IMG_2675Nach der Vertreibung der Kuomintang-Partei von Tschiang Kai-schek aus Beijing beanspruchte die Volksrepublik China bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die Herrschaft über die beiden Archipele der Paracel– und der Spratley-Inseln im Südchinesischen Meer.[1] Den Abzug der US-Truppen aus Südvietnam und später den Fall von Saigon nützte Beijing unter der Führung von Mao Zedong und Zhou En-Lai 1975 für die Besetzung des vor den Küsten Vietnams befindlichen Archipels der Paracel-Inseln und errichtete dort militärische Stützpunkte. Die Volksrepublik Vietnam in Hanoi, die als Rechtsnachfolgerin von Saigon auch den Besitz der Paracel-Inseln beanspruchte, konnte sich gegenüber China nicht durchsetzen.

In den achtziger Jahren verlangte Beijing zunehmend auch die Herrschaft über die am südlichen Ende des Südchinesischen Meeres liegenden Spratley-Inseln. Während Vietnam und Taiwan alle Inseln dieses Archipels für sich verlangen, beanspruchen Malaysia, Brunei und die Philippinen vor allem jene Inseln des Archipels, die sich vor ihren Küsten befinden. Im Gegensatz zum Streit über die Paracel-Inseln ist der Konflikt über die Spratley-Inseln zu einer internationalen Dimension eskaliert.

Seit 10 Jahren versucht Beijing nicht nur mit den Kriegsschiffen seiner Küstenwache die Fischerboote seiner Konkurrenten aus den Spratley-Inseln zu vertreiben, sondern auch deren Erdöl- und Erdgasprospektion unter diesen Inseln zu verhindern. Gleichzeitig hat Beijing in diesen Jahren verschiedene Mini-Inseln und Riffe der Spratley-Inseln, die teilweise während der Flut unter Wasser sind, besetzt und durch Landaufschüttung zu militärischen Stützpunkten für die chinesischen Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge ausgebaut. Ein typisches Beispiel für dieses Vorgehen von Beijing ist das Mischief-Riff, dessen Besitz auch die Philippinen beanspruchen.

Gestützt auf den Besitz der Paracel-Inseln und der besetzten Spratley-Inseln fordert China die Herrschaft über beinahe das gesamte Südchinesische Meer. Dieser Anspruch reicht von China aus bis beinahe zur Inselwelt von Indonesien und breitet sich wie eine Kuhzunge von China über das ganze Südchinesische Meer aus. Angeblich will China mit seinem Herrschaftsanspruch die vermuteten Erdöl- und Erdgaslager unter dem Archipel der Spratley-Inseln für sich ausbeuten. In Tat und Wahrheit dürfte die Volksrepublik die eigene Schifffahrt und jene Japans und Südkoreas durch das Südchinesische Meer kontrollieren wollen. Mit diesem Anspruch ist der ursprünglich regionale Konflikt zum Konflikt mit der Seemacht USA ausgeweitet worden, die sich nicht durch China im westlichen Pazifik einschüchtern lassen wollen.

Die Verdrängung des Gegners aus einem Kriegstheater soll zur Beherrschung dieses Theaters führen:

„Um dies zu erreichen, muss […] eine Strategie zur Erlangung der Beherrschung des Theaters formuliert werden. Die Absicht, den Gegner aus dem Theater zu verdrängen, liegt dem chinesischen Kriegsspiel „wei-ch’i“ zugrunde, das die Japaner als „Go“ bezeichnen. […] Im Gegensatz zum europäischen Schachspiel, das auf das Schachmatt des gegnerischen Königs gerichtet ist, ist das wei-ch’i auf die maximale Kontrolle und Eroberung des Spielfeldes gerichtet. Es soll bereits 2356 v. Chr. existiert haben. Mit Sicherheit war es zurzeit von Konfuzius bekannt.“ [2]

Das Spiel wird mit 181 schwarzen und 180 weissen Steinen auf einem quadratischen Brett mit 19 horizontalen und 19 vertikalen Linien gespielt. Die Linien haben 361 Schnittpunkte. Jeder der Spieler versucht so viel Raum wie möglich vom Brett zu erobern, indem er die nicht besetzten Schnittpunkte um ein Gebiet herum mit seinen Steinen besetzt. Mit der Besetzung der Mini-Inseln und dem Ausbau der militärischen Stützpunkte betreibt Beijing nichts anderes als ein wei-ch’i-Spiel. In einer ersten Phase sollen die Ansprüche der Anrainerstaaten niedergerungen werden. Gleichzeitig soll diesen Staaten die Ohnmacht ihrer Schutzmacht USA vordemonstriert werden, da sie ihnen nicht zu Hilfe eilen kann und deshalb einem Elefanten auf tönernen Füssen gleicht.[3] In der zweiten Phase soll die in ihrer Glaubwürdigkeit nunmehr angeschlagene Seemacht USA durch weitere Machtdemonstration schrittweise aus dem Südchinesischen Meer verdrängt werden.

[1] Hayton, B., The South China Sea, The Struggle for Power in Asia, Yale University Press, New Haven and London, 2014, pp. 61-89.

[2] Stahel, A.A., Schach und Go: Angriff, List und Hinterlist, in: List? Hinterlist in unserer Zeit! Stahel, A.A. (Hrsg.), mit einem Vorwort von Hans Heinrich Schmid, Strategie und Konfliktforschung, vdf, Hochschulverlag an der ETH Zürich, 2000, S. 259.

[3] Mufson, St., Chinese activity in South China Sea poses complications for Obama, Washington Post, September 11, 2015.