Seit dem 1. Januar 2015 sind die USA in Afghanistan nur noch mit knapp 10‘000 Offizieren und Soldaten präsent. Seither nimmt auch die Zahl der Anschläge, so insbesondere in Kabul, zu. Offenbar ist die Regierung in Kabul mit Präsident Ghani und Executive Chief Abdullah mit den Sicherheitskräften von über 300‘000 Soldaten und Polizisten nur noch bedingt in der Lage, die Taliban in Schach zu halten. Diese sollen über verschiedene Bezirke im Süden und im Norden die Macht übernommen haben. Dazu gehört Baghran in der Südprovinz Helmand.[1] Obwohl die Provinz Helmand in den vergangenen Jahren ein Haupteinsatzgebiet amerikanischer Eliteeinheiten war, die auf Kommandanten der Taliban Jagd machten, kann die Regierung in Kabul sich heute nur bedingt durchsetzen. Die Taliban regieren diesen Bezirk jetzt entsprechend ihren Regeln. Frauen haben nicht mehr das Recht frei zu reisen oder zu lernen. Männer müssen sich Bärte wachsen lassen. Das Telefonieren ist nur über öffentliche Einrichtungen gestattet. Die Männer müssen in den Moscheen fünfmal pro Tag beten und Musik zu hören ist verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bestraft. Die Angehörigen der schiitischen Minderheit Afghanistans, die Hazarah, dürfen offenbar auf Anweisung des Kommandanten der lokalen Taliban, Mullah Ghulam Hazrat Shahidmal, den Bezirk nicht mehr betreten. Der von Kabul eingesetzte Gouverneur des Bezirks, Salim Rodi, hat das Gebiet seines Bezirkes nie betreten. Seine Bemerkung dazu: „This job is a joke.“ [2]

Oberflächlich betrachtet könnte die Situation in Baghran ein Indiz für die Zukunft Afghanistans sein, gemäss der die Taliban die Herrschaft über sämtliche Süd- und Ostprovinzen übernehmen könnten, wenn nicht plötzlich eine andere Macht ihnen diese Herrschaft streitig machen würde. Diese neue aufstrebende Macht in Afghanistan ist der Islamische Staat (IS) mit dem Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi (Ibrahim) im irakischen Mossul. Nachdem offenbar geworden war, dass Mullah Omar, ihr verehrter Anführer, bereits vor zwei Jahren verstorben ist, sind die Taliban in eine Führungskrise geraten. Unter den Anführern ist ein Streit um die Kontrolle über das Islamische Emirat ausgebrochen. Bereits heute bröckelt die Geschlossenheit innerhalb der Taliban und damit auch ihre Macht. Nicht nur haben schon verschiedene Kommandanten ihren Eid auf den Kalifen abgelegt, jetzt hat auch die sehr kampfstarke usbekische Organisation Islamic Movement of Usbekistan, IMU, die ursprünglich in Usbekistan gegen den Präsidenten Karimov kämpfte und nach der Vertreibung der Taliban 2001 ihr Haupteinsatzgebiet nach Pakistan verlegte, dem Kalifen Ibrahim Treue geschworen.

Die usbekischen Kämpfer der IMU, die als furchtlos und brutal bezeichnet werden, führen heute auf Weisung ihrer Führung Angriffe in den afghanischen Provinzen Zabol (Süden) und Faryab (Norden) durch.[3] Aufgrund ihrer Erfolge besteht die Möglichkeit, dass die IMU-Kämpfer im Namen des IS und des Kalifen in verschiedenen Nord- und Südprovinzen Afghanistans die Macht übernehmen könnten. Sollte der IS die Herrschaft über weite Gebiete Afghanistans an sich reissen können, dann würde dies zur Destabilisierung der südlichen Staaten Zentralasiens Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan führen. Mit seinem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan hätte Präsident Obama indirekt dem IS nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Zentralasien zur Macht verholfen.

[1] Gah, L.., Taliban rule Afghan district with iron fist, in: International New York Times, August 17, 2015, p. 5.

[2] Gah, L., p. 5.

[3] Stancati, M. and N. Hodge, An Ally of Islamic State Menaces Afghanistan, in: The Wall Street Journal, August 20, 2015, p. 3.

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