Selbstfahrkanone 2S7, 203mm
Selbstfahrkanone 2S7, 203mm

Aufgrund der negativen Erfahrungen im Krieg gegen Georgien von 2008 wurde der frühere russische Verteidigungsminister Anatoly Serdyukov mit der Reform der Streitkräfte beauftragt.[1] Ausgehend von der Überzeugung, dass in der Zukunft die russischen Streitkräfte anstelle einer massiven Konfrontation mit der NATO in Europa „lokale Kriege“ an der russischen Peripherie führen mussten, stand im Zentrum des  Reformprojektes von Serdyukov die konsequente Brigadisierung und die Aufgabe der Divisionsstruktur des Heeres.[2] Zum Reformprojekt gehörte auch die Reduktion der Zahl der Militärbezirke auf deren vier, die Rekrutierung, die Mobilmachung, die Logistik und die Bewaffnung des Heeres. Die beiden Kriege in der Ukraine und in Syrien haben die dank der Reform erreichte Leistungsfähigkeit der russischen Streitkräfte demonstriert. 2012 wurde Serdyukov, der vor allem innerhalb des höheren Offizierskorps sehr unpopulär war, aufgrund einer angeblichen Korruptionsaffäre als Verteidigungsminister durch Sergey Shoigu abgelöst.[3]

Unter Shoigu ist das Reformprojekt des Vorgängers grundsätzlich weiter vorangetrieben worden. Die Ordre de Bataille des Heeres ist auf die vier Militärbezirke ausgerichtet. Neu begründet wurde ein gemeinsames Kommando für die Arktis. Einzelne Armeen sind beibehalten worden. Diese, wie auch die Luftlandetruppen (VDV), werden direkt von Moskau aus geführt.[4] Der eigentliche Kampfverband des Heeres sind die Motorisierten Schützenbrigaden mit einem Sollbestand von 4‘200 Mann. Die Panzer- und Artilleriebrigaden sollen einen Sollbestand von rund 2‘100 Mann haben.[5] Zwei Divisionen sind als Grosse Verbände der 1. Garde Panzerarmee beibehalten worden, die 2. Garde Motorisierte Schützendivision und 4. Garde Panzerdivision. Diese Panzerarmee ist im Westlichen Militärbezirk stationiert. Shoigu will zwei weitere Divisionen aufstellen, eine für den Westlichen und eine für den Zentralen Militärbezirk. Bei den Luftlandetruppen ist die Divisionsstruktur mit den 7., 76., 98. und der 106. Luftlandedivisionen beibehalten worden.[6]

Was die Bewaffnung und Ausrüstung des Heeres betrifft, so werden diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt durch das Verteidigungsministerium zu 35% als modern beurteilt.[7] Die Bewaffnung soll aufgrund des 2010 beschlossenen Aufrüstungsprogramms von 19‘400 Milliarden Rubel bis 2020 zu 70 bis 80% modernisiert werden.[8]

Im Gegensatz zu den Streitkräften im Westen ist das russische Heer im Kern immer noch eine hochmechanisierte Streitmacht. Heute verfügt das Heer über 2‘800 Kampfpanzer der Typen T-90, T-80U und T-72, alle mit der automatischen Glattrohrkanone 125mm ausgerüstet.[9] Als die kampfstärksten Panzer des Heeres gelten die 550 T-80U, mit denen vor allem die 1. Garde Panzerarmee ausgerüstet ist. Die ältesten Kampfpanzer sind die 1‘700 T-72, deren erste Modelle Ende der 60er Jahre eingeführt wurden.[10] Der Einsatz von russischen Kampfpanzern T-72B3 in der Ost-Ukraine ist aber ein Beweis für deren andauernde Einsatzfähigkeit.

