Kampfhelikopter mit Lenkwaffen
Kampfhelikopter mit Lenkwaffen

Ausgehend von den Erfahrungen im Krieg gegen Georgien von 2008 wurden von 2009 bis 2010 die russischen Streitkräfte reorganisiert und die Zahl der Militärbezirke entsprechend der geostrategischen Interessen und Herausforderungen auf vier reduziert. Die Brigadisierung der Streitkräfte wurde konsequent umgesetzt.[1] 2012 hat die Russische Föderation ein Aufrüstungsprogramm von 19‘000 Milliarden Rubel für die Periode 2011-20 verkündet.[2]

Im Dezember 2015 hat Präsident Wladimir Putin vor ranghohen Vertretern des Verteidigungsministeriums an seinen Auftrag der Modernisierung und Aufrüstung der russischen Streitkräfte erinnert. So soll die „Umrüstung“ der russischen Streitkräfte und die Entwicklung neuer Waffen und Militärtechnik fortgesetzt werden.[3] Anlässlich einer Medienkonferenz stellte Putin fest, dass Syrien als Testgelände und Übungsplatz für den Einsatz der neuen Waffen diene:[4]

Die Operation der russischen Luft- und Weltraumkräfte in Syrien ist wohl die beste Überprüfung der Kampfbereitschaft für die russischen Streitkräfte und erfordert keine grossen Haushaltsausgaben.“

Zu den Testobjekten gehören die Marschflugkörper des Typs „Kalibr“, die aus dem Kaspischen Meer gegen Ziele in Syrien abgeschossen worden sind, sowie die luftgestützten Marschflugkörper Ch-101.

In diesem Jahr sollen verschiedene Waffen für die Streitkräfte, die Marine und die strategischen Raketentruppen entwickelt werden. Dazu der russische Vizepremier Dmitri Rogosin:[5]

Wir wollen unser ganzes Volk erfreuen und unsere Widersacher mit einigen unserer neuen Waffen betrüben. Es handelt sich vor allem um neue Flugzeugkomplexe, die Schaffung neuer Raketenwaffen und einer starken Flotte.“

Bei den strategischen Raketentruppen werden die neuen interkontinentalen ballistischen Flugkörper RS-26 „Rubesch“ mit Feststoffantrieb in Dienst gestellt. Der Eisenbahn-Raketenkomplex „Bargusin“ soll durch die Ausrüstung mit ballistischen Flugkörpern „Jars“ bis 2019 wieder reaktiviert werden. Ein neuer interkontinentaler ballistischer Flugkörper „Sarmat“ mit mehreren Wiedereintrittskörpern und flüssigem Treibstoffantrieb wird entwickelt. Dieser Flugkörper soll die alten interkontinentalen Flugkörper RS-20 (SS-18, NATO-Bezeichnung „Satan“) in einigen Jahren ersetzen.[6]

Die Seestreitkräfte erhalten 2016 die erste Fregatte „Admiral Gorschkow“ des Projekts 22350. Weiter wird das letzte der acht nuklearangetriebenen U-Boote für ballistische Flugkörper der Borej-Klasse auf Kiel gelegt und das zweite nuklearangetriebene Angriffs-U-Boot „Jassen“ des Projekts 885 den Seestreitkräften übergeben. Die Schwarzmeerflotte soll 2016 sechs dieselelektrische „Warschawjanka“-U-Boote des Projektes 636 erhalten. Diese Flotte soll auch mit neuen Überwasserkriegsschiffen ausgerüstet werden.[7]

Auch die Luftstreitkräfte werden „umgerüstet“. Die Langstreckenbomber Tu-160 (NATO-Bezeichnung „Blackjack“) werden mit einer digitalen Avionik und neuen Radars ausgerüstet und bis 2023 zum Typ Tu-160M2 modernisiert. Das stealthfähige Kampfflugzeug T-50 wird weiter getestet.[8] 2018-2020 wird das neue Kampfflugzeug MiG-35 in Dienst gestellt werden. Auch der Beginn der Produktion des neuen Transporthelikopters Ka-62, der für den Einsatz in der Arktis vorgesehen ist, steht an.

Des Weiteren werden zwei operativ-taktische Raketenkomplexe mit dem ballistischen Flugkörper „Iskander-M“ des Kurzstreckenbereichs ausgerüstet. Vier neue Typen aeroballistischer Raketen und ein neuer Marschflugkörper sollen in der Entwicklung sein. Fünf Fliegerabwehrregimenter erhalten das weitreichende Boden-Luft-Abwehrsystem S-400 „Triumpf“.[9] Neue Fliegerabwehrlenkwaffen des Kurstreckenbereichs sollen 2016 getestet werden.

