IMG_6145Erschienen im PORTAS CAPITAL Newsletter November 2015:

Stärken und Schwächen Russlands

Die Tatsache, dass Russland mit 17‘075‘400 qkm flächenmässig der grösste Staat der Welt ist, dürfte der wichtigste Faktor sein, der die Mächtigkeit der Russischen Föderation bestimmt. Russland grenzt an 14 Staaten an. Die Länge dieser Grenzen beträgt 20‘017 km. Des Weiteren stösst Russland mit einer Küstenlinie von 37‘653 km an den Pazifik, das Nordpolarmeer, den Atlantik, die Ostsee, das Schwarzmeer und das Kaspische Meer an. Zur riesigen Ausdehnung des Staatsgebietes will die russische Regierung auch noch die arktischen Gebiete bis zum Nordpol hinzufügen. Dieser Anspruch beruht auf dem Lomonossow-Unterseegebirge, das gemäss russischen Angaben von Russland bis zum Nordpol reichen soll. Dieser Anspruch wird durch die anderen vier Anrainerstaaten des Nordpolarmeeres – die USA, Kanada, Dänemark in Vertretung von Grönland, und Norwegen – zurückgewiesen. Dazu kommt noch, dass Kanada und Dänemark den Nordpol für sich beanspruchen, da der Lomonossow-Rücken bis nach Kanada bzw. bis Grönland reichen soll.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Stärke Russlands bestimmt, ist der Reichtum an fossilen Brennstoffen, an Rohstoffen und Mineralien. Russland verfügt nicht nur über beträchtliche Erdöl- und Erdgasvorkommen, die sich bis ins Nordpolarmeer erstrecken, sondern auch über gewaltige Vorkommen an Gold, Eisen, Diamanten, Zink, usw. Aufgrund dieser Vorkommen ist Russland als ein sehr reicher Staat zu bezeichnen. Dies ist mit ein Grund, warum die Wirtschaftskraft Russlands im wesentlichen Masse auf der Ausbeutung und dem Export der Rohstoffe und Mineralien beruht.

Im Gegensatz zur Stärke stehen die demographische Entwicklung und damit die dünne Besiedlung des Landes. Russland weist eine Bevölkerung von 143.6 Millionen (mit der Krim 146 Millionen) auf und eine Bevölkerungsdichte von lediglich 8 Bewohner pro qkm. Davon leben 85% im europäischen Teil Russlands, das 23 % des gesamten Territoriums ausmacht und nur 15% im asiatischen Teil, das 77% des gesamten Territoriums aufweist.[1] Nur schon diese Konzentration der Bevölkerung auf den europäischen Teil Russlands muss als ein wichtiger Faktor bezeichnet werden, der die Schwäche Russlands im internationalen Rahmen bestimmt. Nicht von ungefähr hat China in der Vergangenheit seine Aufmerksamkeit auf das dünnbesiedelte russische Territorium in Asien gerichtet.

Aber auch die demographische Entwicklung des Landes ist als besorgniserregend zu bezeichnen. Noch 1989 hatte die Russische Föderation eine Bevölkerung von 147 Millionen Menschen. Diese sank bis 2007 auf 142.2 Millionen. Seither hat sich die Bevölkerung auf rund 143 Millionen stabilisiert. Diese Stabilisierung bedeutet aber nicht, dass der eigentliche russische Bevölkerungsanteil wieder zunimmt. Wird als Massstab die Glaubensrichtung verwendet, dann könnte der Anteil der Gläubigen an der russisch-orthodoxen Kirche in Russland vermutlich nur noch 41% betragen. Dagegen wächst die muslimische Bevölkerung in der Russischen Föderation ungebremst. Deren Anteil an der Gesamtbevölkerung wird heute auf über 14% geschätzt.[2] Aufgrund der Fertilität der islamischen Bevölkerung ist es durchaus vorstellbar, dass in einigen Jahrzehnten die Muslime in Russland in der Mehrheit sein werden.

Ein weiterer Faktor, der zur Schwäche Russlands beiträgt, ist die Abhängigkeit der russischen Volkswirtschaft vom Export der Rohstoffe, so insbesondere vom Gas- und Erdölexport. Aufgrund dieser einseitigen Abhängigkeit kann, wie es sich jetzt aufgrund der Sanktionen der USA und der EU zeigt, die russische Wirtschaft sehr schnell in eine Rezession kippen.

