Bis zum Ende des Kalten Krieges 1990 dienten die strategischen Nuklearwaffen der gegenseitigen Abschreckung zwischen den damaligen Supermächten USA und Sowjetunion. Der Abschreckungsmechanismus beruhte auf der Glaubwürdigkeit der Ausführung eines Nuklearschlages gegen die andere Supermacht nach dem Erleiden eines strategischen Erstschlages gegen die eigenen nuklearstrategischen Waffenstellungen, wie die Flugplätze mit den strategischen Bombern, den Häfen mit den nuklearangetriebenen U-Booten und den Silos der interkontinentalen ballistischen Flugkörpern. Dieser Gegenschlag bzw. Zweitschlag musste zu nicht akzeptablen Schäden führen:[1]

„Situation obtaining between nuclear powers when each is deterred from attacking the other (i.e., launching a first strike) because the damage expected to result from the victim’s retaliation (second strike) would be unacceptable.”

Die angestrebte Wirkung des nuklearstrategischen Gegenschlages, und damit die Glaubwürdigkeit der gegenseitig sichergestellten Vernichtung (Mutual Assured Destruction), wurde durch den Verteidigungsminister der Kennedy- und Johnson-Administrationen, Robert S. McNamara, 1968 vor dem Senate Armed Services Committee wie folgt definiert:[2]

„(…) Welche Art und welches Mass an Zerstörung wir einem Angreifer zufügen können müssten, um diese Abschreckung zu bewirken, lässt sich nicht exakt sagen. Es erscheint jedoch vernünftig anzunehmen, dass im Falle der Sowjetunion die Vernichtung von sagen wir einem Fünftel bis einem Viertel der Bevölkerung und der Hälfte bis zwei Drittel des Industriepotentials bedeuten würde, dass sie als Grossmacht für viele Jahre ausgeschaltet ist (…).“.

Auch nach dem Ende des Kalten Krieges schien es, als ob das durch diesen Abschreckungsmechanismus garantierte stabile Gleichgewicht der nuklearstrategischen Waffen zwischen den USA und Russland noch funktionieren und damit den weiterandauernden Frieden zwischen ihnen garantieren würde. Eine gewisse Bestätigung dieser Annahme erhielt die Welt am 8. April 2010 durch die Unterzeichnung des Abrüstungsabkommens New Start zwischen den USA und Russland in Prag, mit dem die Gesamtzahl der nuklearstrategischen Gefechtsköpfe auf beiden Seiten auf je 1550 begrenzt werden sollte.

Angesichts der Tatsache, dass die aufstrebende Grossmacht China sowie andere Nuklearmächte, wie Frankreich, Grossbritannien, Indien und Pakistan, an diesem Abkommen nicht beteiligt waren, hätten sich bereits beim Abschluss von New Start Fragen betreffend der andauernden Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit der zur Zeit des Kalten Krieges gelobten Mutual Assured Destruction stellen müssen. Spätestens nachdem Nordkorea mit den Tests von nuklearen Gefechtsköpfen und ballistischen Flugkörpern die Schwelle zum nuklearen Klub überschritten hatte und immer wieder mit dem Einsatz dieser Nuklearwaffen drohte, hätte die Funktionsfähigkeit der nuklearen Abschreckung hinterfragt werden müssen. In zunehmendem Masse versucht in der Gegenwart das nordkoreanische Regime in Pjöngjang durch angedrohte Einsätze seiner Nuklearwaffen insbesondere Südkorea und die USA zu erpressen. Das Ziel dieser Erpressungen dürfte der Abschluss eines Friedensvertrages mit den USA und damit eine Garantieleistung für das Überleben des Regimes sein.

Aber nicht nur die Nordkoreaner haben offenbar den Wert von Nuklearwaffen als Mittel zur Erpressung erkannt. In zunehmendem Mass setzen die Grossmächte in Manövern strategische Nuklearwaffenträger ein, sei dies Russland mit Langestreckenbombern Tu-160 oder Tu-95 und U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörpern[3] oder die USA durch die Verlegung von drei Langstreckenbombern B-52 ins NATO-Manöver Cold Response.[4] Sollte sich diese Entwicklung des Einsatzes von Nuklearwaffen als Mittel der Erpressung zwischen Nuklearmächten verfestigen, dann wird diese Welt eine sehr unsichere Zukunft haben. Der bis anhin gültige Friede zwischen den Nuklearmächten, beruhend auf dem nuklearstrategischen Gleichgewicht zwischen ihnen, könnte sehr bald der Vergangenheit angehören.

[1] Schwarz, U., and L. Hadik, Strategic Terminology, A Trilingual Glossary, Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien, 1966, P. 61.

[2] Legault, A., und G. Lindsey, Dynamik des nuklearen Gleichgewichts, Alfred Metzner Verlag, Frankfurt am Main, 1973, S. 114/115.

[3] Focus, Simulation eines Nuklearangriffes auf die USA? Russland plant riskantes Manöver. 06.03.2016.

[4] Pawlyk, O., The B-52 could rise again, this time to fight ISIS, in: Air Force Times, March 4, 2016, 4:58 p.m.

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