Die Mitteilung des Weissen Hauses und des US-Aussenministeriums, dass die USA 20 bis 30 Elitesoldaten ins nördliche Syrien abkommandieren würden, wurde in den westlichen Medien als einen ersten Schritt zur Verlegung von US-Bodentruppen in den Mittleren Osten und als Änderung der US-Strategie interpretiert. Dabei wurde übersehen, dass der Auftrag an diese Elitesoldaten beschränkt sein wird. Erstens haben sie bei den syrischen Kurden die Fliegerleitung und damit einen Beitrag zum effizienteren Einsatz der Kampfflugzeuge der USA und ihrer Alliierten gegen den Islamischen Staat (IS) zu leisten. Zweiens sollen die Elitesoldaten die Ausbildung bei der syrischen Opposition gegen den IS übernehmen.

Auch die Information von Präsident Obama über die Verlegung von 8 Erdkampfflugzeugen A-10C Thunderbolt II[1] auf den türkischen Stützpunkt Incirlik wurde in den Medien als Novum und damit als einen weiteren Schritt zur Änderung der US-Strategie im Mittleren Osten bezeichnet. Auch hier wurde übersehen, dass bereits im September 2014 die US Air Force bekanntgab, dass in den nächsten Monaten bis zu 12 A-10C in den Mittleren Osten verlegt und diese im Rahmen der Operation Inherent Resolve gegen den Islamischen Staat eingesetzt würden. Die A-10C sind deshalb auch bereits seit 2 Monaten gegen Ziele des IS im Irak im Einsatz.

Dass die Obama-Administration nicht gewillt ist ihre Strategie im Mittleren Osten zu ändern, kann anhand eines weiteren Vorschlages des Pentagons an das Weisse Haus interpretiert werden. Gemäss diesem Vorschlag soll Obama eine begrenzte Zahl von Kampfhelikoptern Apache in den Irak verlegen.[2] Grundsätzlich werden einige wenige Kampfhelikopter das Kräftegleichgewicht im Irak zwischen dem IS und dessen Gegnern, die Kurden, die schiitischen Milizen und die irakische Armee, kaum entscheidend ändern können. Dass auch bei diesem allfälligen Entscheid von Obama keine Änderung der US-Strategie im Mittleren Osten zu erwarten ist, kann insbesondere anhand der technischen Merkmalen und der Kampfkraft der Kampfhelikopter Apache ermessen werden.

Die Entwicklung eines eigentlichen Kampfhelikopters durch die USA geht auf die Erfahrungen der US Army im Vietnamkrieg zurück. Für Kampfeinsätze stand den US-Streitkräften damals nur die Bell AH-1G Cobra zur Verfügung, die als Transport- und Aufklärungshelikopter konzipiert und deshalb für Kampfeinsätze ungeeignet war. Das Ergebnis der vielen Einsätze war auch der Verlust von beinahe 5‘000 Helikoptern in diesem Krieg. Der neue Helikopter sollte deshalb auch Kampfeinsätze sowohl im Tiefflug als auch in der Nacht ausführen können. Der Erstflug erfolgte am 30. September 1975, die Serienproduktion wurde 1982 aufgenommen und die Indienststellung der Apache Kampfhelikopter AH-64A erfolgte im April 1986.

Front- und Seitenscheiben des Cockpits wurden aus Panzerglas gefertigt und das Cockpit mit Panzerplatten verstärkt, die einen Schutz gegen die 12.7mm-Munition der russischen (früher sowjetischen) Maschinengewehre DSchK bieten sollten. Der Helikopter sollte auch nach Treffern durch die 23mm-Munition russischer (sowjetischer) Fliegerabwehrkanonen ZSU-23-2/4 weiterfliegen können. Der AH-64A, der heute noch von den Streitkräften verschiedener Staaten im Mittleren Osten eingesetzt wird, erreicht eine maximale Geschwindigkeit von 293 km/h und eine maximale Reichweite von 482 km. Als Hauptwaffe verfügt der Apache über eine schwenkbare 30mm Kanone. An den vier externen Aufhängern können Luft-Luft-Lenkwaffen, lasergesteuerte Luft-Boden-Lenkwaffen Hellfire und ungelenkten Raketen mitgeführt werden. Ein Kampfhelikopter Apache AH-64A ist auch mit Selbstschutzsensoren ausgerüstet.

1998 wurde in den USA der verbesserte Apache Longbow AH-64D eingeführt. Zur Verbesserung gehören ein neuer Radar, modernisierte Triebwerke und eine digitalisierte Avionik. Die maximale Geschwindigkeit beträgt beim Apache Longbow 265 km/h und die maximale Reichweite 407 km. Die US Army ist heutzutage nur mit dem AH-64D ausgerüstet. Bis heute wurden über 1000 AH-64 verschiedener Versionen gebaut.