 

Aufrüstung seit 2008

Der kurze und kleine Krieg, den Russland 2008 gegen Georgien geführt hatte, zeigte den katastrophalen Zustand der russischen Streitkräfte in den Bereichen Ausrüstung und Ausbildung auf. Unter dem damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Wladimir Putin wurde ein Aufrüstungs- und Modernisierungsprogramm der Streitkräfte im Sinne eines „New Look“ befohlen.[3] Dazu gehörte zuerst die Umstrukturierung der Streitkräfte. Die Zahl der Militärbezirke wurde auf die militärischen Herausforderungen ausgerichtet und auf 4 reduziert und zwar Ost, Zentrum, Süd und West.[4] Jeder dieser Militärbezirke verfügt heute über einen Führungsstab, der für die Ausbildung und den Einsatz der Streitkräfte (Heer, Luftstreitkräfte, Seestreitkräfte) in seinem Gebiet verantwortlich und zuständig ist.

Der Präsident ist der Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Ihm direkt unterstellt sind der Verteidigungsminister und der Generalstab in Moskau. Diesen wiederum sind die Kommandos und Führungsstäbe der Militärbezirke in Chabarowsk (Ost), Jekaterinburg (Zentrum), Rostow (Süd) und St Petersburg (West) unterstellt.[5]

Die schwerfällige Divisionsstruktur wurde weitgehend abgeschafft und konsequent durch die Brigadestruktur ersetzt. Gleichzeitig wurde der zahlenmässige Anteil der Berufssoldaten in der 1 Million-Mann Armee erhöht und die Zahl der Offiziere von 220‘000 auf 150‘000 reduziert. Vor allem die Zahl der Generäle wurde verkleinert. Eine gründliche Reform erfolgte bei der Luftverteidigung, die mit der Luftraumverteidigung, zuständig für die Abwehr von Angriffen ballistischer Flugkörper und Langstreckenbomber, zu einem einheitlichen Kommando verschmolzen wurde.

Diese Reform wird durch ein Aufrüstungsprogramm von über 770 Milliarden US-$ für die Periode 2011-2020 ergänzt.[6] Nach jahrelanger Vernachlässigung und Stagnation unter Jelzin sollen die Streitkräfte bis 2020 mehrheitlich mit modernen Waffen ausgerüstet werden. Zu diesem Zweck wird in der Rüstungsindustrie die Forschung und Entwicklung entscheidend gefördert. Dazu gehört die Entwicklung und Einführung des neuen Kampfpanzers Armata und des Kampfschützenpanzers Tigr-M für das Heer.[7]

 

Die Luftstreitkräfte sollen neue Kampfflugzeuge, Kampfhelikopter und Drohnen erhalten. Bis 2020 sollen die Luftstreitkräfte mit 600 neuen Kampfflugzeugen ausgerüstet sein. Dazu gehören neue Mehrzweckkampfflugzeuge des Typs Su-35S sowie die Indienststellung weiterer Jagdbomber Su-34. Auch die strategischen Bomber Tu-160 und Tu-95MS werden modernisiert. Die Entwicklung des Mehrzweckkampfflugzeuges T-50 (PAK-FA) mit Stealth-Technologie wird forciert.[8]

Auch bei den Kampfhelikoptern wird die Produktion der Ka-52, Mi-28N und Mi-35M hochgefahren. Bis 2020 sollen die Streitkräfte 1‘000 neue Helikopter erhalten.[9] Ein Kampfhelikopter mit Stealth-Technologie soll bis 2020 einsatzfähig sein.

Die Luftverteidigung wird ab 2017 das neue System S-500 grosser Reichweite für die Abwehr von ballistischen Flugkörpern kurzer und mittlerer Reichweite erhalten.[10]

Die Seestreitkräfte werden mit den neuen nuklearangetriebenen Angriffs-U-Booten der Yasen-Klasse ausgerüstet.[11]

Auch die Nuklearwaffen werden modernisiert. Dazu gehört die Einführung neuer Trägersysteme wie die ballistischen Boden-Boden-Flugkörper interkontinentaler Reichweite Topol-M und Yars sowie die Indienststellung der neuen nuklearangetriebenen U-Boote der Borei-Klasse (Projekt 955) mit den ballistischen Flugkörpern Bulava.[12] Des Weiteren soll auch das Raumfahrtprogramm gefördert und das GLONASS-System für den zielgenauen Einsatz von Flugkörpern und Bomben verbessert werden.[13]

Durch die Modernisierung der Streitkräfte will die Russische Föderation gegenüber den USA wieder als gleichwertige Macht und zwar sowohl zu Land, wie auch auf den Weltmeeren und im Weltraum, anerkannt werden. Ob dieses Aufrüstungsprogramm bis 2020 erfolgreich abgeschlossen werden kann, muss angesichts der gegenwärtigen Rezession der russischen Volkswirtschaft mit einem Fragezeichen versehen werden.[14]

