Damaskus, 9. April 2009
Damaskus, 9. April 2009

In seinem Werk „The Grand Chessboard“ bezeichnet der Geopolitiker Zbigniew Brzezinski die südliche Flanke des Schachbretts Eurasien als „The Eurasian Balkans“.[1] Dieser Balkan reicht gemäss seiner Umschreibung in der Nord-Süd-Achse von Kasachstan bis Jemen und in der Ost-West-Achse vom Kaschmir bis in die Türkei. Er bezeichnet diesen Balkan als eine Zone ständiger Gewalt zwischen den verschiedenen Ethnien.[2] Unter der Administration von Bush jr. wurde diese Zone, einschliesslich Nordafrika, auch the Great Middle East genannt. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen werden nach Brzezinski auch durch die Interessen und Einmischungen der Regionalmächte Russland, Türkei und Iran entscheidend gefördert. Die USA ihrerseits würden, so von Brzezinski in seiner Schrift umschrieben, mit ihren Alliierten (Israel, Türkei, Saudi-Arabien, usw.) versuchen, den Raum der Gewalt im Eurasischen Balkan einzuschränken.[3]

Dass die USA mit dem von Brzezinski postulierten Vorhaben gescheitert sind, beweist die heutige Lage im Great Middle East. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden in der südlichen Flanke des Eurasischen Schachbretts 6 Kriege bzw. Bürgerkriege geführt. Diese werden in Pakistan, Afghanistan, im Irak, in Syrien, im Jemen und auf der Sinai-Halbinsel ausgetragen. Daneben existieren noch „eingefrorene“ Konflikte in Tadschikistan, Usbekistan, im Kaukasus, Georgien, Armenien, im Gazastreifen und in der Westbank. Diese Konflikte können aber jederzeit wieder in heisse Kriege eskalieren.

Die erwähnten Kriege und „eingefrorenen“ Konflikte sind im Prinzip ein Abbild der Schachzüge der Regionalmächte, der USA und Chinas auf der südlichen Flanke des Eurasischen Schachbretts. Mit ihren Zügen versuchen diese Mächte ihre jeweiligen Konkurrenten und Gegner durch die Unterstützung von Minderheiten und Aufständischen mit Waffen auf diesem Schachbrett der Kriege matt zu setzen:

  1. Saudi-Arabien gegen den Iran im Irak und Syrien, die durch den Iran mit Gegenzügen beantwortet werden;
  2. die Türkei gegen den Iran im Irak und umgekehrt;
  3. Russland gegen die USA in Syrien, im Iran und auf der arabischen Halbinsel;
  4. die USA ihrerseits versuchen mit einem Nuklearabkommen den Iran aus der russischen Bindung zu lösen.

Wie die gegenwärtigen Kriege aber aufzeigen, tragen diese Mächte mit ihren Schachzügen nicht zu einer Beruhigung der Lage auf der südlichen Flanke des Eurasischen Schachbretts bei. Im Gegenteil, das Chaos wird intensiviert. Die Türkei bombardiert immer häufiger die PKK-Stellungen im Irak, die Saudis intensivieren ihre Bombardierungen der Houthi im Jemen und Assads Truppen massakrieren mit der Hilfe der Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon die Aufständischen in Syrien. Die Kämpfer des Islamischen Staates töten und köpfen genussvoll ihre Gegner im Irak und in Syrien, die Jihadisten im Sinai töten, wo sie können, und die ägyptische Armee geht gnadenlos gegen sie vor, Israel greift immer wieder den Gazastreifen aus der Luft an und die Hamas schiesst Kurzstreckenflugkörper auf Israel. Parallel dazu finden im ganzen Raum Anschläge statt, so durch die Taliban und den Islamischen Staat in Afghanistan und durch die pakistanischen Taliban in Pakistan.

Dieser Teil des Eurasischen Schachbretts weist keine Gemeinsamkeit mit der auf einem „gewöhnlichen“ Schachbrett herrschenden Ruhe auf, die die Folge des logischen Denkens ist.

[1] Brzezinski, Z., The Grand Chessboard, American Primacy and its Geostrategic Imperative, Basic Books, New York, 1997, p. 123-150.

[2] Brzezinski, Z., p. 53.

[3] Brzezinski, Z., p. 124.

Print Friendly, PDF & Email