Mehrfachraketenwerfer BM-27 Uragan
Mehrfachraketenwerfer BM-27 Uragan

Seit anfangs September 2015 wird der mit Minsk II abgeschlossene Waffenstillstand durch die ukrainischen Streitkräfte und die Milizen der Separatisten mehr oder weniger eingehalten. Nach wie vor dürften in den durch die Separatisten kontrollierten Gebieten von Luhansk und Donezk russische Truppen stationiert sein, die das eigentliche Rückgrat der Milizen bilden. Immer noch dürften an der Grenze zur Ukraine russische Einheiten stationiert sein. Noch zu Beginn des Jahres 2015 wurde der Bestand an russischen Truppen im ukrainisch-russischen Grenzgebiet durch die NATO auf 50‘000 Mann beurteilt.[1] Gemäss der UNO sollen ab April 2014 bis Juli 2015 in diesem Krieg 6‘832 Menschen getötet und über 17‘000 verwundet worden sein.[2] Seit ihrer offenen Intervention im September 2014 sollen die russischen Truppen mindestens 220 tote Soldaten zu beklagen haben.[3]

Offenbar haben die Milizen der Separatisten und ihre russischen Verbündeten die Eroberung der ukrainischen Stadt Mariupol und der damit ursprünglich geplanten Offensive entlang dem Schwarzmeer, mit dem Ziel das Gebiet von Novorossiya aus der Zeit von Katharina der Grossen wieder zu begründen, aufgegeben. Der bisherige Krieg in der Ost-Ukraine wie auch die vermutete Offensive, die in den westlichen Medien insgesamt als „Hybrider Krieg“ von Wladimir Putin[4] bezeichnet wurde, dürfte in Moskau auch angesichts der zunehmenden Kampffähigkeit der ukrainischen Streitkräfte ad acta gelegt worden sein. Der Hybride Krieg ist seit Mitte 2015, da keine entscheidende Schlachten und Gefechte mehr geführt werden konnten, zur allgemeinen Erschöpfung beider Seiten, einschliesslich der russischen Verbündeten der Separatisten, degeneriert. Diesen Endzustand eines Krieges hat der deutsche Historiker und Kriegstheoretiker Hans Delbrück zu Recht als die letzte Phase der Ermattungsstrategie, die im Gegensatz zur Niederwerfungsstrategie eines Napoleons stand, der die gegnerischen Streitkräfte immer vernichten wollte, bezeichnet.[5]

Der Erschöpfungszustand dürfte auf russischer Seite auch die Folge der direkten und indirekten Kosten des Krieges sein, die insbesondere durch die Sanktionen der EU und der USA versuracht worden sind. Zu beachten ist des Weiteren die Tatsache, dass die Russische Föderation für einen Vorstoss entlang dem Schwarzmeer oder gar in Richtung Kiew nicht über eine genügend leistungsfähige Infrastruktur für eine schnelle Verschiebung der Streitkräfte verfügt. Nach wie vor muss Russland grosse Truppenverschiebungen über sein, nur in begrenztem Masse dafür geeignetes, Eisenbahnnetz abwickeln.

Dieser Schwachpunkt in einem Aufmarsch der russischen Streitkräfte bedeutet aber nicht, dass diese Streitkräfte für begrenzte Operationen und damit für kleine Kriege nicht einsetzbar wären. So könnte Russland heute beinahe aus dem Stand die baltischen Republiken überrennen und besetzen. Die NATO wäre aufgrund ihrer ungenügenden militärischen Vorbereitungen in diesem Raum nicht in der Lage einen solchen Vorstoss mit konventionellen Streitkräften abzuwehren. Die Abschreckungsfähigkeit der NATO im Baltikum und auch in den übrigen osteuropäischen Staaten mit konventionellen Streitkräften muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt, u.a. auch wegen der fehlenden Mittel, die auch die Folge der deutschen Obstruktion zur Errichtung von Stützpunkten in Osteuropa sind, als beinahe nicht existent bezeichnet werden.[6] Angesichts des nuklearen Drohpotentials Russlands würden weder die USA noch die NATO einen russischen Vorstoss ins Baltikum mit dem Einsatz von Kampfflugzeugen mit nuklearen Freifallbomben beantworten. Dass die russischen Streitkräfte durchaus zu begrenzten Offensiven fähig sind, hat Russland unter Putin sowohl in Georgien 2008, wie auch in der Ukraine 2014 und jetzt in Syrien 2015 demonstriert. Während ein allgemeiner konventioneller Krieg in Europa kaum vorstellbar ist, muss die Gefahr weiterer kleinerer Kriege à la Putin ernst genommen werden.

[1] Freedman, L., Ukraine and the Art of Exhaustion, in: Survival, The International Institute for Strategic Studies, Volume 57, Number 5, October – November 2015, P. 89.

[2] Freedman, L., P. 77.

[3] Freedman, L., P. 88.

[4] Charap, S., The Ghost of Hybrid War, in:  Survival, The International Institute for Strategic Studies, Volume 57, Number 6, December 2015 – January 2016, P. 51-58.

[5] Delbrück, H., Geschichte der Kriegskunst, im Rahmen der politischen Geschichte, Vierter Teil, Neuzeit, Verlag von Georg Stilke, Berlin, 1920, S. 520/521.

[6] Colby, E. and J. Solomon, Facing Russia: Conventional Defence and Deterrence in Europe, in: Survival, The International Institute for Strategic Studies, Volume 57, Number 6, December 2015 – January 2016, P. 21-49.