Am 9. Mai 2015 wurde anlässlich der Siegesparade auf dem Roten Platz der neue Kampfpanzer T-14 „Armata“ vorgeführt. Neben diesem Panzer sollen auch die neuen Kampfschützenpanzer T-15 und weitere Raupenfahrzeuge getestet und produziert werden.

Auch das Kommunikationssystem der Luft- und Weltraumtruppen wird digitalisiert. Ein neues Frühwarnsystem gegen feindliche ballistische Flugkörper und Marschflugkörper wurde in Dienst gestellt.[10]

Selbstverständlich geniesst das Geschäft mit dem Waffenexport einen hohen Stellenwert. Dazu gehört die Ausrüstung der zwei an Ägypten gelieferten französischen Angriffsschiffe des Typs „Mistral“ mit russischen Kampfhelikoptern.[11] Zu erwähnen ist die Lieferung der weitreichenden Boden-Luft-Abwehrsysteme S-300PMU-2 an den Iran (Ausrüstung für vier Fliegerabwehrdivisonen).[12]

Ein eigentlicher Exportschlager der russischen Rüstungsindustrie ist das Mehrzweckkampfflugzeug Su-35. Ab 2016 wird China für zwei Milliarden Dollar 24 Su-35 erhalten. Moskau hat Indonesien ein Rüstungsgeschäft im Wert von 3 Milliarden Dollar angeboten, zu dem auch die Lieferung eines Su-35-Geschwaders gehören soll. Auch mit den Vereinigten Arabischen Emiraten wird über die Lieferung von Su-35 verhandelt.[13] 2016/17 wird Algerien 14 Mehrzweckkampfflugzeuge Su-30MKA erhalten.

Russland und die Indische Union haben in Zusammenarbeit den luftgestützten Überschall-Marschflugkörper BraMos entwickelt, mit dem die indischen Kampfflugzeuge Su-30MKI ausgerüstet werden sollen. Russland verhandelt mit Indien auch über die Lieferung der neuen Kampfpanzer T-90MS, sowie über die Modernisierung der indischen Kampfpanzer T-72 und T-90 und der 1‘500 Kampfschützenpanzer BMP-2.[14] Zu Beginn dieses Jahres werden die Vereinigten Arabischen Emirate 135 modernisierte Kampfschützenpanzer BMP-3 erhalten.

Wie sind die Auswirkungen der russischen Aufrüstung zu beurteilen? Das Rüstungsprogramm wurde zu einer Zeit beschlossen, als die russische Wirtschaft dank der Einnahmen aus dem Export von Erdöl und Erdgas stetig wuchs. Seit dem letzten Jahr sind die Preise erheblich gefallen und die russische Wirtschaft befindet sich in einem Schrumpfprozess. Es besteht deshalb durchaus die Möglichkeit, dass die Produktion und Indienststellung einiger der ankündigten Rüstungsprojekte eine zeitliche Verzögerung erfahren könnten. Da aber die Kosten für diese Projekte in Rubel anfallen, ist nicht mit einem Ende des russischen Rüstungsprogramms zu rechnen.

Dieses Programm dürfte am Ende zu einer gewaltigen Kampfwertsteigerung der russischen Streitkräfte führen und zwar sowohl bei den konventionellen wie auch bei den Nuklearwaffen. Wie haben die USA und ihre NATO-Alliierten auf die russische Aufrüstung bisher reagiert? Mit Ausnahme der verbalen Ankündigung der NATO-Staaten auf dem letztjährigen Gipfel in Wales ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen, ist bis anhin eine ernstzunehmende Reaktion ausgeblieben. Angesichts des neuen kalten Krieges ist diese fehlende Reaktion bedenklich. Mit Ausnahme einiger weniger Staaten ist bisher in Europa die Modernisierung und Aufrüstung der Streitkräfte ausgeblieben.

[1] Hedenskog,  J. and F. Westerlund, Introduction, in: Hedenskog, J. and C. V. Pallin (eds), Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective – 2013, FOI, Stockholm, December 2013, P. 19/20.

[2] Oxenstierna, S., Defence Spending, in: Hedenskog, F. and C. V Pallin (eds), December 2013, P. 111.

[3] Sputnik Deutschland, Waffen-Premieren in Russland 2016: zu Land, zur See und im Weltraum, 29.12.2015, 09:40, S. 1.

[4] Sputnik Deutschland, S. 2.

[5] Sputnik Deutschland, S. 2.

[6] Sputnik Deutschland, S. 2.

[7] Sputnik Deutschland, S. 3.

[8] Sputnik Deutschland, S. 4.

[9] Sputnik Deutschland, S. 4.

[10] Sputnik Deutschland, S. 5.

[11] Sputnik Deutschland, S. 5.

[12] Sputnik Deutschland, S. 6.

[13] Sputnik Deutschland, S. 6.

[14] Sputnik Deutschland, S. 7.