Anlässlich der Siegesparade vom Mai 2015 wurde der neue Kampfpanzer T-14 Armata vorgeführt.[11] Dieser Kampfpanzer weist einen unbemannten Turm mit einer Kanone 125 mm 2A82 auf, die später durch eine Kanone 152 mm ersetzt werden soll.[12] Ausgehend vom T-14 wird eine neue Reihe von Kampffahrzeugen eingeführt. Dazu gehören die schweren Kampfschützenpanzer Kurganets-25 und T-15 Armata sowie die Panzerhaubitze 2S35 Koalitsiya-SV.[13] Heute sind die Motorisierten Schützenbrigaden und die Panzerbrigaden vor allem mit dem Kampfschützenpanzer BMP-3 ausgerüstet. Der 16.5 Tonnen schwere BMP-3 ist mit drei Maschinengewehren und mit zwei Kanonen, Kaliber 100 mm und 30 mm, ausgerüstet.[14] Der 25 Tonnen schwere Kurganets-25 soll über eine Kanone Kaliber 57 mm verfügen.

Die Wirkung ihrer Artillerie haben die russischen Streitkräfte sowohl in der Ost-Ukraine wie auch in Syrien vorgeführt. In Ergänzung zu den neuen Panzerhaubitzen 2S35 Koalitsiya-SV werden die Artilleriebataillone der Panzerbrigaden und die Artilleriebrigaden der Armeen die bewährten Selbstfahrgeschütze, die gezogenen Geschütze, die Mehrfachraketenwerfer und die taktischen ballistischen Flugkörper behalten.[15] Dazu gehören 550 Panzerhaubitzen 2S19 Msta-S und 450 gezogene Kanonenhaubitzen 2A65 Msta-B, beide Typen Kaliber 152 mm, sowie 250 Panzerhaubitzen 2S5 Giatsint-S und 200 gezogene Kanonen 2A36 Giatsind-B, beide Typen mit Kaliber 152 mm. Immer noch vorhanden sind auch 650 Panzerhaubitzen 2S1 Gvozdika und 550 gezogene Kanonenhaubitzen D-30, beide Typen mit Kaliber 122 mm. Gemäss dem Military Balance 2016 verfügt das russische Heer des Weiteren im Kaliber 203 mm immer noch über 320 Selbstfahrkanonen 2S7 und 40 gezogene Geschütze B-4M.[16]

Für die Fliegerabwehr ist das Heer mit der neuen Einmann-Fliegerabwehrlenkwaffe des Typs 9K333 Verba ausgerüstet. Daneben sind immer 9K36 Strela-3 (SA-14 GREMLIN), 9K310 Igla-1 (SA-16 GIMLET), 9K38 Igla (SA-18 GROUSE) und 9K338 Igla-S (SA-24 GRINCH) im Einsatz). Aber auch der Flab-Panzer ZSU-23-4 Shilka 23 mm bleibt einsatzbereit. Neben älteren mobilen Fliegerabwehrlenkwaffensystemen wird das Heer auch mit neuen mobilen Systemen ausgerüstet. Dazu gehören Tor-M1-2U und Tor-M2.[17] Durch den Abschuss des Passagierflugzeuges MH17 über der Ost-Ukraine im Juli 2014 ist das russische Fliegerabwehrlenkwaffensystem 9K37 Buk (SA-11 GADFLY) international bekannt geworden.

Fazit: nach wie vor bestimmen Kampfpanzer und Artillerie die Feuerwirkung des russischen Heeres.

[1] The Military Balance 2106, The International Institute for Strategic Studies, London, P. 162.

[2] Larrinaga, N., de, Return of the bear: Russian Ground Forces modernisation, IHS Jane’s Defence Weekly, 2016, P. 3.

[3] Larrinaga, N., de, P. 3.

[4] Larrinaga, N., de, P. 2.

[5] Larrinaga, N., de, P. 3.

[6] Larrinaga, N., de, P. 3.

[7] Larrinaga, N., de, P. 2.

[8] The Military Balance 2016, P. 170/171.

[9] Larrinaga, N., de, P. 3.

So auch The Military Balance 2016, P. 190. Das Military Balance 2016 führt Bestände auf, die teilweise von den in der Publikation von Larrinaga aufgeführten Zahlen abweichen.

[10] Larrinaga, N., de, P. 4.

[11] Larrinaga, N., de, P. 5.

[12] The Military Balance 2016, P. 167.

[13] Larrinaga, N., de, P. 8/9.

[14] Larrinaga, N., de, P. 9.

[15] Larrinaga, N., de, P. 10.

[16] The Military Balance 2016, P. 190.

[17] Larrinaga, N., de, P. 10.

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