Wahhabit Sayyaf in Paghman
Wahhabit Sayyaf in Paghman

Als Begründer des Wahhabismus gilt der Salafisten-Verkünder Muhammad ibn Abd al-Wahhab, der die Rückkehr zum wahren Islam des Propheten Muhammad des 7. Jahrhunderts predigte und der zusammen mit dem Stammeshäuptling Muhammad ibn Saud den ersten Saudi-Wahhabitenstaat in Dir’iyah (im Nordwesten von Riad), Zentralarabien, gründete. Dieser Staat existierte von 1744 bis 1818.[1] Mit dem Schwert sollten die Muslime zum Gehorsam an al-Wahhab gezwungen werden. Im Abkommen zwischen den beiden wurde festgehalten, dass ibn Saud die Mission von Wahhab unterstützen würde und die Missionare von Wahhab die politische Führung des Saudis zu unterstützen hatten. Sehr bald war beinahe die gesamte Arabische Halbinsel erobert. Das Ziel dieses Religionskrieges war zunächst die Zwangsbekehrung der sunnitischen Araber zum wahren Islam. Sehr bald wurde die Vernichtung der als häretisch betrachteten Schiiten zum wahren Ziel dieses Jihads erklärt. 1791 wurden die schiitischen Gebiete im östlichen Teil Arabiens angegriffen und 1‘500 Schiiten massakriert. 1802 plünderten die Wahhabiten die schiitische Stadt Kerbela im heutigen Irak und töteten 2‘000 Menschen. Die schiitischen Schreine in Kerbela wurden dabei zerstört. Als Reaktion darauf beauftragte der osmanische Sultan in Istanbul 1811 Ibrahim Pascha, den Adoptivsohn Muhammed Alis und Vizekönig von Ägypten[2], mit seiner modernen Armee den saudischen Staat anzugreifen und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Mit seiner ägyptischen Armee überrannte er 1818 Dir’iyah und zerstörte die saudische Hauptstadt. Anschliessend liess er die politischen und religiösen Anführer exekutieren oder zwang sie ins Exil. Der Feldzug von Ibrahim Pascha nach Südostarabien wurde durch die Briten politisch gestoppt, die später zu den Schutzherren und Förderern des dritten Saudi-Wahhabitenstaates mutierten.

1824 gründeten die überlebenden Saudi-Wahhabiten ihren zweiten Staat. Dieser neue Staat erreichte nie die Grösse des ersten Staates und seine politischen Anführer waren im Vergleich zu jenen des ersten Staates in geringerem Masse ideologisch extrem ausgerichtet. Durch die Kämpfe mit rivalisierenden Stammesanführern kollabierte der zweite Staat 1891.

Der dritte Saudi-Wahhabitenstaat gründete Abdulaziz ibn Saud. Er lebte als Mitglied der saudischen Familie im Exil in Kuwait. Von da aus eroberte er 1902 Riyad zurück. Anschliessend eroberte er in zwei Jahrzehnten den übrigen Teil von Arabien. 1932 bezeichnete er seinen Staat als Königreich von Saudi-Arabien.[3] Zuerst schien es so, als ob dieser dritte Staat politisch und ideologisch dem ersten Saudi-Wahhabitenstaat entsprechen würde. Auch die Expansion des dritten Staates war ein Jihad gegen sunnitische Muslime, die nach der Auffassung der Wahhabiten den rechtgläubigen Weg verlassen hatten und Apostasie betrieben. Bereits 1927 forderten aber wahhabitische Gelehrte die Zwangskonversion oder Vertreibung der Schiiten aus den saudischen Ostprovinzen. Der König erlaubte aber den Schiiten zu bleiben und gab die Expansion des Jihad auf. Der dritte Staat entfernte sich aus der Sicht der strenggläubigen Wahhabiten zunehmend vom ursprünglichen Jihad-Ziel des ersten Staates.

