Vom 11. auf den 12. Oktober haben die russischen Kampfflugzeuge in Syrien 53 Angriffe geflogen.[1] Vom 12. auf den 13. Oktober waren es 86 Angriffe.[2] Ziele der Angriffe dürften Hauptquartiere, Munitions- und Betriebsstofflager sowie Ausbildungslager der Opposition von Assad gewesen sein, insbesondere in den Provinzen Homs, Hama, Latakia und Idlib. In diesen Provinzen ist der Islamische Staat beinahe inexistent. Gemäss dem britischen Syrian Observatory for Human Rights wurden von den 53 erwähnten Angriffen 30 gegen Kfar Nabudeh geführt. Eine grosse Zahl dieser Angriffe führen die sechs in Latakia stationierten schweren Jagdbomber des Typs Su-34 (Nato-Bezeichnung Fullback). Dieser Jagdbombertyp ist nach einer langen Entwicklungszeit, die noch am Ende der UdSSR einsetzte, seit dem 20. März 2014 einsatzbereit und soll schrittweise die Kampfflugzeuge Su-24 ablösen. Die Mannschaft besteht aus dem Piloten und dem Operator (Waffenoffizier), die über ein geräumiges Cockpit verfügen und bis zu einer Höhe von 10‘000 Meter ohne Sauerstoffmaske auskommen.

Bei voller Zuladung erreicht ein Su-34 eine Reichweite von 4‘000 km und auf grosser Höhe die maximale Geschwindigkeit von Mach 1.8. Ein Su-34 kann neben der eingebauten 30mm Kanone auf den 12 Stationen 12‘000 kg an Waffen mitführen. Dazu gehören neben den Luft-Luft-Lenkwaffen und Luft-Boden-Lenkwaffen gelenkte Bomben und Freifallbomben. In Syrien setzen die Su-34 offenbar die durch GLONASS (russisches GPS-System) gelenkten Bomben des Typs KAB-500S ein, gegen gehärtete Ziele Bomben des Typs BETAB-500SHP, gegen Infanteriestellungen der Opposition Clusterbomben der Typen RBK-500 oder SPBE-D (so am 4. Oktober südwestlich von Aleppo[3]) sowie vermutlich auch zielungenaue Freifallbomben des Typs OFAB-250-270.

Mit den in Syrien einsetzbaren Kampfflugzeugen Su-34, Su-24M und Su-25SM führt Putin vor allem gegen jene Opposition von Assad, die von Saudi-Arabien und der CIA unterstützt wird, eine klassische Flächenbombardierung durch, wie sie während des Zweiten Weltkrieges, des Vietnamkrieges von 1964-73 und der Operation Desert Storm von 1991 mit hoher Intensität geführt wurde.[4] Auf die Zivilbevölkerung, die sich in den durch diese Opposition kontrollierten Gebieten aufhält, wird entsprechend der Meldungen von Syrian Observatory for Human Rights offenbar keine Rücksicht genommen. Bereits auch sollen Kinder durch die russischen Angriffe getötet worden sein.

Welche Art von Luftkrieg führt die Obama-Administration gegen den Islamischen Staat (IS) im östlichen Teil von Syrien und im Nordwesten des Iraks? Aufgrund der mageren Ergebnisse bei der Bekämpfung des IS wird die Operation Inherent Resolve (OIR: amerikanische Bezeichnung dieses Luftkriegs) Obamas durch Fachleute und Politiker in den USA vehement kritisiert. Verglichen mit früheren Luftkriegen der USA werde diese Operation sehr zögerlich geführt. Dies sei mit ein Grund für die fehlende Wirkung. So seien durch die USA und ihre Alliierten seit Beginn der Operation[5] bis zum 6. Oktober gegen den IS 7‘323 Angriffe geflogen worden, davon 4‘701 im Irak und 2‘622 in Syrien. Aufgerechnet auf ein Jahr bedeutet dies pro Tag einen Durchschnitt von 13 Angriffen im Irak und 7 Angriffen in Syrien.[6] Während der 42 Tage dauernden Operation Desert Storm von 1991 gegen Saddam Hussein hätten die Kampfflugzeuge und Bomber der Koalition insgesamt 48‘224 Angriffe und damit pro Tag 1‘100 Angriffe ausgeführt. Zwölf Jahre später seien in der 31-Tage dauernden Operation Iraqi Freedom pro Tag mehr als 800 Angriffe geflogen worden. In der Operation Allied Force von 1999 gegen Serbien seien 138 Angriffe und in der Operation Enduring Freedom von 2001 gegen die Taliban in Afghanistan 86 Angriffe pro Tag geflogen worden. Vor allem der frühere Stellvertretende Kommandant für den Nachrichtendienst, die Überwachung und die Aufklärung der US-Streitkräfte, Lt.General Dave Deptula (ret.), kritisiert den mangelhaften und wenig durchdachten Einsatz von Airpower in OIR. Deptula war auch jener Offizier, der den Luftkrieg in Desert Storm konzipiert hatte. Es sei auch lächerlich, so Deptula, dass der Einsatz von Airpower in OIR einem General des Heeres (US Army) anvertraut sei.