Der eingefrorene Konflikt in der Ost-Ukraine

Seit dem 1. September 2015 werden die Demarkationslinie und damit der Waffenstillstand in der Ost-Ukraine zwischen den durch Russland unterstützen Separatisten und der ukrainischen Armee weitgehend eingehalten. Sowohl die Separatisten wie auch Kiew haben die Artillerie mit einem Kaliber von über 100mm, die Mehrfachraketenwerfer Grad (122mm) und die schwere Artilleriegeschütze und die weitreichenden Mehrfachraketenwerfer (Uragan, Smerch) hinter die vereinbarten Linien zurückgezogen.[15] Auch die Kampftruppen mit ihren Infanteriewaffen sind entlang der Demarkationslinie entflochten worden. Mit dem Besitz der Städte Donetsk, Debaltseve und Luhansk kontrollieren die Separatisten der beiden Volksrepubliken Donetsk und Luhansk einen grossen Teil der beiden Ost-Provinzen. Nach wie vor steht die wichtige Stadt Mariupol am Schwarzmeer unter der Kontrolle von Kiew. Nach der Ablehnung der Regional- und Kommunalwahlen von Kiew werden die Separatisten in ihren Gebieten eigene Wahlen durchführen.

Was die bisherige Unterstützung der Separatisten durch die russischen Eliteeinheiten der Speznaz betrifft, so sollen diese weitgehend für Kampfeinsätze in Syrien abgezogen worden sein. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Russland sich mit der Kontrolle der bisher durch die Separatisten eroberten Gebiete begnügen könnte. Ob der weitere Vorstoss für die Eroberung der Stadt Mariupol aufgegeben worden ist, wird erst die Zukunft zeigen. Wie auch immer, die beiden separatistischen Republiken Donetsk (1.5 Millionen Menschen) und Luhansk (2 Millionen) könnten zu den Ministaaten hinzugerechnet werden, die bereits heute unter russischem Einfluss stehen und durch Russland finanziert werden.

Bisher wurden durch Moskau Süd-Ossetien (40‘000 Einwohner), Abchasien (240‘000 Einwohner) und Transniestrien (555‘000 Einwohner) unterstützt.[16] Dank diesen eingefrorenen Kriegen kann Moskau auf Georgien und auf die Moldau-Republik politisch Druck auszuüben. Dabei verfolgt Russland das Ziel, dass Georgien und die Moldau-Republik sich nicht der NATO und der EU anschliessen. Es ist deshalb durchaus denkbar, dass Russland mit der Unterstützung der Separatisten der Volksrepubliken Donetsk und Luhansk sein Ziel erreicht hat und in der Zukunft über diese beiden Republiken versuchen wird, einen Beitritt der Ukraine zur EU zu verhindern. Allerdings kann die Ukraine aufgrund ihrer Grösse und der geostrategischen Lage nicht mit Georgien und der Moldau-Republik verglichen werden. Dazu kommt noch, dass bereits die bisherige Unterstützung der Kleinstaaten Süd-Ossetien, Abchasien und Transniestrien für Moskau sehr kostspielig ist.

 

Die Intervention in Syrien

Nachdem Moskau mit dem Iran, der libanesischen Hisbollah und der Regierung von Bagdad eine Militärallianz geschmiedet hat, hat Russland seine militärische Präsenz in Syrien durch den Ausbau seines Seestützpunktes bei Tartus und dem Bau des Fliegerstützpunktes Hmeimim bei Basil al-Assad ausgedehnt.[17] Seit vier Wochen bombardieren die russischen Kampfflugzeuge von Hmeimim aus sehr intensiv und massiv mit über 20 Einsätzen pro Tag die Stellungen der Opposition gegen Assad im Nordwesten Syriens. Angriffe gegen die Stellungen des Islamischen Staates im Osten Syriens erfolgen nur selten durch die russischen Kampfflugzeuge.[18] Offenbar versucht Russland mit seinen Bombardierungen nicht nur das Assad-Regime zu retten, sondern einen Kleinstaat der Alawiten als Refugium dieser Sekte von Damaskus bis Latakia zu begründen und vom restlichen Syrien abzutrennen.[19] Ob eine solche Abtrennung erreicht werden kann, werden erst die Verhandlungen über die Zukunft Syriens zeigen.[20] Dank einem Ministaat der Alawiten könnte Moskau seinen Einfluss auf das östliche Mittelmeer auch in der Zukunft aufrechterhalten. Der Preis dafür wäre, wie bei den anderen Ministaaten von Russlands Gnaden, die Finanzierung des Alawiten-Staates. Nur so könnte ein solcher Ministaat in der feindlichen Nachbarschaft der Sunniten überleben.

