Ausgelöst durch die kriminellen Nötigungen von Frauen in Köln in der Silvesternacht wird in den Medien über die möglichen Ursachen für dieses Fehlverhalten muslimischer Jugendlicher gerätselt. Seitens unbedarfter deutscher Politiker wird als Allheilmittel zur Verhinderung weiteren Fehlverhaltens eine forcierte Integration dieser Jugendlichen verlangt. Dabei wird übersehen, dass in vielen islamischen Staaten das Verhältnis zwischen Mann und Frau durch archaische Vorschriften, die viel älter sind als der Islam und mit dieser Religion wenig Gemeinsamkeiten aufweisen, geregelt wird. Dazu gehört auch der Stammeskodex der Paschtunen, das Paschtunwali.

In der Zeit von März 1894 bis Mai 1896 wurde die 1287 km lange Ost- und Südgrenze zwischen Afghanistan und dem damaligen Britisch-Indien durch eine afghanisch-britische Grenzkommission entsprechend den Plänen von Sir Mortimer Durand, Sekretär von General F. Roberts, 1880 Sieger über die Afghanen und später Lord of Kandahar, festgelegt.[1] Durch diese sogenannte Durand-Linie wurde das Gebiet der indoeuropäischen Paschtunen, die bis zu diesem Zeitpunkt die ethnische Mehrheit in Afghanistan gebildet und seit 1747, dem Jahr der Gründung von Afghanistan, immer die Herrscher gestellt hatten, in zwei Teile getrennt.

Bei der Teilung von Britisch-Indien wurde im August 1947 Pakistan als unabhängiger Staat gegründet.[2] Trotz den Protesten von Kabul hielt Pakistan an der Durand-Linie als Grenze zu Afghanistan fest. Das Siedlungsgebiet der Paschtunen blieb getrennt. Damit blieben Pakistan bis auf den heutigen Tag auch die halbautonomen Stammesgebiete, die sogenannten Tribal Areas, die durch Paschtunen besiedelt sind, als Unruhegebiet an der Grenze zu Afghanistan erhalten. Diese Stammesgebiete waren während der sowjetischen Besetzung Afghanistans das Durchgangsgebiet für Waffenlieferungen an die Mujaheddin aus Pakistan. Heute haben die pakistanischen Taliban ihre Stützpunkte in diesen Gebieten und auch ihren Rückhalt. Bis anhin ist es der pakistanischen Armee nur bedingt gelungen, diese Gebiete unter die Kontrolle der Regierung von Islamabad zu zwingen.

Das wichtigste, bis heute bestehende Bindeglied zwischen denjenigen Paschtunen, die in Afghanistan leben und jenen, die in Pakistan beheimatet sind, ist der Stammeskodex der Paschtunen, das Paschtunwali. Dieser Kodex beruht auf Richtlinien und Weisungen, wie taboorwali, tor, badal, melmastia und nanawatee.[3] Im Zentrum des Paschtunwali stehen taboorwali und tor. Taboorwali bestimmt über Generationen hinweg die Rivalität innerhalb der väterlichen Verwandtschaft. Taboor ist der Sohn des väterlichen Onkels, der gleichzeitig auch ein Feind sein kann.[4] Die Verletzung der Ehre, nang, eines Paschtunen führt zur Umsetzung von taboorwali. Für die Verletzung von nang genügt nur ein kleiner Anlass.[5] Aus zwei Cousins können Todfeinde werden, die sich gegenseitig töten müssen. Eine solche Todfeindschaft dauert über Generationen hinweg und kann zum Tod vieler Männer führen. Damit regelt taboorwali auch die Überbevölkerung eines Gebietes.

Tor kann als Schwarz übersetzt werden und stellt die Kompromittierung der Keusch- und Reinheit einer Frau dar. Dies ist für einen Mann die schlimmste Verletzung von nang, damit das schwerste Verbrechen und kann nur durch badal geahndet werden.[6] Badal ist Rache und Tod zugleich. In diesem Fall wird badal über Generationen hin ausgeübt, denn zan, zar und zamin – der Besitz von Frauen, Gold (Geld) und Land – dürfen nicht in Frage gestellt werden. Sie sind das Fundament der paschtunischen Gesellschaft.[7] In einem Hinterhalt wird dem Feind aufgelauert und dieser niedergestreckt.

