MB2016Aufgrund der Fehlleistungen im Krieg gegen Georgien von 2008 beschloss das Führungsgremium Russlands unter dem damaligen Präsidenten Medwedew und dem damaligen Ministerpräsidenten Putin die Streitkräfte zu reformieren. Mit dieser Reform unter der Bezeichnung Novy Oblik, New Look, in Anlehnung an das Reformprojekt des US-Präsidenten Eisenhower aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, wurde der damalige Verteidigungsminister, Anatoly Serdyukow, beauftragt. Zu dieser Reform gehörte die konsequente Brigadisierung der Streitkräfte, eine vereinfachte Führungsstruktur mit vier Militärbezirken – West, Süd, Zentrum, Ost – , die Zusammenfassung der Luftstreitkräfte (VVS) und der Luftverteidigungskräfte (VKO) zu den Luftraumkräften (VKS), sowie eine massive Erhöhung des Anteils der Berufssoldaten und – unteroffizieren (die Kontrakti) um bis zu 2/3 des Gesamtbestandes der Streitkräfte. Abgesehen von der vollständigen Brigadisierung werden die geplanten Reformmassnahmen heute unter dem neuen Verteidigungsminister, Sergei Shogu, umgesetzt. Entgegen der ursprünglichen Planung zur vollständigen Brigadisierung sind die Armeestufe bei den Landstreitkräften wie auch die 2. motorisierte Schützendivision und die 4. Panzerdivision beibehalten worden.

Noch unter Präsident Medwedew wurden 2010 als Ergänzung zum Novy Oblik eine neue Militärdoktrin und ein Aufrüstungsprogramm in der Höhe von 19‘400 Milliarden Rubel für die Periode 2011 bis 2020 verabschiedet.[1] Gemäss dieser Militärdoktrin, die in einem weiteren Bericht 2014 bestätigt wurde, sind für Russland die NATO und das geplante Abwehrsystem der USA gegen ballistische Flugkörper in Osteuropa die grössten militärischen Herausforderungen. Aufgrund der bisherigen Umsetzung wie auch der Ziele des Aufrüstungsprogramms könnte die Russische Föderation 2020 über das folgende Arsenal an wichtigen Waffensystemen verfügen, die zu 70-80% neu und modern sein würden:[2]

interkontinentale ballistische Flugkörper (ICBMs) 400+
U-Boot-gestützte ballistische Flugkörper (SLBMs) ?
Militärische Satelliten 100+
Kampfflugzeuge 450
Kampfhelikopter 330
Drohnen (UAVs, Unmanned Air Vehicles) 4‘000+
Luftverteidigungssysteme S-400 (Divisionen) 56
nuklearangetriebene U-Boote mit SLBMs 8
nuklearangetriebene Angriffs-U-Boote 7
diesel-elektrisch angetriebene U-Boote 6-10
Überwasserkriegsschiffe 50
Kampfpanzer 2‘300+
ballistische Kurzstreckenflugkörper Iskander (Brigaden) 10

 

Gemäss den Einschätzungen der NATO betrugen 2015 die Verteidigungsausgaben der Russischen Föderation 5.4 % des Bruttosozialproduktes.[3] Angesichts der Stagnation der russischen Volkswirtschaft sind in den nächsten Jahren einschneidende Kürzungen im Verteidigungsbudget denkbar. Bis jetzt produziert die russische Rüstungsindustrie allerdings auf vollen Touren und konnte bisher sogar die vom Verteidigungsministerium gestellten Vorgaben zahlenmässig übertreffen. So sind 2014 die verlangte Anzahl an modernisierten Kampfpanzern T-72 und Jagdbombern Su-34 vollumfänglich geliefert worden. 2014 konnte gegenüber dem Vorjahr die Rüstungsproduktion um 15.5 % gesteigert werden, dies im Vergleich zur Produktionssteigerung von 1.7% der gesamten russischen Industrie.[4] Für die Periode 2016-25 ist die Produktion und Lieferung von 2‘300 neuen Kampfpanzern T-14 Armata, die Lieferung der Kampfflugzeuge T-50 der fünften Generation und des Luftverteidigungssystems S-500 an die russischen Streitkräfte zu erwarten.[5]

