WuesteDie Gründung des Königsreichs Saudi-Arabien ist weitgehend das Ergebnis der religiösen und herrschaftlichen Symbiose zwischen der Familie Saud und dem Imam Mohammed ibn ‚Abd al-Wahhâb‘ und dessen Nachkommen. Al-Wahhâb wurde 1703 geboren und entstammte einer Familie von Gelehrten der hanbalitischen Schule in Ayaina[1], der konservativsten der vier Religionsschulen im sunnitischen Islam. Er prangerte die Abweichungen seiner Zeitgenossen von der reinen Lehre des Propheten, die Heiligenverehrung und den Aberglauben an und verlangte eine religiöse Erneuerung. Die Osmanen verbannten ihn 1740 aus Basra. Er begab sich nach Huraymila. Nach einer erneuten Vertreibung begab er sich 1745 nach Ad Dir’iyah, wo seit 1726 Mohammed ibn Sa‘ûd herrschte. Es kam zu einer Begegnung zwischen ihnen. Der Emir erklärte sich bereit, den Kampf für die Sache Allahs aufzunehmen, und der Scheich versprach ihm als dem künftigen Imam aller wahren Gläubigen die Herrschaft über Arabien. Dieser Pakt mit seinen gegenseitigen Zusicherungen bestimmte von an die Kriege der Saudis zur Eroberung Arabiens. 1773 wurde Riad erobert. Von da an wurde eine Oase nach der andern erobert, bis zur Einnahme von Mekka 1803. Während Wochen zerstörten die Wahhabiten in Mekka die Gräber und Denkmäler. Auch die Scheichtümer der Piratenküste am Golf wandten sich den Wahhabiten zu. 1811 beschloss die Hohe Pforte in Istanbul, dem Treiben der Wahhabiten ein Ende zu bereiten und den Pascha von Ägypten, Mehmed Ali, mit der Vernichtung des ersten saudischen Staates (1745-1818) zu beauftragen.[2] 1817 endete dessen Feldzug beinahe mit der Auslöschung des saudischen Herrscherhauses.

1824 setzte ein Nachkomme der Saudis, Abd al-Azîz I. zur Rückeroberung der verlorenen Territorien an. Wiederum holten die Ägypter unter Mehmed Ali 1836 zum Gegenschlag aus mit dem Ziel, den zweiten saudischen Staat zu vernichten. Nachdem deren Feldzug in der arabischen Wüste teilweise erfolgreich war, brach innerhalb der Familie ein Bürgerkrieg aus. Am Ende war der zweite saudische Staat 1891 erledigt.[3]

Dank Schaukelpolitik des Emir Mubârak ibn Sabâh von Kuwait zwischen den Grossmächten und dessen Unterstützung für Abd al-Azîz I. gelang diesem 1902 eine Neugründung des saudischen Staates. Am 15. Januar 1902 eroberte er Riad und setzte von da aus zur Eroberung der verlorenen Gebiete an. Den Osmanen gelang es nicht, diesen wahhabitischen Staat einzugrenzen. Deshalb konzentrierten sie sich auf Mekka und dessen Herrscher, den Sherif Husain. Zu dieser Zeit missionierten die Wahhabiten in Arabien erfolgreich. Die Beduinen liessen sich bekehren, wurden sesshaft und schlossen sich zu Bruderschaften, den Ikhwân (Brüdern) zusammen. Blum definiert die Ikhwân wie folgt:

„Die Ikhwân hatten sich einem frommen Leben gemäss den Lehren des Wahhabitentums verschrieben, dem fanatischen Kampf gegen die Ungläubigen, zu denen sie auch die nicht wahhabitischen Muslime zählten, und der unbedingten Treue gegenüber ihrem Imam aus dem Hause Sa’ûd. So hatte Ibn Sa’ûd bald neben den städtischen Truppen, die den Kern seines Heeres bildeten, und den oft unzuverlässigen Beduinenaufgeboten eine neue Armee von Kämpfern zur Verfügung, die stets bereit waren ihr Leben einzusetzen, und deren Eifer oft schwer zu bändigen war.“[4]

Zur Kriegführung waren die Saudis auf Beute angewiesen. Als ihren Hauptfeind und Gegner sahen sie den Scherif Husain an. Ab 1915 unterstützten die Briten sowohl den Scherif als auch die Wahhabiten im Krieg gegen die Pforte mit Waffenlieferungen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verloren die Briten ihr Interesse an den Ereignissen in Innerarabien. 1920 versuchte der Scherif nach Innerarabien vorzustossen. Seine Armee wurde durch die Ikhwân vernichtet. 1921 versuchten die Ikhwân Transjordanien zu erobern, wurden aber durch die Royal Air Force (RAF) zurückgeschlagen. 1922 schlossen die Saudis mit Kuwait und dem Irak einen Grenzvertrag ab.

