Panzerhaubitze 122 mm 2S1, Mami macht mitIn zunehmendem Masse setzen sich in den vergangenen Jahren finnische und schwedische Militärexperten mit dem hybriden Krieg Russlands und dem Stand der russischen Streitkräfte auseinander. Die geopolitische Nachbarschaft und die von Russland ausgehende Bedrohung dürften für diese Analysen bestimmend sein. Zu diesen Experten gehört András Rácz, der sich in seiner in Finnland 2015 erschienen Studie Russia’s Hybrid War in Ukraine[1] eingehend mit den Ursprüngen und den Abläufen des hybriden Krieges beschäftigt hat. Zu Recht weist der Autor auf einige Vordenker dieser Art von Krieg hin. Zur Vervollständigung seiner Liste sind als die eigentlichen Vordenker des hybriden Krieges der Deutsche Friedrich Engels, der Mitstreiter von Karl Marx, der Russe Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin), der Brite Lawrence of Arabia, der Chinese Mao Zedong, der Vietnamese Vo Nguyen Giap, der Argentinier Ernesto „Che“ Guevara und der Brasilianer Carlos Marighela zu bezeichnen.[2] Vor allem Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, hat mit seinen Schriften über den Aufstand und die Revolution bereits 1917 das Wesen, die Ziele, die Mittel und die Taktik des hybriden Krieges umschrieben. Dazu gehört der Aufsatz „Ratschläge eines Aussenstehenden“ vom 8. (21.) Oktober 1917, eine Abschrift des Aufsatzes von Friedrich Engels vom 18. September 1852. In diesem Beitrag wird die Taktik der ersten Phase der Revolution beschrieben:

„Die wichtigsten Regeln … sind …:

  1. Nie mit dem Aufstand spielen, hat man ihn aber einmal begonnen, so muss man genau wissen, dass man bis zu Ende gehen
  2. Am entscheidenden Ort und im entscheidenden Augenblick muss ein grosses Kräfteübergewicht konzentriert werden, denn sonst wird der Feind, der besser ausgebildet und organisiert ist, die Aufständischen vernichten.
  3. Sobald der Aufstand begonnen hat, gilt es, mit der grössten Entschiedenheit zu handeln und unter allen Umständen und unbedingt die Offensive zu ergreifen. ‚Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstandes.’
  4. Man muss bestrebt sein, den Feind zu überraschen und den Augenblick abzupassen, wo seine Truppen zerstreut sind.
  5. Es gilt, täglich (handelt es sich um eine Stadt, so können wir sagen stündlich) wenn auch kleine Erfolge zu erreichen und dadurch um jeden Preis das ‚moralische Übergewicht’ zu erhalten.“ [3]

Diese Anweisungen Lenins sind bis heute Bestandteil der russischen Militärwissenschaft geblieben. Aufgrund ihrer Ausbildung in den sowjetischen Streitkräften haben auch die Tschetschenen diese taktischen Prinzipien in ihrem Krieg gegen die Russische Föderation eingesetzt.[4] Auch in Vietnam, Afghanistan, Irak und Libanon haben Widerstandsgruppen diese Kriegführung gegen die jeweilige Ordnungs- und Besetzungsmacht eingesetzt.[5] Durch die Systematisierung dieser Art des Krieges sind in den USA verschiedene Definitionen formuliert worden:

„…a conflict involving a combination of conventional military forces and irregulars (guerrillas, insurgents and terrorists), which could include both state and non-state actors, aimed at achieving a common political purpose.“ [6]