Grundsätzlich ist nang das Symbol der Männlichkeit eines Paschtunen, saritob, und bestimmt damit das Weltbild des Paschtunentums.[8] In dieser von Männern dominierte Welt entscheidet allein der Mann. Nur dieser ist erbberechtigt. Zu nang und saritob gehören auch der Besitz und das Führen einer Waffe (topak garzai). Nur wer ein Gewehr besitzt und führt ist ein echter Paschtune. In Pakistan ist der Waffenbesitz nur in den Tribal Areas erlaubt. Nang und saritob sind das Sinnbild des Paschtunentums und damit Zeichen der Männlichkeit. Zu dieser Männlichkeit gehört mindestens auch das Tragen eines Schnurrbarts.[9]

Selbst die Paschtunen betrachten die Einhaltung des Paschtunwali als halben Wahnsinn (Pukhto nim liwantob day). Für die Nichtpaschtunen sind die Paschtunen „Dummköpfe“, weil sie sich untereinander töten würden (kamakal dee yaw bal wajni). Sie verletzen durch die strikte Befolgung des Paschtunwali sogar die Rechtsvorschriften der Scharia und setzen sich damit in Widerspruch zum Islam.[10]

Zum Paschtunwali gehört auch melmastia, das Gesetz der Gastfreundschaft. Melma ist der Gast und dieser darf solange er ihm Haus des Gastgebers lebt, nicht angerührt werden. Ein Gastgeber wird sich für den Gast, wenn es sein muss, auch in erhebliche Unkosten stürzen.

In der Welt der Paschtunen genügt es nicht als Paschtune geboren zu werden. Man muss auch als Paschtune leben. Dies bedeutet die Einhaltung des Kodex des Paschtunwali und damit das Befolgen von nang und die Umsetzung von badal. Das Paschtunwali ist auf Ehre und Würde ausgerichtet, die mit Tapferkeit, Heldenmut, Grossmut und Freigiebigkeit verbunden sind.[11]

Die Einhaltung des Paschtunwali bestimmt zwangsläufig auch das Sicherheitsbedürfnis der Paschtunen. Dieses Sicherheitsbedürfnis hat zum entsprechenden Hausbau der paschtunischen Bauern geführt. Die „Qala“ ist ein grosses Gehöft mit hohen Mauern und Ecktürmen und wirkt wie eine mittelalterliche Burg.[12] In einer Qala leben Grossfamilien. Vielfach sind grosse Qala auch der Sitz eines Khans, eines Stammesführers. Diese Bauweise dient auch dazu, die Frauen vor den Blicken Fremder fernzuhalten oder zu schützen.

Das Paschtunwali ist Wesen und Ausdruck des Paschtunentums und regelt seit Generationen das Leben der Paschtunen in Afghanistan, insbesondere aber auch in den pakistanischen Stammesgebieten. Bereits 1837 charakterisierte das Brockhaus die Paschtunen wie folgt:[13]

„Die Einwohner sind sehr verschiedenen Stammes und treiben starken Karawanenhandel mit Landesprodukten. Herrschend sind unter ihnen die Afghanen, welche sich selbst Puschtaneh nennen. Sie sind kriegerisch, roh und räuberisch, aber gastfrei und bekennen sich zum sunnitischen Mohammedanismus.“

1839 besetzten die Briten Afghanistan. 1841/42 wurde das gesamte Expeditionskorps mit über 13‘000 Männern und Frauen auf dem Rückzug von Kabul nach Jalalabad vernichtet. Die britischen Soldaten hatten durch ihr Verhalten in Kabul gegenüber den Frauen das nang der Paschtunen verletzt. Dies konnte nur durch badal geahndet werden. Das Paschtunwali wird solange ausgeübt werden, solange es freie Paschtunen mit ihrer archaischen Gesellschaftsform geben wird.

 

[1] Brechna, H., Die Geschichte Afghanistans, Das historische Umfeld Afghanistans über 1500 Jahre, Zürich, 2005, S. 178.

[2] Ahmed, A.S., Jinnah, Pakistan and Islamic Identity, The Search for Saladin, London and New York, 1997, S. 141.

[3] Ahmed, A.S., Pukhtun Economy and Society, Traditional Structure and Economic Development in a Tribal Society, London, Boston and Henley, 1980, P. 367.

[4] Stahel, A.A., Das Frontier Corps, Ein paramilitärischer Verband von Pakistan in den Tribal Areas, in: Buciak, S. und R. von Dehn (Hrsg.), Indien und Pakistan – Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen, Verlag Dr. Köster, Berlin, 2010, S. 496.

[5] Stahel, A.A., S. 497.

[6] Ahmed, A.S. (1980), P. 367.

[7] Trench, Ch., The Frontier Scouts, With a Foreword by Ph. Mason, London, 1986, P. 3.

[8] Ahmed, A.S. (1980), P. 97.

[9] Snoy, P., Dorfleben – Stadtleben, in Nicod, M.R. (Hrsg.), Afghanistan, Pinguin-Verlag, Innsbruck, 1985, S. 112.

[10] Ahmed, A.S. (1980), P. 98.

[11] Snoy, P., Die Bevölkerung, in: Nicod, M.R. (Hrsg.), S. 80.

[12] Snoy, P., Dorfleben – Stadtleben, S. 110.

[13] Snoy, P., Die Bevölkerung, S. 73.