Mazar-e-Sharif 2006
Mazar-e-Sharif 2006

In den westlichen Medien wird als eine der Ursachen für die über Europa einbrechende Völkerwanderung die in den Ursprungsstaaten herrschende Unsicherheit als Folge von Bürgerkriegen genannt. Wie aber aufgrund einer umfassenden Studie des amerikanischen Politikwissenschaftlers Anthony H. Cordesman über Afghanistan[1] festgestellt werden kann, könnten andere Faktoren für die Auslösung der Völkerwanderung aus sogenannten failed states bzw. Krisenstaaten entscheidender sein. Gemäss dieser Studie dürften vor allem folgende Faktoren für die Auswanderungswilligkeit aus Afghanistan verantwortlich sein:

  • der hohe Anteil der Altersgruppe der 15 bis 24-Jährigen an der Gesamtbevölkerung, verursacht durch eine hohe Geburtenrate von bis zu 3.4% (2005)[2]
  • eine hohe Arbeitslosigkeit
  • verbreitete Armut
  • Korruption
  • Kriminalität und Drogenwirtschaft
  • Perspektivlosigkeit

Mit einer Gesamtbevölkerung von 31‘822‘848 Menschen betrug der Anteil der Bevölkerung im Alter von 0 bis 14 Jahren im Mai 2015 42%. Davon waren 6‘793‘832 Jungen und 6‘579‘399 Mädchen. Der Anteil der Altersgruppe der 15 bis 24-Jährigen betrug mit 3‘600‘264 Männern und 3‘464‘781 Frauen 22.2% der Gesamtbevölkerung. Trotz der teilweise miserablen Versorgung mit Ärzten nimmt der Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung weiterhin zu. Ein hoher Anteil dieser Jugendlichen, so insbesondere die Mädchen, dürften nach wie vor keine Schulbildung erhalten und müssen als Analphabetinnen und Analphabeten bezeichnet werden.

Gemäss einer Schätzung von 2010 müssten pro Jahr 392‘116 Jugendliche und 370‘295 Frauen in den Arbeitsprozess eintreten. 2008 betrug die Arbeitslosigkeit der gesamten Bevölkerung 35%.[3]  2013 konnten nur 25.57% der Jugendlichen zwischen 15 bis 24 Jahren arbeiten. Die Arbeitslosigkeit dieser Altersgruppe betrug 31%.[4] Die fehlende Bildung sowie die hohe Arbeitslosigkeit sind Faktoren, die auch zur Armut in Afghanistan beitragen.

Afghanistan nimmt im internationalen Ranking der Korruption der 177 Staaten der Welt mit 172 eine Spitzenstellung ein und gilt deshalb als einer der korruptesten Staaten dieser Welt.[5] Zu den korruptesten Bereichen des Landes werden mit über 50% die Beamtinnen und Beamte des Zolls, der Polizei, der Steuerbehörde, des Lehrbereiches, die Staatsanwälte sowie die Richter gerechnet.[6] Auch das Finanzsystem des Landes gilt als korrupt. Ein Beispiel dafür ist der Skandal um die ehemalige Kabul Bank, bei der die Führungsleute vor 2010 beinahe eine Milliarde Dollar abzweigten, eine Summe die zu einem wesentlichen Teil nie mehr aufgefunden werden konnte.[7]

Mit der Korruption eng verknüpft ist die Kriminalität. An der Spitze der afghanischen Kriminalität steht der Drogenanbau und -handel. Die Organisierte Kriminalität, die den Drogenbereich kontrolliert, durchdringt die gesamte Gesellschaft, zu der auch die Führung der Taliban gehört, wie auch die Spitze des Staates.[8] Gemäss den Daten der UNDOC wurden 2013 auf 209‘000 Hektaren Schlafmohn angebaut.[9] Das Hauptanbaugebiet für Schlafmohn ist die Provinz Helmand, dessen nördlichster Teil durch das Islamische Emirat der Taliban von Helmand kontrolliert wird.[10] Afghanistan lieferte 2014 87% der weltweiten Produktion an Opium.[11] Dieses wird im Verhältnis 10 zu 1 zu Heroin verarbeitet. Neben Heroin und Opium wird aus Afghanistan der Weltmarkt mit Haschisch und Morphin beliefert. Die Höhe des prozentualen Anteils der Drogeneinnahmen am Bruttosozialprodukt Afghanistans kann nicht erfasst werden. Vermutlich dürfte er sehr hoch sein. Während Jahren wurden Einnahmen aus dem afghanischen Drogenhandel über den Baumarkt in Dubai gewaschen.

Die Ineffizienz der Staatsführung und der Wirtschaft belegt Cordesman mit weiteren Zahlen. Ergänzt werden diese Angaben durch die Analyse der Sicherheit im Land. Dabei muss beachtet werden, dass die Taliban, neben einigen Gebieten im Norden, wie Kunduz, vor allem unter der paschtunischen Bevölkerung der südlichen Provinzen Afghanistans aktiv sind.[12] Die Finanzierung der Sicherheitskräfte Afghanistans (Armee und Polizei) ist übrigens beinahe vollständig von den Zuwendungen der Drittstaaten abhängig.

Fazit: die USA und ihre Alliierten sind beim Aufbau dieses Landes total gescheitert. Dieses Scheitern ist dafür mitverantwortlich, dass sich hunderttausende junger Afghanen, getrieben durch die Perspektivlosigkeit, ins gelobte Europa absetzen wollen. Vorstellbar ist, dass diese Völkerwanderung in der nahen Zukunft die Millionengrenze überschreiten könnte. Die Mehrheit dieser jungen Afghanen – mehrheitlich Männer – dürfte nur selten über eine abgeschlossene Schulbildung verfügen.

[1] Cordesman, A.H., Afghanistan: The Uncertain Impact of a Year of Transition, Working Draft, Center for Strategic & International Studies, Washington, DC, February 22, 2016.

[2] Cordesman, A.H., P. 30.

[3] Cordesman, A.H., P. 29.

[4] Cordesman, A.H., P. 34.

[5] Cordesman, A.H., P. 68.

[6] Cordesman, A.H., P. 69.

[7] Cordesman, A.H., P. 71.

[8] Cordesman, A. H., P. 159.

[9] Cordesman, A.H., P. 158.

[10] Cordesman, A.H., P. 163.

[11] Cordesman, A.H., P. 166.

[12] Cordesman, A.H., P. 253.