kraft Hollands erschöpfte sich schnell durch die Notwendigkeit, eine grosse Armee gegen die Bedrohung vom Landes her unterhalten zu müssen, während Frankreichs Politik ständig zwischen Seeunternehmungen und Landeroberungen hin- und herschwankte, mit der Folge der Zersplitterung seiner militärischen Anstrengungen.“

Aufgrund seiner Insellage, so Mahan in seinen Schriften, war England direkt prädestiniert zur Seemacht zu werden. Aber warum wurde diese Insel und Seemacht zu einem Imperium? Dafür gab es verschiedene Gründe. Zum letzten Mal wurde England 1066 durch eine auswärtige Macht erobert. Wilhelm (1027-1087), Herzog der Normandie, setzte mit einem Söldnerheer auf die Insel über und besiegte am 14. Oktober 1066 bei Hasting das angelsächsische Heer unter König Harald.[2] Damit legte er den Grundstein für das Angevinische Reich, das durch seine Enkelin Mathilde (1102-1167) mit ihrer Heirat 1128 mit Gottfried, Graf von Anjou (-Plantagenêt), (1113-1151) begründet wurde. Deren Sohn Heinrich II. (1133-1189) heiratete 1152 Eleonore von Aquitanien (1123-1204). Durch diese Heirat vereinigte er mehr als halb Frankreich unter seine Herrschaft.[3] Auf dem Höhepunkt gehörten zum Reich der Plantagenêt (Angevinisches Reich):

  • Grafschaft Anjou
  • Grafschaft Tours
  • Grafschaft Maine
  • Herzogtum Normandie (seit 1144)
  • Herzogtum Aquitanien (seit 1152)
  • Herzogtum Casgone (seit 1152)
  • Königreich England (1154)
  • Herzogtum Bretagne (1166)
  • Ostirland (1171)

Bis 1272 war das Haus Anjou-Plantagenêt rein Französisch. Die englischen Könige heirateten Französinnen. Der Schwerpunkt ihrer Herrschaft war Frankreich und ihre Kriege mit dem in Frankreich herrschenden Geschlecht der Kapetinger waren eine innerfranzösische Angelegenheit. England war lediglich ein Anhängsel dieses Reichs. Unter dem Sohn von Heinrich, Johann Ohneland (1167-1216), setzen die eigentlichen Kriege mit den Kapetinger und damit mit der französischen Krone ein.[4] Als Folge diese Kriege verloren die Plantagenêt und die nachfolgende Dynastie der Lancaster (eine Seitenlinie der Plantagenêt) nach und nach ihre Herrschaftsgebiete in Frankreich. Johann Ohneland musste unter dem Druck der englischen Barone am 15. Juni 1215 die Magna Charta unterschreiben. Das Recht des Königs und der Beamten wurde dadurch in England eingeschränkt.

Im Frieden von Paris von 1259 konnten die Plantagenêt noch die Herrschaft über das Herzogtum Guyenne behalten. Bereits 1294 setzte der Krieg zwischen den beiden Dynastien wieder ein. Das Ziel der Könige aus dem Geschlecht der Kapetinger und später der Valois war die Verdrängung der englischen Könige vom Kontinent. 1339 brach der Hundertjährige Krieg aus. Dieser dauerte bis 1453.[5] Die Folge dieses Krieges war, dass die englischen Könige alle Herrschaften in Frankreich verloren, mit Ausnahme der Stadt Calais.