Dank der Umsetzung des Aufrüstungsprogramms und der leistungsfähigen Rüstungsindustrie kann Russland auch an zwei geopolitisch sehr unterschiedlichen Orten gleichzeitig Krieg führen. In und über Syrien testete die russische Führung bis anhin ihre Luftstreitkräfte (Luftraumstreitkräfte) aus, in dem die Erdkampfflugzeuge Su-25 und Jagdbomber Su-24 und Su-34 sowie Mittelstreckenbomber Tu-22M über die syrische Opposition Bombenteppiche von Freifall-Splitterbomben hoher Explosivwirkung abwarfen.[6] Hin und wieder wurden durch strategische Bomber Tu-95 und Tu-160 luftgestützte Marschflugkörper (Kh-55/SM und Kh-102) und seegestützte Marschflugkörper Kalibr gegen Ziele in Syrien eingesetzt. Den Nachschub für die russischen Kampfflugzeuge in Syrien leisten Transportflugzeuge An-124 oder Il-76 oder/und Transportschiffe über den Bosporus zum russischen Hafen Tartus in Syrien.[7]

Was den hybriden Krieg in der Ost-Ukraine betrifft, so werden die eingesetzten Panzerverbände und Eliteeinheiten (SPEZNAZ) immer noch vom russischen Territorium aus unterstützt und mit Waffen, Munition und Material versorgt.

Während Russland seit 2011 aufrüstet, haben die wichtigsten Staaten Europas, so Deutschland, Italien, Frankreich und Grossbritannien, intensiv abgerüstet. Am massivsten hat Deutschland abgerüstet. Dieser Staat verfügte 1990 noch über 215 Kampfbataillone. Heute sind es noch 34 Kampfbataillone. Vor allem bei den Kampfpanzern, die in einem zukünftigen Krieg wieder entscheidend sein könnten, haben alle diese Staaten massiv abgerüstet. 1990 verfügte Deutschland über 74 Panzerabteilungen, 2015 sind es deren 5. Italien hatte noch 1990 25 Panzerabteilungen, 2015 sind es noch deren 3. Frankreich verfügte 1990 noch über 16 Panzerabteilungen, 2015 sind es noch 3. Bei Grossbritannien waren es 1990 noch 14 Panzerabteilungen. Heute sind es noch deren 3. Ein intensiver Abzug von Kampfbataillonen erfolgte insbesondere durch das US-Kommando Europa (US EUCOM). Die Amerikaner hatten 1990 in Europa noch 25 Panzerabteilungen, heute verfügen sie in Europa noch über 1 1/3 Kampfpanzerabteilungen.[8]

Nach wie vor bilden die USA mit ihrem Potential das Rückgrat der militärischen Schlagkraft der NATO, und nach wie vor sind die USA, was die Feuerkraft ihrer Kampfflugzeuge betrifft, jener von Russland überlegen. In einem Ernstfall müssten allerdings die US- Luftstreitkräfte zuerst nach Europa verlegt werden. Aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen der Administration und dem Kongress stagniert des Weiteren zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Modernisierung der US-Streitkräfte weitgehend. Sollte 2016 gar der Ernstfall eintreten, dann ist aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit Obama im Krieg in Syrien vorstellbar, dass er eine russische Aggression nur zögernd mit militärischen Mitteln abwehren und deshalb die Unterstützung der USA für die Europäer mit Verspätung eintreffen würde.

Der zunehmenden Instabilität der militärischen Lage in Europa als Folge der europäischen und amerikanischen Abrüstung und des russischen Aufrüstungsprogramms kann nur durch eine Wiederaufrüstung der mächtigsten Staaten Europas sowie durch eine tatkräftige US-Administration, die jene Obamas ablösen würde, begegnet werden. Tritt diese Entwicklung nicht ein, dann könnten im nächsten Jahrzehnt die Staaten Europas durch die militärische Schlagkraft Russlands erpressbar werden.

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[1] The Military Balance 2016, P. 64/171.

[2] The Military Balance 2016, P. 170/172.

[3] The Military Balance 2016, P.170.

[4] The Military Balance 2016, P. 171.

[5] The Military Balance 2016, P. 171.

[6] The Military Balance 2016, P. 163.

[7] The Military Balance 2016, P. 164.

[8] The Military Balance 2016, P. 24.

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