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Seit dem 6. Oktober 2001 kann Afghanistan als ein von den USA und ihrer Alliierten besetzter Staat bezeichnet werden. Seither werden Wirtschaft und Regierung des Landes durch den Subventionstropf der ausländischen Donors (Spenderstaaten) finanziert. 2014 hatte die Regierung ein Budget von 7.6 Milliarden US-$. Davon mussten 4.8 Milliarden US-$ durch ausländische Staaten finanziert werden.[1] Der grösste Teil dieser Subventionen diente mit über 4.0 Milliarden US-$ der Finanzierung der aufgeblähten Afghanistan Security Forces (Armee und Polizei), die eine Mannschaftsstärke von 352‘000 Mann aufweisen.[2] Für die Verteidigung des Landes gegen ausländische Aggression sind sie aber nicht ausgerüstet. So fehlt der Afghan National Army (ANA) schwere Waffen wie Artillerie, Kampfpanzer und Kampfflugzeuge weitgehend. Die ANA ist bewusst als Infanteriearmee für Counterinsurgency-Operationen gegen die Taliban konzipiert und aufgebaut worden, weil auf diese Weise verhindert werden soll, dass sich in Afghanistan wieder Al-Kaida einnisten und zu einer Bedrohung für die USA werden könnte.

Der eigentliche Aufbau des Landes ist während der vergangenen 14 Jahre sträflich vernachlässigt worden. An Infrastruktur ist mit Ausnahme einiger Strassen nichts aufgebaut worden. Nach wie vor ist die Energieversorgung mit Strom für Afghanistan ein gravierender Mangel.[3] Auch kann die Landwirtschaft das Land nach wie vor nicht mit eigenen Produkten versorgen. Afghanistan ist auf Importe angewiesen. 2013 importierte das Land Güter und Dienstleistungen für 12 Milliarden US-$ und exportierte lediglich für 3 Milliarden US-$.[4]

Die einzige Grösse, die regelrecht boomt, ist das Wachstum der Bevölkerung. Bezogen auf eine Bevölkerungsgrösse von 30 bis 32 Millionen (geschätzt für 2014/15), stellt die Kohorte der 0 bis 14-Jährigen (Mädchen und Knaben) 42% der Gesamtbevölkerung. An 15 bis 24-Jährigen gibt es 22.2%. Pro Jahr gelangen 392‘116 Männer und 370‘295 Frauen in den Arbeitsprozess (2010). [5] Dass Afghanistan diesen Zustrom nicht verkraftet, kann anhand der direkten Arbeitslosigkeit von 35% (2008) ermessen werden.[6]

Das entscheidende Problem des Landes ist der Drogenanbau und –handel, von denen beide trotz der Besetzung durch die Amerikaner und ihrer Alliierten ab 2001 regelrecht explodiert sind. Aufgrund der Tatsache, dass Afghanistan die Welt zu 85% mit Opium, Heroin und Morphin, aber auch mit Cannabis versorgt, muss das Land als ein echter Narcostate bezeichnet werden. Pro Jahr werden zwischen 5‘000 bis 8‘000 Tonnen Opium (2009 6‘900 Tonnen) auf rund 224‘000 Hektaren (2014) produziert.[7] Dieses Opium und das daraus raffinierte Heroin und Morphin wie auch das Cannabis sind die eigentlichen Exportgüter des Landes.[8] Die Hauptanbaugebiete waren 2013 die Provinzen Helmand und Nangarhar.[9] Mit dem Heroin, dem Morphin und dem Cannabis werden vor allem die Märkte der Russischen Föderation und Europas versorgt.[10] Der Transportweg nach Europa verläuft über den Iran, die Türkei, die Balkanroute und Italien. Der Transport nach Russland geht über die zentralasiatischen Staaten.[11] Die Sicherheitsbehörden dieser Staaten dürften über diese Transportwege im Bilde sein.

Für die Verarbeitung und den Transport von Heroin, Morphin und Cannabis ist die Organisierte Kriminalität (OK) Afghanistans zuständig, deren Führung eng mit der Regierung und der Bürokratie in Kabul verbandelt ist. Damit der Anbau und der Handel nicht gestört werden, werden Richter, Polizei und Behörden auf allen Stufen geschmiert. Auf dem Korruptionsindex stand Afghanistan 2014 auf Platz 172 aller 175 Staaten der Welt, die durch diesen Index erfasst werden. Die Korruption dominiert den gesamten Staat, dessen Gesellschaft und Wirtschaft.[12] Dazu kommt noch, dass die afghanische OK mit den OK-Banden der übrigen Welt eng vernetzt ist.

Die UNO schätzt, dass durch den afghanischen Drogenanbau und –handel pro Jahr zwischen 200 bis 300 Milliarden US-$ generiert werden. Diese ungeheure Summe, die über die bekannten Geldwaschanstalten am Persischen Golf und in Südostasien gereinigt wird, dürfte der eigentliche Grund sein, warum während den vergangenen 14 Jahren die Besatzungsmächte diesem Anbau und Handel keinen Einhalt boten. Am Ende dürfte dieses Geld in die Finanzinstitute von New York und London geflossen sein und dürfte immer noch dorthin fliessen.

[1] Cordesman, A. H., Afghanistan and „Failed State Wars“: The Need for a Realistic Transition, CIS, Washington DC, October 12, 2015, P. 50.

[2] Cordesman, A.H., P. 54.

[3] Cordesman, A.H., P. 60.

[4] Cordesman, A. H., P. 72.

[5] Cordesman, A.H., P. 10/11.

[6] Cordesman, A. H., P. 9.

[7] Cordesman, A. H., P. 108/109/119.

[8] Cordesman, A. H., P. 111/115/117.

[9] Cordesman, A. H., P. 113.

[10] Cordesman, A. H., P. 115.

[11] Cordesman, A. H., P. 117.

[12] Cordesman, H.H. P. 27.