Beinahe wie ein Schatten steht US-Präsident Obama sein Vizepräsident Joe Biden bei vielen seiner Auftritte über sicherheitspolitische Fragen zur Seite. In seiner Biographie bemerkt der frühere CIA-Chef und Verteidigungsminister Leon Panetta[1], dass Joe Biden nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf die strategischen Entscheidungen von Barack Obama ausübe, sondern vielfach auch das letzte Wort habe. Ein Beispiel hierfür sei der Entscheid Obamas über die Aufstockung der US-Truppen in Afghanistan um 40‘000 Soldaten für eine effizientere Bekämpfung der Taliban und für die Stabilisierung des Landes im November 2009 gewesen. Den Ratschlag der Generäle Petraeus und McChrystal versuchte Biden offenbar mit dem Hinweis auf die negativen Erfahrungen der USA mit Vietnam zu torpedieren:[2]

„Vice President Joe Biden challenged that presumption again and again. More than anyone else in those conversations, Biden raised the specter of Vietnam, of incremental increases in commitment without a clear plan or exit strategy.”

Nur durch die Unterstützung der Aussenministerin Hillary Clinton und des damaligen Verteidigungsministers Robert M. Gates konnte der Antrag der Generäle Petraeus und McChrystal durchgesetzt werden. Nach dem erzwungenen Abgang von General McChrystal 2010 konnte sich Biden schrittweise mit seinen Thesen über einen begrenzten Truppeneinsatz in Afghanistan und die Beschränkung auf die Terrorismusbekämpfung gegen Al-Kaida im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet durchsetzen. Mit dem Abzug Ende 2014 wurde diese Konzeption zur Realität. Durch den Beinahe-Abzug wurde aber auch die gegenwärtige Destabilisierung von Afghanistan Realität. Nicht nur haben seither der Einfluss der Taliban und damit die Unsicherheit im Land zugenommen, sondern es sind auch Tausende von Arbeitsplätzen, die im Zusammenhang mit der Stationierung der fremden Truppen standen, verloren gegangen. Dies ist auch die eigentliche Ursache für die Kollabierung der afghanischen Volkswirtschaft und die Auswanderung Tausender junger Afghanen zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Die negativen Auswirkungen des Einflusses und der Ratschläge von Joe Biden auf den Entscheidungsprozess der Obama-Administration hat Robert Gates in seinen Memoiren über seine Zeit als Verteidigungsminister unter George H.W. Bush und Barack Obama angeprangert, so insbesondere was den erwähnten Entscheid über die Aufstockung der US-Truppen in Afghanistan betraf:[3]

„I called Donilon two days later to express my concern that the vice president was poisoning the well with the president with regard to Petraeus and Afghanistan. I said I thought Biden was subjecting Obama to Chinese water torture, every day saying, “the military can’t be trusted,” “the strategy can’t work”, “it’s all failing,” “the military is trying to game you, to screw you.” I said we couldn’t operate that way.”

Die Vorstellungen von Biden, die Kriegführung in Afghanistan auf die Terrorismusabwehr und die Ausschaltung der Al-Kaida-Führung mit Hilfe von Drohnen zu beschränken, bezeichnete Gates als realitätsfremd:[4]

„This was why I could not sign on to Biden’s counterterrorism strategy: ”whack-a-mole” hits on Taliban leaders were not a long-term strategy.”

Gates muss Joe Biden schon vor seiner Zeit als Obamas Verteidigungsminister gekannt haben. Die aussen- und sicherheitspolitischen Fähigkeiten von Biden bezweifelt er:[5]

„Still, I think he has been wrong on nearly every major foreign policy and national security issue over the past four decades.“

Eine starke Führungspersönlichkeit kann einen inkompetenten Berater verkraften. Das Problem Obamas liegt jedoch drin, dass er Konflikten am liebsten ausweicht und wenn möglich in solchen Lagen keine Entscheidungen trifft. Panetta kritisiert diese Sucht nach Konfliktvermeidung:[6]

„Indeed, that episode highlighted what I regard as his most conspicuous weakness, a frustrating reticence to engage his opponents and rally support for his cause. … He does, however, sometimes lack fire. Too often, in my view, the president relies on the logic of a law professor rather than the passion of a leader.”

In Zeiten einer strategischen Schönwetterlage stellt ein Schöngeist beim Navigieren eines Schiffes kein Problem dar. Bei der Meisterung eines Gewitters muss aber das Schiff durch einen entscheidungsfähigen und kompetenten Kapitän geführt werden. Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts stellte der Florentiner Niccolo Machiavelli in seinem Werk „Il Principe“ fest, dass die Auswahl schlechter Berater das Spiegelbild des unfähigen Herrschers sei:[7]

„Von nicht geringer Wichtigkeit für einen Herrscher ist die Auswahl seiner Mitarbeiter. Ob diese gut oder schlecht sind, hängt von der Klugheit des Herrschers ab. Der erste Eindruck, den man sich von der Intelligenz eines Herrschers macht, wird durch die Männer seiner Umgebung bestimmt.“

[1] Panetta, L., with J. Newton, Worthy Fights, Penguin Press, New York, 2014.

[2] Panetta, L., P. 254.

[3] Gates, R.M., Duty, Memoirs of a Secretary at War, WH Allen and Random House Group Company, Croydon and New York, 2014, P. 557.

[4] Gates, R.M., P. 570.

[5] Gates, R.M., P. 288.

[6] Panetta, L., P. 442.

[7] Machiavelli, N., Der Fürst, ‚Il Principe‘, übersetzt und herausgegeben von Rudolf Zorn, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 1955, S. 96.