 

Fazit

Dank dem seit 2008 eingesetzten Ausbau und der Modernisierung seiner Streitkräfte sowie der Führung kleiner Kriege in seinem Vorfeld ist Russland wieder auf der geopolitischen Weltbühne als Grossmacht zurückgekehrt. Diese kleinen Kriege waren bis anhin räumlich und zeitlich beschränkt und waren auch durch begrenzte Ziele bestimmt. Russland hat wie zur Zeit des Kalten Krieges politisch und militärisch beinahe wieder den Status einer Gegenmacht zu den USA erlangt. Dank seinen militärischen Interventionen ist Russland heute wieder in Zentralasien, so in Tadschikistan und Kirgisien, im Transkaukasus (Armenien und Aserbaidschan mit Berg-Karabach, Georgien), in der Ukraine, in der Moldau-Republik und in Syrien politisch aktiv und verfolgt eine auf die Interessen Russlands abgestimmte Machtpolitik.[21] Die geschilderten Schwächen – die demographische Entwicklung der russischen und der muslimischen Bevölkerung, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten vom Export von Rohstoffen – könnten aber mittel- bis langfristig eine innenpolitische Destabilisierung Russland auslösen. Die Spannungen zwischen der russischen und der muslimischen Bevölkerung, die latent bereits heute bestehen, könnten zunehmen. Auch eine ernste Rezession könnte zum Ausbruch von sozialen Auseinandersetzungen in Russland führen. Da innenpolitische Spannungen und Auseinandersetzungen zum machtpolitischen Abstieg oder gar zum Zerfall des Riesenstaates führen könnten, ist es denkbar, dass für die Ablenkung von den inneren Konflikten kleine Kriege nicht mehr genügen könnten. In diesem Fall ist es vorstellbar, dass die Machthaber in Moskau den Ausweg über das Anzetteln grösserer Kriege suchen würden.

Die Schwierigkeiten und Probleme von Russland werden auch in der Zukunft die strategische Lage in Eurasien bestimmen.

[1] Russland, https://de.wikipedia.org/wiki/Russland, 30.10.2015, S. 5.

[2] Russland, S. 7.

[3] Enerud, P., Russian Defence Politics, in: Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds), Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective – 2013, FOI, Stockholm, December 2013, P. 89-101.

[4] Carlsson, M., Norberg, J., and F. Westerlund, The Military Capability of Russia’s Armed Forces in 2013, in: Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds), P. 23-70.

[5] Carlsson, M., et al, P. 63.

[6] Stratfor, Russia Prepares to Tighten Spending in 2016, November 3, 2015.

[7] Malmlöf, T., Roffey, R., and C.V. Pallin, The Defence Industry, in: Hedenskog, J., and C.V. Pallin (eds), P. 136.

[8] Malmlöf, T., Roffey, R., and C.V. Pallin, The Defence Industry, P. 126.

[9] Malmlöf, T., Roffey, R., and C.V. Pallin, The Defence Industry, P. 130.

[10] Malmlöf, T., Roffey, R., and C.V. Pallin, The Defence Industry, P. 132.

[11] Malmlöf, T., Roffey, R., and C.V. Pallin, The Defence Industry, P. 133.

[12] Malmlöf, T., Roffey, R., and C.V. Pallin, The Defence Industry, P. 128/134.

[13] Malmlöf, T., Roffey, R., and C.V. Pallin, The Defence Industry, P. 127.

[14] Stratfor, Russia Prepares to Tighten Spending in 2016.

[15] Stratfor, Will the Lull on the Ukrainian Battlefield Hold?, September 15, 2015.

[16] Stratfor, The Logic and Risks behind Russia’s Statelet Sponsorship, September 15, 2015.

[17] Stratfor, Explaining Russia’s True Presence in Syria, September 25, 2015.

[18] Institute for the Study of War, Russian Airstrikes in Syria: September 30-October28, October 23-November 1, 2015.

[19] The Logic and Risks behind Russia’s Statelet Sponsorship.

[20] Cordesman, A.A., Negotiating a “Peace” in Syria: Between Whom and for What?, Washington DC, November, 2015.

[21] Kagan, F.W., and K. Kagan, Putin Ushers in a New Era of Global Geopolitics, Institute for the Study of War, September 27, 2015, P. 1.

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