Als sich der Scherif 1924 nach der Aufhebung des Kalifats durch Atatürk selbst zum Kalifen ernannte, griffen die Ikhwân Transjordanien wieder an und wurden durch die RAF zurückgeschlagen. Nun griffen die Saudis das Gebiet des Scherifs, den Hijaz, an; er selbst floh nach Aqqaba zu den Briten, wurde aber von ihnen inoffiziell zugunsten der Saudis fallengelassen. 1924 zog Ibn Sa’ûd, der Sohn von Abd al-Azîz I., in Mekka ein. Er verständigte sich mit den Briten über die gemeinsame Grenze mit Transjordanien.[5]

Am 8. Januar 1926 wurde Ibn Sa’ûd zum König des Hijaz proklamiert. Erst 1932 erfolgte die Personalunion des Najd mit dem Hijaz zum Königreich Saudi-Arabien.[6]

Den Ikwhân war die Einigung mit dem Irak zuwider. Sie entschlossen sich zur Weiterführung der Eroberungen und damit zur Rebellion gegen den König. Sie mussten im März 1929 in offener Feldschlacht im Dreieck Irak, Kuwait und Najd besiegt werden.[7] Die Beziehungen zum Irak wurden aber erst 1951 normalisiert.

Bereits 1935 hatte der britische Bevollmächtigte für Saudi-Arabien Philpy, ein Konvertit, Ibn Sa’ûd Beziehungen zur Standard Oil Company of California vermittelt. 1938 wurden die Amerikaner fündig. Mit weiteren amerikanischen Erdölgesellschaften zusammen wurde 1946 die Aramco, die Arabian American Oil Company begründet.[8] Im April 1943 erhielten die Briten und die Amerikaner Stützpunktrechte in Saudi-Arabien. Im Oktober 1943 wurde die US-Leih- und Pachthilfe auf Saudi-Arabien ausgedehnt. Im Oktober 1945 wurde gemäss dem Treffen zwischen US-Präsident Roosevelt und König Ibn Sa’ûd den USA Dharan für den Bau eines Militärflughafens überlassen.[9] Damit wurden die USA offiziell zur Schutzmacht der Wahhabiten und ihres Staates, dem Königreich Saudi-Arabien.

Untersucht man die Gemeinsamkeiten zwischen dem saudischen Königreich und dem Islamischen Staat (IS), dann fällt auf, dass sie beide der sunnitischen Sekte der Wahhabiten angehören. Wie die Ikwhân der Wahhabiten verfolgen beide als Ziel die Auslöschung der Schiiten. Der gemeinsame Hauptfeind ist deshalb auch der Iran als das Zentrum des „Irrglaubens“ der Schia. Wie die Ikwân stellt auch der IS die durch das Sykes-Picot-Abkommen zwischen Frankreich und Grossbritannien festgelegten Grenzen im Mittleren Osten nach 1918 und die nachfolgende Gründung Syriens und des Iraks in Frage. Sowohl Syrien als auch der Irak sollen zerstört und mit der Eroberung Bagdads soll das neue arabisch-islamische Weltreich begründet werden. Bereits jetzt stellt das Territorium des IS und seine Herrschaft über sunnitische Stämme eine geographische Fortsetzung des Gebietes von Saudi-Arabien dar. Die Vereinigung beider Gebilde wäre im Sinne der Ikwân gewesen, die mit der Gründung des Islamischen Staates im wahrsten Sinne des Wortes eine Wiedergeburt erleben dürfen bzw. aus dem Tiefschlaf erweckt werden.

Die Schutzmacht Saudi-Arabiens sind nach wie vor die USA, die aufgrund der angesprochenen Gemeinsamkeiten der Saudis mit dem IS in einem gewissen Sinne auch als Schutzmacht des IS angesehen werden. Zu Recht hat Kamel Daoud in einem Beitrag in der International New York Times vermerkt, dass der IS eine Mutter, die US-Invasion in den Irak von 2003, und einen Vater, Saudi-Arabien, hat.[10] Die Missionierung der Wahhabiten hat mindestens die Entstehung und die Bildung des IS erleichtert. Wie weit die USA und Saudi-Arabien allerdings für die Auslösung der Völkerwanderung nach Europa verantwortlich sind, kann nicht nachgewiesen werden.

 

[1] Blume, H. (Hrsg.), Saudi-Arabien, Natur, Geschichte, Mensch und Wirtschaft, Verlag für Internationalen Kulturaustausch, Tübingen und Basel, 196, S. 123.

[2] Blume, H. (Hrsg.), S. 127.

[3] Blume, H. (Hrsg.), S. 131.

[4] Blum, H. (Hrsg.), S. 135.

so auch Salibi, K., A History of Arabia, Dar Nelson, Beirut, Second Edition, 2010, P. 215.

[5] Blum, H. (Hrsg.), S. 137.

[6]Blum, H. (Hrsg.), S. 138.

[7] Salibi, K., P. 217.

[8] Blum, H. (Hrsg.), S. 141.

[9] Blum, H. (Hrsg.), S. 141.

[10] Daoud, K., Saudi Arabia, an ISIS that has made it, in: International New York Times, November 21-22, 2015, P. 7.