In der Tradition von Engels und Lenin haben in Russland führende Fachleute sich mit dem modernen Krieg und damit mit dem hybriden Krieg auseinandergesetzt. Zu diesen gehört Armeegeneral Mahmut A. Garejew, der in seinem Werk über den modernen Krieg[7] den Einsatz der psychologischen und ideologischen Kriegführung in der ersten Phase eines Krieges zur Destabilisierung der feindlichen Führung postuliert hat.[8] Erst nach Abschluss dieser Phase wird ein direkter Angriff mit Waffen erfolgen und der versteckte Krieg in einen offenen Krieg transformiert. Eine neue Generation russischer Experten verlangt seither die Führung des modernen Krieges in zwei Phasen. In der ersten Phase wird gegen das Zielland massive Desinformation betrieben und die Moral der gegnerischen Streitkräfte unterminiert. Beamte und Offiziere werden korrumpiert. Agenten und Spezialeinheiten werden in das Zielgebiet eingeschleust. Durch eine intensive elektronische Kriegführung wird die gegnerische Einsatzführung lahmgelegt. Erst in der zweiten Phase werden Bodenstreitkräfte eingesetzt und dabei die Reste des Widerstandes beseitigt. Entsprechend diesem Drehbuch ist gemäss Rácz die Krim erobert worden.[9] Ähnlich waren die sowjetischen Streitkräfte bei der Eroberung von Karelien im Winterkrieg 1939/40 gegen Finnland[10] und 1979 gegen Afghanistan vorgegangen.

Ausgehend von den historischen Beispielen und den Schriften der russischen Militärwissenschafter der Gegenwart entwickelt der Autor ein Modell des hybriden Krieges bestehend aus drei Phasen:[11]

  1. Preparatory Phase
  2. Attack Phase
  3. Stabilization Phase

In allen drei Phasen wird die psychologische Kriegsführung eingesetzt, wobei vor allem die erste Phase in drei Schritten durch diese dominiert wird:[12]

  1. Strategic Preparation
  2. Political Preparation
  3. Operational Preparation

In dieser Vorbereitungsphase ermittelt der russische Geheimdienst die Schwächen des Ziellandes. Davon ausgehend verbreitet die russische Aussenpolitik Selbstzweifel und Angst im Zielgebiet. Nach Abschluss dieser Phase erfolgt die Angriffsphase in drei Schritten[13]

  1. Exploding the tensions
  2. Ousting the central power from the target region
  3. Establishing alternative political power

Zuerst werden russische SPEZNAZ-Eliteeinheiten und Fallschirmjäger ohne Kennzeichen auf ihren Uniformen eingeschleust. Es folgen Demonstrationen sogenannter prorussischer Gruppen und die Einschüchterung der lokalen Machtträger. Ist die Kontrolle über das Zielgebiet übernommen folgt die Stabilisierung in drei Schritten:[14]

  1. Political stabilization of the outcome
  2. Separation of the captured territory from the target country
  3. Lasting limitation of the strategic freedom of movement of the attacked country

Für den Abschluss dieser Phase werden reguläre Einheiten eingesetzt, die auch der Einschüchterung der gegnerischen Führung dienen. Entsprechend diesem Szenario des hybriden Krieges hat der russische Präsident Wladimir Putin die Krim erobert und bis anhin in der Ost-Ukraine Krieg geführt.

Die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen hybriden Krieg ist die militärische Überlegenheit gegenüber dem Zielland, mit der die gegnerische Führung eingeschüchtert und zur Tatenlosigkeit gezwungen wird. Dies war der Fall 2014 bei der Eroberung der Krim.[15] Je länger aber der hybride Krieg in der Ost-Ukraine dauert, desto mehr rüstet die Ukraine die eigenen Streitkräfte z.B. mit der Unterstützung Polens auf und desto erheblicher nimmt die Einschüchterungsfähigkeit der russischen Streitkräfte ab.