Der Verlust der französischen Herrschaften war aber auch eine Befreiung von England von der Last der kostspieligen Kriege in Frankreich. Die auf die Lancaster und York nachfolgende Dynastie der Tudor konnte sich vor allem nach dem Verlust von Calais ganz auf die Regierung über England konzentrieren. Die Absonderung Englands von Europa führte zu einer Steigerung der Wohlfahrt und der Macht. Dazu gehörten 1534 die kirchliche Trennung vom Papsttum und die Gründung der Anglikanischen Kirche unter Heinrich VIII. (1491-1547). Der König wurde zum Oberhaupt der englischen Kirche. Die Kirche blieb zwar in der Lehre katholisch, die Klöster wurden aber enteignet und geplündert.[6]

Königin Elisabeth I. (1533-1603), Tochter von Heinrich VIII., gelang es durch eine geschickte Innen- und Aussenpolitik, zu der auch ein Bündnis mit den aufständischen Niederländern gehörte, die Macht Englands zu mehren. Ihre Unterstützung für englische Freibeuter gipfelte am 20. bis 29. Juli 1588 in der Vernichtung der spanischen Armada im Kanal. Jede Invasionsabsicht Englands durch eine auswärtige Macht war in der Zukunft unmöglich.[7]

Nach der Hinrichtung von Karl I. (1600-1649) aus dem Hause Stuart am 30. Januar 1649 und der Abschaffung der Monarchie, schlug der Feldherr des „Commonwealth“, Oliver Cromwell (1599-1658) mit seinem Heer jeden Widerstand, so insbesondere in Irland, blutig nieder. Er ernannte sich 1653 zum Lordprotektor. Bereits 1651 erliess er die Navigationsakte für die Kontrolle der Ein- und Ausfuhr auch in die Kolonien und schuf dadurch eine Grundlage für die Handels- und Seemacht des Vereinigten Königsreichs. Unter ihm wurde auch die Kolonisierung Nordamerikas gefördert.[8]

Mit dem Sturz der Stuart 1689 begann ein neues Zeitalter für das Vereinigte Königreich (England und Schottland durch die Act of Union 1707 vereinigt[9]). So wurde für die Finanzierung der Kriege 1694 die Bank of England gegründet.[10] Mit dem Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges – Einsetzung eines Bourbonen auf dem spanischen Thron – setzte 1702 mit Frankreich ein Krieg ein, der mit Unterbrüchen erst mit dem definitiven Sieg über Napoleon 1815 beendet sein sollte.[11] Dieser Krieg wurde weltumspannend geführt. Neben dem europäischen Kriegstheater wurde in Nordamerika und in Indien Krieg geführt. Als Folge dieser Kriege wurde das Vereinigte Königreich bis uneingeschränkten Seemacht auf der Welt. Frankreich verlor sowohl seine nordamerikanischen wie auch seine indischen Territorien. Im britischen Imperium ging, wie zur Zeit des Habsburger Karl V. (1500-1558), die Sonne nie unter.

Der Untergang des britischen Imperiums war die Folge des Zweiten Weltkrieges, durch den die Wirtschaft und die Finanzen ruiniert wurden. Von 1940 bis 1941 musste im Westen Grossbritannien allein auf sich gestellt dem Angriff des Dritten Reichs standhalten. Durch diesen Krieg wurde das Vereinigte Königreich buchstäblich ausgeblutet. Am Ende des Krieges musste das erschöpfte Grossbritannien schrittweise seine Kolonien aufgeben und sich in der Welt mit dem Status einer Mittelmacht abfinden.

Votum gegen die uneingeschränkte Zuwanderung

Wie die Schweiz leidet auch das Vereinigte Königreich an der uneingeschränkten Zuwanderung aus dem EU-Raum. Die Folge der Zuwanderung sind Wohnungsnot und viel zu hohe Preise für den Kauf von Liegenschaften. Ähnlich wie in der Schweiz sind normale Bürgerinnen und Bürger im Arbeitsmarkt mit Schwierigkeiten in der Stellensuche konfrontiert.

BREXIT muss als Votum und Protest gegenüber dieser sowohl durch Brüssel, verursachten Entwicklung interpretiert werden.

Votum gegen die EU-Bürokratie

Die EU-Bürokratie ist durch keine gewählte Regierung eingesetzt worden und herrscht in eigener Machtvollkommenheit über EU-Europa. Der Wirtschaft und den Bevölkerungen werden Vorschriften aufgezwungen, die vielfach nicht nachvollzogen werden können. Diese zentralistische Bürokratie ist dem Modell Frankreich entsprungen.

