Pearl-Harbor
Pearl Harbor

Die Seestrategie der USA wird bis auf den heutigen Tag durch die Studien und Schriften des Seeoffiziers Alfred Thayer Mahan (1840-1914) bestimmt. Mahan war Ende des 19. Jahrhunderts Dozent am Naval War College für Seekriegsführung. Aufgrund seiner Freundschaft zum späteren Präsidenten Theodore Roosevelt beeinflusste er mit seinen Studien auch den Aufbau der US Navy und damit der Seemacht der USA. Für die Entwicklung seiner Theorie der Seestrategie und Seemacht orientierte er sich teilweise an den Thesen des Schweizer Strategen Antoine-Henri Jomini (1779-1869) und am Studium der englischen Seekriege vom 17. bis zum 19. Jahrhundert.

Seestrategie dient einer Seemacht der Kontrolle der Seewege und damit der Durchsetzung ihrer Seeherrschaft:[1]

“Naval strategy has for its end to found, support, and increase, as well in peace as in war, the sea power of a country.”

Für die Kontrolle der Seewege müssen die gegnerischen Seestreitkräfte entweder von den Ozeanen und Meeren vertrieben oder vernichtet werden:[2]

„… der einzige Weg, das Ziel zu sichern, (ist) die Vernichtung der feindlichen Streitmacht … .“

Für die Vertreibung oder Vernichtung der feindlichen Flotten muss die eigene Flotte über eine grosse Offensivkraft verfügen. Nach wie vor dient der Aufbau, die Struktur und die Kampfkraft der U.S. Navy diesem Ziel. Mit ihren 11 Trägerkampfgruppen wollen die USA in Friedenszeiten die Seewege kontrollieren und in Kriegszeiten die feindlichen Flotten von den Meeren fegen.

Die Aussagen verschiedener chinesischer Seeoffiziere während den letzten 10 Jahren lassen nun erkennen, dass Beijing in erster Priorität die amerikanische Seeherrschaft im westlichen Pazifik beenden will. Chinesische Seeoffiziere haben in verschiedenen Studien die Stärken und Schwächen der US-Seestrategie eingehend analysiert.[3] Aufgrund dieser Analysen müssen sie zum Schluss gelangt sein, dass das Südchinesische Meer der Schwachpunkt in der amerikanischen Seeherrschaft sein dürfte. Für die Kontrolle dieses riesigen Raums verfügt die US Navy über zu wenig Kriegsschiffe.

Seit einigen Jahren lässt Beijing nun auf Riffen der Spratley Islands künstliche Inseln aufschütten und auf diesen neuen Inseln Stützpunkte mit Häfen und Landebahnen errichten. Das letzte Beispiel einer künstlichen Insel ist Subi Reef. Entsprechend dem alten chinesischen Kriegsspiel Wei-Chi[4]  (Weiqi) aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. wird schrittweise das Südchinesische Meer mit diesen Insel belegt. Mit diesen Inseln will China dieses Meer kontrollieren. Bereits Mao hat den Einsatz von Wei-Chi für die Entwicklung einer Strategie gegen einen überlegenen Feind propagiert:[5]

„Somit entstehen je zwei Formen der Einkreisung durch den Feind und durch uns, die hilflos im grossen und ganzen dem „Wetji“-Spiel gleichen…“

Heute kann die US Navy dem Bau dieser Inseln und Stützpunkte durch China nichts entgegensetzen.[6]

Damit aber auch in Kriegszeiten die US Navy nicht in das Südchinesische Meer vordringen kann, dürfte China die Wei-Chi-Strategie der künstlichen Inseln mit der Anti-Access/Area Denial-Taktik (A2/AD)[7] verknüpfen wollen. Sehr bald werden die Chinesen auf diesen künstlichen Stützpunkten ballistische Flugkörper DF-21D, sogenannte anti-ship ballistic missiles, stationieren.[8] Mit der Reichweite von 1‘500 km könnten diese Flugkörper zu einer ernsthaften Bedrohung für die amerikanischen Trägerkampfgruppen im Südchinesischen Meer werden. Mit weitreichenden russischen Fliegerabwehrsystemen S-400 könnten die DF-21D-Stellungen gegenüber den Angriffen amerikanischer Kampfflugzeuge und Marschflugkörper geschützt werden.

Mit der Umsetzung ihres alten Wei-Chi-Kriegsspiels werden die Chinesen schrittweise die US-Strategie und -Seeherrschaft im westlichen Pazifik ausmanövrieren und damit beenden.

[1] Mahan, A.T., The Influence of Sea Power upon History 1660-1805, Bison Book Limited, London, 1980, P. 67.

[2] Mahan, A.T., Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte 1660-1805, Überarbeitet und herausgegeben von Gustav-Adolf Wolter, Koehlers Verlagsgesellschaft, Herford, 1967, S. 160.

[3] Lim, Yves-Heng, China’s Naval Power, An Offensive Realist Approach, Ashgate, Farnham and Burlington, 2014, P. 36-40, 118-121.

[4] Das Wei-Chi-Spiel wird heutzutage als Go-Spiel bezeichnet.

[5] Mao Tse-tung, Ausgewählte Militärische Schriften, Verlag für Fremdsprachige Literatur, Peking, 1969, S. 266.

[6] Browne, A., China’s Great Wall of Sand’ Upstages U.S., in: The Wall Street Journal, April 13, 2016, P. A2.

[7] A2/AD = die Verhinderung des Eindringens durch einen Gegner in ein Gebiet oder/und das Hinausdrängen des Gegners aus diesem Gebiet durch den Einsatz der entsprechenden Streitkräfte.

[8] Office of the Secretary of Defense, Annual Report to Congress, Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China 2015, Washington DC, 2015, P. 8.