Albaner und Albanerinnen im Kosovo 1999
Albaner und Albanerinnen im Kosovo 1999

Kanuni i Lekë Dukagjinit (Kanun des Lekë Dukagjinit) ist das albanische Stammes- und Gewohnheitssrecht, das als Rechtssytems nach wie vor von den Stämmen Nordalbaniens und im westlichen Kosova beachtet wird.[1] Wer den Kanun als erster kodifiziert hat, ist nicht bekannt. Der Franziskanerpater Shtjefën Gjeçovi bzw. Gjeçov (1874-1929) hat ihn systematisch erfasst und veröffentlicht. Vier Jahre nach der Ermordung des Paters durch serbische Freischärler wurde der Kanun 1933 veröffentlicht.[2] Interessanterweise weist der Kanun viele Gemeinsamkeiten mit dem Stammesrecht der Paschtunen, dem Paschtunwali auf.

Wie beim Paschtunwali steht im Zentrum des Kanun[3] die Hausgemeinschaft (shpi), die auf der Blutsverwandtschaft beruht.[4] An der Spitze der Gemeinschaft steht der Hausherr, der die Verantwortung für den Haushalt trägt und Strafen aussprechen kann.[5] Neben diesem internen Recht existiert die Selbstjustiz, die zum Tod des Schuldigen führen kann.

Vor der Ehe ist keine Form der Beziehung zwischen Mann und Frau zulässig. Vor der Heirat sollte ein Mädchen jungfräulich sein (virgjën).[6] Ein Mädchen hat kein Recht:[7]

  1. den eigenen Gefährten zu wählen; sie wird zu dem gehen, mit dem sie sie verloben;
  2. sich weder in Vermittlung noch Verlöbnis einzumengen;
  3. noch auch in die Sache der Schuhe oder Kleider.

Wie bei den Paschtunen ist die Frau nach ihrer Heirat „Besitz“ des Mannes. Sie kann nichts vererben:[8]

„Die albanische Frau hat kein Erbteil der Eltern, weder Grund noch Haus.“

Ihr Auftrag besteht darin Kinder zu gebären: [9]

„die Frau ist ein Schlauch, in dem die Ware transportiert wird.“

Der Mann hat das Recht seine Frau zu tadeln und zu schlagen.[10]

Genau gleich wie beim Paschtunwali gilt es die Ehre des Mannes hoch zu halten. Eine Ehrverletzung kann erfolgen, wenn  jemand angespuckt, bedroht, gestossen, das Wort gebrochen, eine Frau entführt, einem die Waffe weggenommen, der Gast beleidigt, oder eingebrochen wird, sowie wenn Schulden oder Verpflichtungen nicht eingehalten werden.[11] Wird die Ehre verletzt, dann hat der Geschädigte ein Recht auf Rache. Diese Rache kann in endlosen Fehden und Blutrache enden:[12]

„Jeder hat seine Ehre für sich selbst, und niemand kann sich einmischen {…}. Die geraubte Ehre wird durch Gegenstände nicht ersetzt, aber durch das Vergiessen des Blutes {…}.“

Die höchste Stufe einer Ehrverletzung für einen Mann ist der Ehebruch seiner Frau. In diesem Fall kann sie getötet werden. Erwischt der Geschädigte seine Frau und ihren Liebhaber in flagranti, dann hat er das Recht beide durch einen einzigen Schuss zu töten. Dabei wird die Blutrache ausgesetzt.[13]

Die Blutrache (gjak, gjakmarrje)[14] „wird von der Familie (der patrilinearen Verwandtschaft) des Geschädigten innerhalb des Kanun vollstreckt. {…}. Der Ausführende eines Anschlags, ebenso der Anstifter, meist auch die Mittäter fallen unter die Blutrache“.

Zur Ausführung der Blutrache gehört der Besitz einer Waffe. Wie im Paschtunwali, so wird auch im Kanun der Waffenbesitz hochgehalten:[15]

„{…} jeder hat ein Recht auf die eigenen Waffen.“

Der Waffenbesitz ist das Zeichen der Mannbarkeit. Deshalb wird ein Sohn, sobald er diese Schwelle überschreitet, vom Vater eine Waffe erhalten:[16]

„{…} den Söhnen Waffen zu kaufen, wenn sie waffenfähig werden.“

Seine Ehre kann ein junger Albaner nur mit seiner Waffe verteidigen. Mit dem Waffenbesitz, dem Zeichen seiner Männlichkeit, erhält er die Möglichkeit bei einer Ehrverletzung Rache auszuüben. Im Hinterhalt (prita) wird der Gegner niedergestreckt:[17]

„Der Böse wird sich vor jenem verantworten, der ihn im Hinterhalt erwartet.“

Wie bereits erwähnt können Töchter nicht erben. Erbberechtigt sind allein die Söhne:[18]

„Der Kanun anerkennt als Erben nur den Sohn, nicht die Tochter.“

Denn der Stammbaum entspringt dem Blut:[19]

„Die Geschlechterfolge des Blutes stammt von Vaterseite {…}. Die Abstammung von Vaterseite heisst Stammbaum des Blutes {…}.“

Auch im Kanun muss der Gast, mik, gewürdigt werden.[20]

Bei der Festlegung von Grenzen eines Grundstücks verlangt der Kanun vom Hausherrn einen Schwur in Anwesenheit der Dorf- und Stammesältesten:[21]

„Ich schwöre auf Erde und auf diesen Himmel. Ihr mögt mich zerstückeln (me thert), falls ich unredlich handle.“

Die Übereinstimmung zwischen dem Kanun und dem Paschtunwali ist erstaunlich. Beide sind das Stammesrecht indoeuropäischer Völker, die weit voneinander leben. Beide Stammesrechte sind vor dem Christentum und dem Islam entstanden und haben Jahrhunderte überdauert. In beiden Kodizes ist das Rechtsempfinden der alten indoeuropäischen Völker bewahrt worden:[22]

„Weder Christentum noch Islam konnten in Albanien die Spur des Heidentums völlig verlöschen.“

[1] Elsie, R. (Hrsg.), Der Kanun, Das albanische Gewohnheitsrecht nach dem sogenannten Kanun des Lekë Dukagjini, kodifiziert von Sgtjefën Gjeçovi, ins Deutsche übersetzt von Marie Amelie Freiin von Godin und mit einer Einführung von Michael Schmidt-Neke, März 2001.

[2] Elsie, R., Vorwort, in: Der Kanun, S. iii/iv.

[3] Schmidt-Neke, M., Einführung, in: Der Kanun, S. x. Das Wort Kanun könnte aus dem Sumerischen stammen und dürfte über die Osmanen zu den Albanern gelangt sein.

[4] Schmidt-Neke, M., S. xviii.

[5] Schmidt-Neke, M., S. xix.

[6] Schmidt-Neke, M., S. xxviii.

[7] Der Kanun, S. 25.

[8] Der Kanun, S. 32.

[9] Der Kanun, S. 18. So auch Elsie, R., S. vii.

[10] Der Kanun, S. 46.

[11] Schmidt-Neke, M., S. xxv.

[12] Kanun, S. 121.

[13] Schmidt-Neke, M., S. xxx.

[14] Schmidt-Neke, M., S. xxix/xxx.

[15] Kanun, S. 19.

[16] Kanun, S. 47.

[17] Kanun, S. 151.

[18] Kanun, S. 55.

[19] Kanun, S. 134.

[20] Schmidt-Neke, M., S. xxvi.

[21] Kanun, S. 73.

[22] Kanun, S. 115.

Print Friendly, PDF & Email