Afghanistan, Khargasee (ausserhalb von Kabul) 15.3.2007
Afghanistan, Khargasee (ausserhalb von Kabul) 15.3.2007

Nach 13 Jahren Krieg sollte sich die NATO ab dem 1. Januar 2015 mit ihrer neuen Mission Resolute Support (RS) auf die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte (ANDSF, Afghan National Defense and Security Forces), bestehend aus der Armee (ANA, Afghan National Army) und der Polizei (ANP, Afghan National Police), beschränken. Dazu wurden fünf neue Kommandobereiche gebildet, Nord, Süd, Ost, West und Kabul-Stadt.[1] Die USA hatten gleichzeitig ihre Operation Enduring Freedom (OEF) in die Operation Freedom Sentinel (OFS) umgewandelt. Gemäss den Absichten der Obama-Administration sollten sich die US-Truppen in Afghanistan nur noch auf die Unterstützung der NATO-Mission und die Bekämpfung von Al-Kaida beschränken.[2] Gleichzeitig wurde der Bestand der US-Truppen ab dem 1. Januar 2015 auf 9‘800 reduziert.[3] Den Kampf gegen die Taliban hatten ab dem 1. Januar 2015 die afghanischen Sicherheitskräfte zu übernehmen.

Die ANDSF haben in diesem Jahr eine ganze Reihe von Offensiven in den Provinzen Helmand, Ghazni und Zabol durchgeführt. Gleichzeitig mussten sie auf die Offensiven der Taliban in den Provinzen Kunar und Kunduz reagieren. Den Taliban gelang es mit ihrer Kriegführung nicht nur verschiedene Checkpoints der Regierung zu überrennen, sondern kurzfristig auch den Hauptort der Provinz Kunduz zu erobern.[4] Im Augenblick ist sogar die gesamte Provinz Helmand im Süden Afghanistans durch eine definitive Machtübernahme durch die Taliban bedroht. Diese Provinz war schon immer die Domäne des Islamischen Emirats der Taliban und auch der Schwerpunkt des Anbaus von Schlafmohn und Cannabis in Afghanistan. Nur durch die Unterstützung der afghanischen Armee und Polizei durch amerikanische Eliteeinheiten und Kampfflugzeuge ist der definitive Zusammenbuch des Sicherheitsdispositivs der Kabuler Regierung in Helmand bisher verhindert worden. Neben der drohenden Machtübernahme durch die Taliban in den südlichen Provinzen und in Kunduz werden die afghanischen Sicherheitskräfte aber durch Angriffe des Islamischen Staates sowie durch Al-Kaida, das Haqqani-Netzwerk und die Islamic Movement of Uzbekistan in den östlichen Provinzen Nangarhar, Paktika, Paktia und Khwost herausgefordert.[5]

Der andauernde Krieg führt zu immer mehr Toten und Verletzten unter der Zivilbevölkerung. 2014 wurde mit 10‘548 Opfern, so insbesondere unter den Frauen und Kindern, ein trauriges Rekordjahr erreicht.[6] Durch die immer härter werdenden Kämpfe erleiden auch die afghanischen Sicherheitskräfte mit ihrem augenblicklichen Bestand von insgesamt 325‘000 Männern und Frauen steigende Verluste. So waren deren Verluste in der ersten Hälfte 2015 verglichen mit der gleichen Periode 2014 um 59 % höher. Die Verluste haben im Vergleich zwischen den beiden Perioden um 80% zugenommen.[7] Die Einsatzfähigkeit der Sicherheitskräfte wird aber nicht nur durch ihre hohen Verluste behindert, sondern auch aufgrund einer mangelhaften Logistik und der schwachen Führung durch Kabul. Ein weiteres Problem ist der Nachrichtendienst, der aufgrund des voreiligen Abzugs vieler Aufklärungsmittel durch die USA nicht mehr die gleiche Effizienz wie früher aufweist.

Während die afghanische Armee (ANA) mit einem aktuellen Personalbestand von 170‘000[8] in der Bevölkerung sehr angesehen ist, soll dies für die Polizei (ANP) mit einem Personalbestand von 155‘000[9] nicht der Fall sein. Offenbar grassiert unter der ANP die Korruption.[10] Eine Ursache dafür könnte der Drogenanbau und – handel sein, der durch die Organisierte Kriminalität (OK) in Afghanistan beherrscht wird. Diese OK hat seit 2001 den gesamten Staat und die Gesellschaft Afghanistans zunehmend durchdrungen.[11] Ohne die finanzielle Unterstützung seitens der USA, der NATO und weiterer beitragswilliger Staaten würde übrigens Afghanistan den hohen Bestand seiner Sicherheitskräfte nicht aufrechterhalten können.

Seit 1978 wird in Afghanistan Krieg geführt. Ein Friede ist nicht in Sicht. Die Kriegführung der USA und ihrer Alliierten hat das Land nicht stabilisiert. Das Gegenteil ist vermutlich der Fall. Der Bürgerkrieg hat an Intensität zugenommen und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen driften zunehmend voneinander ab. Offenbar hat sich Gott definitiv von Afghanistan verabschiedet.

[1] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, Report on Enhancing Security and Stability in Afghanistan, DoD, Washington DC, June 2015, P. 3.

[2] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 1.

[3] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 11.

[4] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 4.

[5] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 23.

[6] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 30.

[7] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 39.

[8] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 57.

[9] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 86.

[10] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 79/85.

[11] Levin, C. and H.P. „Buck“ McKeon, P. 91.