Vor dem Armed Services Committee (Komitee für die Streitkräfte) des US-Senats hat vor kurzem der Befehlshaber der US-Truppen in Europa, EUCOM, und gleichzeitiger Oberbefehlshaber der NATO-Truppen, SACEUR, General Philip Breedlove, US Air Force, auf den immer noch andauernden indiskriminierenden Luftkrieg der russischen Luftstreitkräfte in Syrien hingewiesen.[1] Entgegen dem vereinbarten Waffenstillstandsabkommen würden die Auseinandersetzungen zwischen dem Regime und der Opposition sowie der Abwurf russischer Freifallbomben fortgesetzt. Die Folge dieses Luftkrieges, so der General, sei eine beschleunigte Fluchtbewegung von Syrerinnen und Syrern nach Jordanien und in die Türkei und von da aus weiter nach Europa. Dieser Flüchtlingsstrom sei durch den Zuzug von Menschen aus Nordafrika und dem Mittleren Osten zu einer Völkerwanderung angewachsen. Die Führung des Islamischen Staates würde diese Völkerwanderung durch das Einschleusen von Jihadisten für die eigenen Ziele ausnützen.[2]

Die Autoren Casagrande, Kozak und Cafarella des Institute for the Study of War beurteilen die Lage im nördlichen Syrien noch pessimistischer als der General.[3] Die Feuerpause würde durch das Assad-Regime für die eigene Konsolidierung und als Vorbereitung für die Eroberung von Aleppo ausgenützt. Dank der ungebremsten Verstärkungen durch den Iran und der Wiederaufnahme des russischen Luftkrieges könnte sehr bald ganz Aleppo durch das Regime umzingelt werden. Eine Belagerung von Aleppo würde einerseits zu weiteren hunderttausenden Flüchtlingen führen und gleichzeitig die Opposition gegen Assad in dieser Provinz zunehmend radikalisieren. Vor allem die Jabhat al Nusra (al Nusrah-Front), die mit al-Kaida liiert ist, würde von dieser Radikalisierung profitieren.

Parallel zu dieser Radikalisierung und Zuwendung zu den Salafisten und Jihadisten der al Nusrah-Front und auch des Islamischen Staates (IS) würde die Hinwendung der syrischen Kurden zu Russland, zwecks Ausnützung des russischen Luftkrieges für die eigenen Ziele, die Spannungen zwischen der Türkei und Russland noch mehr anheizen. Dies könnte zu einer weiteren Destabilisierung der NATO-Südflanke führen, was durchaus im Sinne Moskaus liege.[4]

Die Umzingelung und das Aushungern der Bevölkerung von Aleppo könnten zum Verschwinden der gemässigten Opposition gegen das Assad-Regime führen.[5] Gleichzeitig würde die Jabhat al Nusra an Kampfkraft gewinnen. Die USA wären mit ihren bisherigen Bemühungen um die Errichtung einer Front, die gemäss den Vorstellungen von Washington D.C. vor allem gegen den Islamischen Staat gerichtet wäre, gescheitert. Wie Afghanistan müsste auch Syrien dem Konto der verlorenen Kriege der Obama-Administration zugerechnet werden.

[1] Grady, J., EUCOM Breedlove: Indiscriminate Russian Bombing in Syria Worsening European Immigration Crisis, USNI News, March 1, 2016, P. 1.

[2] Grady, J., P. 3.

[3] Casagrande, G., Kozak, Chr., and J. Cafarella, Syria 90-Day Forecast: the Assad Regime and Allies in Northern Syria, Backgrounder, February 24, 2016, P. 9.

[4] Casagrande, G., et al., P. 9.

[5] Abdulrahim, R., Fearful Aleppo Readies for Return to War, Rebel-held side of city lays contingency plans in case truce fails and regime lays a siege, in: The Wall Street Journal, March 3, 2016, P. A3.

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