IMG_5129Die Eroberung der Provinzhauptstadt Kunduz im Norden Afghanistans durch die Taliban hat die Weltöffentlichkeit aufgeschreckt.[1] Eine eingehendere Analyse der Entwicklung der Lage Afghanistans während den beiden Obama-Administrationen hätte aber schon früher die wirklichen Ursachen für das Debakel der afghanischen Sicherheitskräfte bei Kunduz aufdecken müssen. Der Hauptschuldige für die gegenwärtige Entwicklung in Afghanistan ist Barack Obama, Präsident der USA. Als er sich zu Beginn seiner ersten Administration auf Drängen seiner militärischen Berater, der Generäle Petraeus und McChrystal, bereit erklärte, die US-Kampftruppen in Afghanistan für die Ausschaltung der Taliban kurzfristig auf 100‘000 aufzustocken, verkündete er gleichzeitig das Datum für den Abzug dieser zusätzlichen Verstärkung und das Ende der Kampfhandlungen der US-Streitkräfte in Afghanistan. Seit dem 31. Dezember 2014 haben die Amerikaner und ihre NATO-Alliierten in Afghanistan ihre eigentlichen Kampfhandlungen eingestellt. Die verbliebenen 10‘000 US-Soldaten dienen noch der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte, die bis anhin nur über eine begrenzte Kampfkraft und also ebenso begrenzte Zuverlässigkeit aufweisen. Um sie zu unterstützen, führen die US-Luftstreitkräfte Luftangriffe durch[2], wie sie das jetzt auch für die Rückeroberung von Kunduz durch die afghanischen Sicherheitskräfte tun. Was die amerikanischen Spezialeinheiten, wie Delta Special Forces u.a. betrifft, so sind deren Einsätze den naiven Vorstellungen von US-Vizepräsident Biden entsprechend beinahe nur auf die Bekämpfung der Reste von Al-Kaida in den pakistanischen Stammesgebieten eingeschränkt. Dazu dienen auch die Einsätze der Kampfdrohnen des Typs Predator und Reaper.

Den Amerikanern und ihren Alliierten ist es teilweise wegen der skalpellartigen Einsätze ihrer Kampfflugzeuge in den letzten Jahren nicht gelungen, die Kampfkraft der Taliban entscheidend zur zerschlagen. Auch hat die Obama-Administration es wegen ihrer Rücksichtnahme auf die pakistanischen Machthaber in Islamabad verpasst, die Taliban-Führung in Quetta, dem Hauptort von Belutschistan, definitiv auszuschalten. Auch ist es den USA und ihren Alliierten während dem 14 Jahre dauernden Kriegführen in Afghanistan nicht gelungen, den Anbau und Handel von Drogen und die dazugehörenden Strukturen der Organisierten Kriminalität in Afghanistan zu eliminieren. Schon seit Jahren hat diese OK metastasenartig die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft des Landes durchdrungen und korrumpiert. Was die Korruption betrifft, so nimmt Afghanistan heute eine Führungsposition in der Welt ein.

Sollte das Weisse Haus nicht sehr bald zur Einsicht gelangen, dass der Rückzug der US-Truppen gestoppt werden muss und das Land punkto Gesellschaft, Sicherheit und Wirtschaft einer dringenden Sanierung bedarf, dann dürfte die Eroberung von Kabul durch die Taliban absehbar sein.[3] Die USA und ihre Alliierten müssten in einem solchen Fall nicht nur ihr Scheitern in Afghanistan zugeben, sondern auch die nutzlose Verschleuderung von über 1‘000 Milliarden von Dollar für diesen Krieg vor ihren Wählern rechtfertigen.

[1] Institute for the Study of War, Militant attack and Support Zones in Afghanistan, April-September 2015.

[2] Stancati, M., and Habib Khan Totakhil, Afghan Forces Move In on Kunduz, in: Wall Street Journal, October 2-4. 2015, p. A1/A2.

[3] Samoon, I., US plane crashes in Afghanistan after Taliban battle in Kunduz, Agence France-Presse, October 2, 2015.

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