Die Obama-Administration versucht dieser Kritik mit zwei Argumenten zu entgegnen:

  1. das Ziel der USA und ihrer Alliierten sei, unter allen Umständen  Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung zu vermeiden und deshalb würden auch keine zielungenauen Freifallbomben eingesetzt werden;
  2. die US Air Force würde wegen der fehlenden Fliegerleitoffizieren am Boden nur über mangelhafte Informationen über den Gegner verfügen.

Für aussenstehende Beobachter erscheint der Luftkrieg der Obama-Administration gegen die Mörderbande des Islamischen Staates im Vergleich zum rücksichtslosen Luftkrieg von Putin nicht nur wenig durchdacht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes dilettantisch und inkompetent. So zieht die Obama-Administration ausgerechnet zum Zeitpunkt der Intensivierung des Luftkrieges durch Putin den bisher während Monaten im Persischen Golf stationierten Flugzeugträger USS Theodore Roosevelt ohne Ersatz zurück, mittels dessen Kampfflugzeugen 1‘812 Angriffe gegen den IS geflogen wurden.[7] Dabei verfügen ausgerechnet die grossen US-Flugzeugträger mit dem F/A-18E/F Super Hornet über ein dem Su-34 bezüglich Leistung und Kampfkraft gleichwertiges Kampfflugzeug. Diese Mehrzweckkampflugzeuge, die seit September 2001 im Einsatz sind, können neben der Gatlingkanone an 11 Stationen 8‘050 kg Waffen mitführen. Dazu gehören Lenkwaffen, gelenkte Bomben und Freifallbomben. Die maximale Geschwindigkeit der Super Hornet erreicht wie beim Fullback Mach 1.8 und die maximale Reichweite beträgt 3‘330 km.

Gerade wegen dieses Fehlentscheides ist der Obama-Administration nicht nur Inkompetenz vorzuwerfen, sondern auch fehlendes Durchstehvermögen in einem gefährlichen Konflikt.

[1] Aji, A., and S. EL Deeb, Syria troops advance under Russian air cover, Associated Press, October 12, 2015.

[2] Stratfor, Syria: Russia Strikes 86 Targets in 24 Hours, October 13, 2015.

[3] EL Deeb, S., and L. Berry, Syrian troops gain as Putin defends strikes, Associated Press, October 11, 2015.

[4] Stahel, A.A., Luftverteidigung – Strategie und Wirklichkeit, mit einem Vorwort von Kaspar Villiger, Strategische Studien Band 4, vdf, Verlag der Fachvereine an der ETHZ, Zürich. 1993.

[5] Operation Inherent Resolve ist gegen Ziele des Islamischen Staates im Irak am 15. Juni 2014 und gegen Ziele des IS in Syrien am 22. September ausgelöst worden.

[6] Seligman, L., Fighting ISIS: Is Pentagon Using Air Power to its Full Potential? in: Defense News, October 12, 2015, P. 1.

[7] LaGrone, S., Carrier USS Theodore Roosevelt Leaves Middle East, No Firm Date on Replacement to Continue Anti-ISIS Strikes, in: US Naval Institute, October 13, 2015.