QomDie gegenwärtige Konfrontation zwischen Saudi-Arabien und der Islamischen Republik Iran wird durch zwei historische Gegensätze bestimmt:

  1. den Gegensatz zwischen Persern und Arabern;
  2. den Gegensatz zwischen den zwei grossen religiösen Richtungen im Islam, der sunnitischen und der schiitischen.

Der erste Gegensatz beruht auf der Eroberung und Zerschlagung des neupersischen Sassanidenreichs durch arabische Heere. Nach zwei entscheidenden Schlachten, 636 und 642, zwischen Sassaniden und Arabern floh der Grosskönig Yazdegerd III. nach Merw und wurde dort 651 ermordet. Damit fiel das Sassanidenreich, das kulturell den Arabern weit überlegen war, zusammen und wurde schrittweise islamisiert. Diese Islamisierung dauerte bis ins 13. Jahrhundert an. Sowohl die Kalifen der Omayyaden als auch jene der Abbassiden übernahmen persische Adlige in ihre Dienste und kopierten das Hofzeremoniell der Sassaniden. Bereits zur Zeit der Hochblüte des Sassanidenreichs blickten die Perser mit Verachtung auf die Araber hinab.

Der zweite Gegensatz besteht zwischen den Schiiten und den Sunniten. Die Schiiten umfassen als Konfession rund 15% aller Muslime in der Welt. Der Name Schia geht auf die Bezeichnung schi’at Ali, die Partei Alis, zurück. Die Schiiten sind die Anhänger von Ali ibn Abi Talib, dem Schwiegersohn und Vetter des Propheten Mohammed und Ehemann der Prophetentochter Fatima. Für die Schiiten kann nur ein Nachfahre von Ali die Nachfolge des Propheten übernehmen, was von den Sunniten bestritten wird. Dieser Streit setzte bereits beim Tod des Propheten im Jahr 632 ein. Nachdem Ali dreimal übergangen worden war, wurde er nach der Ermordung des dritten Kalifen Uthman am 17. Juni 656 von seinen Anhängern in Medina zum vierten Kalifen ausgerufen. Die Sunniten anerkennen Ali als letzten rechtgeleiteten Kalifen und für die Schiiten ist er der erste Imam.

Mu’awiya, der Gouverneur von Syrien und Verwandte von Uthman, verweigerte Ali die Gefolgschaft. Es kam zur ersten Abspaltung im Islam, der der Charidschiten. Ein Charidschit ermordete am 28. Januar 661 Ali in Kufa. Der Omayyade Mu’awiya liess sich zum Kalifen ausrufen. Al-Husain, der zweite Sohn von Ali und dritter Imam der Schiiten, organisierte 680 einen Aufstand gegen die Herrschaft der Omayyaden und wurde bei Kerbela im Kampf getötet. Seither stehen die Schiiten in Opposition zur sunnitischen Mehrheit im Islam. Die Grabmoschee von Ali bei Nadschaf wurde zum Zentrum der schiitischen Theologie. Nach dem Tod von al-Husain kam es wieder zu Abspaltungen im Islam, so unter den Schiiten. Entsprechend der Anzahl der „anerkannten“ Imame und ihrer Vergöttlichung werden bei den Schiiten drei Strömungen unterschieden:[1]

  1. die Zwölferschiiten bzw. Imamiten folgen der Lehre der 12 Imame und sind die grösste schiitische Strömung. Sie stellen im Irak, in Bahrain und im Iran die Mehrheit dar. Im Iran und im Irak üben sie die Führung aus. Sie sind auch im östlichen Saudi-Arabien, Aserbaidschan, Libanon, Kuwait, Pakistan, Afghanistan, Syrien und Indien vertreten;
  2. die Siebenerschiiten: zu diesen gehören die Ismailiten, die Drusen im Libanon und Syrien und die Alawiten bzw. Nusairier in Syrien, Libanon, Jordanien und der Türkei;
  3. die Fünferschiiten mit den Zaiditen in Jemen, die bis 1962 die Herrschaft über das Imamat in Jemen ausübten.

Unter der Herrschaft der Safawiden (1501-1722) wurde 1501 im Iran mit Gewalt die Zwölfer-Schia als Staatsreligion durchgesetzt. Der Iran wurde unter den Safawiden zu einer feudalen Theokratie.

Der religiöse Gegensatz zwischen den sunnitischen Wahhabiten in Saudi-Arabien und dessen Herrschergeschlecht zu den Schiiten im Iran dürfte sich insbesondere nach der Machtübernahme der Ayatollahs unter Ruhollah Musawi Chomeini 1979 und der Gründung der Islamischen Republik Iran verschärft haben. Für die theokratische Führung des Irans dürfte das saudische Königtum Usurpator sein, der unrechtmässig die Herrschaft über die beiden heiligen Städte Mekka und Medina ausübt. Der Gegensatz Perser-Araber und die Gegnerschaft Schiiten-Sunniten dürften die entscheidenden Faktoren sein, die bis heute die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran bestimmen.