Seit der Invasion Panamas 1989 sind die Kampfhelikopter Apache von den US-Streitkräften in allen ihren Kriegen eingesetzt worden. Dazu gehörten Operation Desert Storm von 1991, Operation Enduring Freedom gegen die Taliban von 2001, die Operation Iraqi Freedom von 2003 und die nachfolgenden Operationen bei der Besetzung des Iraks und Afghanistans. Während aufgrund der in Desert Storm erreichten Erfolge die Einsatzmöglichkeiten der Apache-Kampfhelikopter optimistisch beurteilt wurden, musste die US Army in den nachfolgenden Kriegen und Operationen die Schwächen der Apache zur Kenntnis nehmen. Die Kampfhelikopter erwiesen sich sehr bald aufgrund ihrer Verletzlichkeit gegenüber dem Feuer von Infanteriewaffen und Fliegerabwehrkanonen als ungeeignet für Einsätze in asymmetrischen Kriegen. In der Operation Anaconda,[3] die Eliteeinheiten der USA mit Unterstützung afghanischer Verbündeter im Februar/März 2002 im Grenzgebiet zu Pakistan gegen Taliban- und Al-Kaida-Kampfgruppen durchführten, mussten die eingesetzten Kampfhelikopter nach Treffern durch Raketen aus RPG-7-Raketenrohren gründlich repariert werden.

Warum könnte die Obama-Administration in Ergänzung zu den bereits verlegten Erdkampfflugzeugen A-10C auch Kampfhelikopter des Typ Apache Longbow, die sich in der unmittelbaren Vergangenheit als ungeeignet für Einsätze in asymmetrischen Kriegen erwiesen haben, genau für diese Art von Einsätzen gegen die Kampfgruppen des Islamischen Staates in den Irak verlegen? Im Gegensatz zu den Taliban dürften die IS-Kampfgruppen über funktionsfähige Fliegerabwehrlenkwaffen verfügen, die sie von der irakischen Armee erbeutet haben. Mit diesen könnten die IS-Kämpfer die amerikanischen Kampfhelikopter in Gefechten ohne weiteres abschiessen. Dazu kommt noch, dass die irakische Armee selbst über sehr wirkungsvolle russische Kampfhelikopter der Typen Mi-28NE Havoc und Mi-35M Hind verfügt.[4]

Die Antwort darauf ergeben die durch die Obama-Administration verfolgten Ziele und die Strategie gegen den Islamischen Staat im Irak und Syrien. Solange das Assad-Regime in Syrien existiert, werden die USA eine gemässigte und abgestimmte Kriegführung gegen den Islamischen Staat aufrechterhalten. Eine definitive Zerschlagung des IS würde der Festigung des unerwünschten Assad-Regimes dienen und gleichzeitig auch die mit Al-Kaida verbündeten Kampfgruppen wie die Jabhat al-Nusrah-Front stärken. Umgekehrt dürfte das Überleben des Islamischen Staates mit Sicherheit die definitive Auflösung des Iraks und Syriens mit anschliessendem Chaos im Mittleren Osten bewirken. Diese widersprüchlichen Ziele bestimmen sowohl die diffuse Strategie Obamas als auch die Taktik der US-Streitkräfte in Syrien und im Irak.[5] Dieses Diffuse dürfte auch bedeuten, dass die Obama-Administration gar keinen Einsatz der in den Irak verlegten Apache Kampfhelikopter beabsichtigen wird. Eine solche Verlegung dürfte nur der Beruhigung der irakischen Alliierten und des US-Kongresses sowie als denkbare Drohkulisse gegenüber der russischen Intervention in Syrien dienen. Eine ähnliche Absicht verfolgte übrigens auch der frühere US-Präsident Bill Clinton, als er während des Luftkrieges Allied Force 1999 gegen Serbien die Verlegung von Apache-Kampfhelikoptern nach Albanien befahl. Wie damals dürfte auch heute ein Einsatz der sehr verletzlichen und kostspieligen Kampfhelikopter für die direkt Betroffenen des Krieges lediglich eine durch Washington DC inspirierte Fata Morgana sein.

[1] Jedes Erdkampfflugzeug Fairschild Republic A-10C Thunderbolt II, mit der Bezeichnung „Warthog“, verfügt über die sehr wirksame 30mm GAU-8/A Avenger Gatlingkanone mit einer Kadenz von 3‘900 Schuss/Min.

[2] Lubold, G., and A. C. E. Lee, U.S. May Deploy Apache in Iraq, in: The Wall Street Journal, October 28, 2015, P. A1.

[3] Naylor, S., Not a Good Day to Die, The Untold Story of Operation Anaconda, Penguin Books, New York, 2006.

[4] The Military Balance 2015, The International Institute for Strategic Studies, London, 2015, p. 331.

[5] Blanchard, Chr. M., C. E. Humud, and M. B. D Nikitin, Armed Conflict in Syria: Overview and U.S. Response, Congressional Research Service, October 9, 2015, p. 19.