BREXIT muss als Votum gegen die Institution der EU-Bürokratie interpretiert werden.

Votum gegen die britischen Eliten

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen und politischen Eliten in Grossbritannien von den Bedürfnissen der Bevölkerung teilweise entfernt. Offenbar haben diese Eliten die Frustration und die Not der eigenen Bevölkerung nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dies gilt insbesondere auch für die Jugend, die angesichts der uneingeschränkten Zuwanderung perspektivlos geworden ist.

BREXIT muss als Votum gegenüber den eigenen Eliten interpretiert werden.

Auswirkungen

Welches könnten die Auswirkungen sein?[12] Nun zunächst muss befürchtet werden, dass Brüssel an Grossbritannien zur Abschreckung anderer austrittswilliger Staaten ein Exempel statuieren wird. Dazu gehört nicht nur das Sabotieren eines Freihandelsabkommens, sondern auch die Förderung des Separatismus der Schotten im Vereinigten Königreich. Dazu muss allerdings bemerkt werden, dass ein solches Vorgehen zu einem unerwünschten Effekt führen könnte. Dazu könnte vor allem der Auftrieb für den Separatismus der Katalanen und der Basken in Spanien gehören. Dieser Separatismus würde Spanien zerstören. Eine ähnliche Entwicklung könnte auch in Frankreich in Gang gesetzt werden, so bei den Basken und den Bretonen. Schlussendlich könnte die Bestrafungsaktion aus Brüssel erst recht die mit Grossbritannien liierten Staaten zur Nachahmung des Referendums und damit zum Austritt animieren. Zu diesen gehören insbesondere die Niederlande und Dänemark. Dazu kommt noch, dass insbesondere die niederländische Wirtschaft mit jener von Grossbritannien sehr vernetzt ist.[13] Diese Nachahmung des BREXIT könnte einen Zerfallsprozess der EU auslösen.

Vielfach ist die Rede, dass durch BREXIT die EU gegenüber Russland geschwächt worden ist. Diese Aussage ist aus militärischer Sicht nicht durchdacht. Nicht die EU schreckt Russland militärisch ab, sondern die NATO. Auch nach BREXIT bleibt Grossbritannien neben Frankreich eine europäische Nuklearmacht und bleibt Mitglied der NATO.

Die Hoffnung besteht aber, dass aus wirtschaftlichen Gründen Wege für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union gefunden werden. Schlussendlich verhelfen wirtschaftliche Interessen, politische Zerwürfnisse und Krisen zu überwinden.

[1] Mahan, A.T., Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte 1660-1812, Überarbeitet und Herausgegeben von Gustav-Adolf Wolter, Koehlers Verlagsgesellschaft, Herford, 1967, S. 23.

So auch Stahel, A.A., Klassiker der Strategie – eine Bewertung, Strategie und Konfliktforschung, 3., überarbeitete Auflage, vdf Hochschulverlag AG an der ETH, Zürich, 2003, S. 180.

[2] Randa, A. (Hrsg.), Handbuch der Weltgeschichte, Ein Totalbild der Menschheit, Zweiter Band, 3. Auflage, Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1962, S. 1350.

[3] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter Band, S. 1351/1352.

[4] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter Band, S. 1354.

[5] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter Band, S. 1664.

[6] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter band, S. 1766.

[7] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter Band, S. 1769.

[8] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter Band, S. 1774.

[9] Randa, A. (Hrsg.), S. 1851.

[10] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter Band, S. 1846.

[11] Randa, A. (Hrsg.), Zweiter Band, S. 1846.

[12] How a Brexit Would Affect Europe, Stratfor, Media Center, Image, June 21, 2016, 16:31 GMT.

So auch What to Expect After the Brexit, Stratfor, Analysis, June 24, 2016, 06:38 GMT.

[13] The EU Britain Will Leave Behind, Stratfor, Analysis, June 24, 2016, 15:52 GMT.