Die Invasion des Iraks durch die USA und der Sturz des sunnitischen Regimes von Saddam Hussein im Jahr 2003 hat im Irak die Machtübernahme durch die Schiiten ermöglicht. Diese herrschen dank ihrer Mehrheitsstellung über Bagdad und den grössten Teil des Iraks. Der Iran hat seither seinen Einfluss auf die Regierung in Bagdad schrittweise erweitert. Die Ayatollahs in Teheran haben dank dieser Entwicklung den machtpolitischen Einfluss des Irans im Mittleren Osten ausweiten können.

Der von Präsident Obama nicht durchdachte Abzug der US-Truppen aus dem Irak Ende 2011 hat es dem irakischen Präsidenten al-Maliki ermöglicht, den Einfluss der Sunniten im Irak zugunsten der Schiiten zu marginalisieren. Dies wiederum dürfte dem Islamischen Staat (IS) seinen ungehinderten Aufstieg und seinen Eroberungsfeldzug im sunnitischen Gebiet des Iraks ermöglicht haben, der schliesslich zur Herrschaft des IS über Mossul führte. Der IS dürfte nach wie vor eine gewisse Sympathie seitens der saudischen Herrscherfamilie und des türkischen Präsidenten Erdogan geniessen.

Im Gefolge des „Arabischen Frühlings“ demonstrierte 2011 in Syrien vor allem die sunnitische Mehrheit, die bis zu diesem Zeitpunkt marginalisiert wurde, gegen das Minderheitenregime der Alawiten und der Familie Assad. Verschiedene sunnitische Gruppen wurden sehr bald von Saudi-Arabien und der Türkei unterstützt und finanziert. Beide erhofften sich dadurch den Sturz der Alawiten in Damaskus und die Bildung einer sunnitischen Herrschaft. Die Islamische Republik Iran, die immer mit dem Assad-Regime verbündet war, leistete Unterstützung durch die Lieferung von Waffen und militärische Berater. Diese wiederum wurden durch schiitische Hisbollah-Söldner aus dem Libanon ergänzt. Seither führen Saudi-Arabien und der Iran einen Stellvertreterkrieg in Syrien. In diesen Krieg hat sich die Russische Föderation eingemischt, indem ihr Präsident Putin Flächenbombardierungen gegen die syrische Opposition mit dem Ziel führt, Assad an der Macht zu halten und die eigene Machtstellung in Syrien zu sichern.

Einen zweiten Stellvertreterkrieg führen Saudi-Arabien und der Iran im Jemen. Der Iran unterstützt die Machtübernahme der Houthi, die den schiitischen Zaiditen angehören, mit Waffen. Saudi-Arabien bombardiert die Houthi mit seiner Luftwaffe gnadenlos und wird von seinen sunnitischen Alliierten unterstützt. Mit diesen Luftschlägen werden auch die Kampftruppen der Vereinigten Arabischen Emiraten und anderer sunnitischer Staaten bei der Rückeroberung der Hauptstadt Sanaa unterstützt.

Die USA führen gegen den IS einen gezielten Luftkrieg, der vor allem durch die beiden Alliierten Frankreich und Grossbritannien unterstützt wird. Die Strategie der Obama-Administration beruht auf zwei Elementen: dem Luftkrieg, mit dem Kollateralschäden vermieden werden sollen, und dem Einsatz von Hilfstruppen, die vor allem aus den Kurden rekrutiert werden. Diese Strategie ist sehr zeitaufwendig und dürfte nur schrittweise zum Sieg über den IS führen.

2015 hat die Obama-Administration zusammen mit den anderen vier ständigen Mitgliedern im Sicherheitsrat und Deutschland ein Abkommen mit der Islamischen Republik Iran abgeschlossen, das während den nächsten 10 Jahren die Entwicklung einer Nuklearwaffe durch den Iran verhindern sollte. Als Gegenleistung dafür ist die Aufhebung der über den Iran verhängten Sanktionen vereinbart worden. Die Aufhebung dieser Sanktionen wird dem Iran zu einer weiteren Ausweitung seiner geopolitischen Stellung im Mittleren Osten verhelfen. Deshalb ist mit diesem Nukleardeal die geopolitische Lage im Mittleren Osten noch mehr destabilisiert worden. Vermutlich hat dies die saudische Königsfamilie zur Schlussfolgerung geführt, dass sie von der Obama-Administration fallen gelassen worden ist. Die Folge davon dürfte die Exekution des schiitischen Klerikers Nemer al-Nemer  als eine Art Signal an Teheran gewesen sein[2] Die dilettantische Aussenpolitik und Strategie von Washington DC dürfte die gegenwärtigen Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran entscheidend beeinflusst haben.[3] Angesichts des beinahe Abseitsstehen der USA im Persischen Golf unter Obama muss mit einer weiteren Eskalation der Spannungen in dieser Region gerechnet werden. Bei dieser Auseinandersetzung dürfte das saudische Königreich auch eine gewisse Sympathie seitens Israel geniessen, gemäss dem Motto: der Feind meines Feindes ist mein Freund!

[1] Fischer, R., Der Islam – Glaube und Gesellschaftssystem im Wandel der Zeiten. Eine Einführung. Edition Piscator, Oberdorf 1992, S. 47.

[2] Al Omran, A. and B. Spindle, Iran Crisis Pressures New Saudi Leaders, in: The Wall Street Journal, January 7, 2016, P. A4.

[3] Sisk, R., Iran-Saudi Rift Complicates U.S. Campaign Against ISIS, Military.com, January 05, 2016.