Im Gegensatz zum heutigen Königreich Saudi-Arabien folgt nun der Islamische Staat streng dem Vorbild des ersten Saudi-Wahhabitenstaates. Die Führung des IS hat die politischen und religiösen Vorschriften von ibn Abd al-Wahhab vollständig übernommen.[4] Die Lehren und Vorschriften des Wahhabismus sind das Fundament, auf dem der IS beruht, und bestimmen auch dessen Jihad. Dazu gehört das alles bestimmende Ziel der Vernichtung der Schi‘a.[5] Ein Ziel auf das sowohl der erste Saudi-Wahhabitenstaat wie auch die Vorgängerorganisation des IS, Al-Kaida im Irak, ausgerichtet waren. Die Anschläge von Al-Kaida im Irak, die unter der Führung des durch die Amerikaner 2006 getöteten Jordaniers Abu Musab al-Zarqawi[6] erfolgten, waren insbesondere gegen Schiiten gerichtet. In seiner Predigt vom 13. November 2014 hat Abu Bakr al-Baghdadi, der Kalif Ibrahim des Islamischen Staates, die Schiiten als Ablehnende des wahren Glaubens bezeichnet, die mit Priorität anzugreifen und zu töten seien. Erst danach sollen die regierende Königsfamilie al-Saud und die Stützpunkte der Kreuzfahrer angegriffen werden.[7] Der wirkliche Feind des IS sind die Schiiten auf der arabischen Halbinsel und im Mittleren Osten. Aufgrund der politischen und religiösen Übereinstimmung mit dem ersten Saudi-Wahhabitenstaat wird der IS durch arabische Religionsgelehrte wie Turki al-Binali, der Mufti des Islamischen Staates, als der vierte Saudi-Wahhabitenstaat bezeichnet.[8]

Was das zukünftige Verhältnis zwischen dem Islamischen Staat und Saudi-Arabien betrifft, so zielt der IS bereits heute auf eine spätere Vereinigung der beiden Staaten ab. Zu diesem Zweck hat Baghdadi in seiner Predigt vom 13. November 2014 die Aufteilung von Saudi-Arabien in drei Provinzen verkündet: die Provinz Najd in Zentralarabien, die Provinz Hijaz im Westen und die Provinz Bahrain im Osten Saudi-Arabiens.[9] Kalif Ibrahim hat in seiner Rede aber nicht nur die saudische Königsfamilie für ihren Schutz der schiitischen Götzenanbeter zum Tod verurteilt, sondern auch die saudische Jugend zur Vernichtung der Schiiten aufgerufen, auch wenn dies die Opferung des eigenen Lebens bedeuten würde.[10] Diese Aufforderung des Kalifen dürfte zu den vor kurzem stattgefundenen Selbstmordanschlägen auf schiitische Moscheen geführt haben.[11]

Der IS verbreitet über seine Medien in Saudi-Arabien die These, dass die Sunniten in der Gegenwart durch eine iranisch-schiitische geführte Offensive im Irak, in Syrien und im Jemen bedroht würden.[12] Die wahren Gläubigen müssten nur schon deshalb die schiitischen Götzenanbeter von der Arabischen Halbinsel vertreiben. Von diesem Ziel sei die über den dritten Saudi-Wahhabitenstaat herrschende Königsfamilie aber abgekommen. Der Propaganda des IS versucht der saudische König mit der Unterstützung gemässigter Gelehrter entgegen zu wirken.[13]

Fazit: Der Islamische Staat zielt primär auf die Vernichtung der Schiiten im Mittleren Osten ab und verfolgt damit einen Religionskrieg. Mit ihrem Luftkrieg wollen die USA den IS vernichten und dadurch die schiitische Regierung in Bagdad vor dem Untergang bewahren. Aus der Sicht des IS müssen deshalb die Anschläge in Europa als Vergeltung für den Luftkrieg der USA und ihrer Alliierten gegen den IS interpretiert werden.

[1] Bunzel, C., The Kingdom and the Caliphate, Duel of the Islamic States, The Global Think Tank, Carnegie, Endowment for International Peace, Beijing, Beirut, Brüssels, Moscow, Washington, 2016, P. 5/6.

[2] Randa, A. (Hrsg.), Handbuch der Weltgeschichte, Dritter Band, Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1954, S. 2143.

[3] Bunzel, C., P. 7.

[4] Bunzel, C., P. 8.

[5] Bunzel, C., P. 11.

[6] McChrystal, St., General U.S. Army, ret., My Share of the Task, A Memoir, Updated with a new Preface, Penguin Group, New York, 2014, P. 289.

[7] Bunzel, C., P. 27.

[8] Bunzel, C., P. 5/7/8.

[9] Bunzel, C., P. 11.

[10] Bunzel, C., P. 32.

[11] Bunzel, C., P. 12/13.

[12] Bunzel, C., P. 13.

[13] Bunzel, C., P. 23.