Weitere Faktoren könnten die Wirkung der russischen Streitkräfte in einem hybriden Krieg mindern. Aufgrund der negativen Erfahrungen im Krieg gegen Georgien und des Sichtbarwerdens der Schwächen der russischen Streitkräfte wurde unter dem damaligen Prädienten Medwedew am 5. Februar 2010 eine neue Militärdoktrin verabschiedet.[16] Auf der Grundlage dieser neuen Doktrin wurden die russischen Streitkräfte konsequent brigadisiert und die sogenannten Papier-Divisionen, bei denen zuerst Wehrpflichtige mobilisiert werden mussten, abgeschafft. Zwei Kategorien von Brigaden wurden geschaffen, panzerlastige Brigaden und leichte Brigaden. Gleichzeitig wurde die Zahl der Militärbezirke auf vier reduziert und ein Rüstungsprogramm verabschiedet, aufgrund dessen die Kampfbrigaden bis 2020 mehrheitlich mit modernen Waffen bzw. kampfwertgesteigerten Kampfsystemen ausgerüstet werden sollten.

Verschiedene Grossmanöver der letzten Jahre, wie Kavkaz 2012, haben aber einen wichtigen Schwachpunkt der Putin’schen Reform der russischen Streitkräfte aufgezeigt, nämlich deren Mobilität.[17] Aufgrund des Zustands des Strassennetzes geschieht der Transport der russischen Brigaden durch den Einsatz des russischen Eisenbahnnetzes. Nur schon die Verschiebung eines Kampfbataillons, geschweige denn einer Brigade, ist innerhalb der russischen Grenzen mit der russischen Eisenbahn sehr kostspielig und zeitintensiv.[18] Eine Verschiebung von Brigaden jenseits der russischen Grenzen dürfte zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur begrenzt durchführbar sein. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass wegen der eingeschränkten Mobilität die Drohwirkung eines Grosseinsatzes russischer Streitkräfte jenseits der Grenzen für einen hybriden Krieg in der Gegenwart nur begrenzt möglich sein dürfte. Dieser Schwachpunkt der konventionellen Streitkräfte dürfte auch die Erklärung dafür sein, warum der russische Präsident immer wieder mit dem Einsatz der Nuklearwaffen für den Fall einer existentiellen Bedrohung Russlands droht, gleichzeitig nuklearfähige Kampfbomber Su-24 auf die Krim verlegt und schwere Bomber Tu-95 aufsteigen lässt. Die Nuklearwaffen sind schlussendlich das wirkungsvollste Mittel, mit dem er auch im hybriden Krieg drohen und dabei sogar ein Scheitern seiner Kriegführung kaschieren kann.

In Anbetracht der Tatsache, dass die NATO-Strategie mit dem amerikanischen und dem britischen Nukleararsenal verknüpft ist, betreibt der russische Präsident mit seiner Rhetorik für einen Einsatz der russischen Nuklearwaffen bei der Durchsetzung seiner geostrategischen Ziele ein gefährliches Spiel. Eine falsche Beurteilung einer Situation zwischen Russland und den westlichen Staaten könnte sehr schnell in eine nukleare Eskalation münden. Dazu kommt noch, dass die zwei europäischen Staaten Frankreich und Grossbritannien mit ihren U-bootgestützten ballistischen Flugkörpern zu den Nuklearmächten der interkontinentalen Reichweite gehören. Theoretisch könnten in einer Konfrontation Frankreich 384 und Grossbritannien 192 nukleare Gefechtsköpfe gegen das Territorium Russlands einsetzen.[19] Aufgrund der Allianz dieser beiden Staaten mit den USA stellt deren Nukleararsenal ein beachtliches Droh- und Abschreckungsmittel gegenüber Putins Rhetorik dar.[20]

Trotz der Schwächen der konventionellen Streitkräfte Russlands darf der Bedrohungsfaktor, der von Putins Vabanque-Spiel gegenüber anderen Staaten ausgeht, nicht unterschätzt werden. Gemäss der schwedischen Experten Norberg, Franke und Westerlund könnten neben der Ukraine weitere ehemalige Sowjetrepublik zu Zielen eines russischen hybriden Krieges werden.[21] Aufgrund gemeinsamer Grenzen mit Russland, dem Vorderhandsein russischer Minderheiten und russischer Stützpunkte in den Nachbarstaaten könnten Aserbaidschan und Kasachstan zu solchen Zielstaaten werden. Auch die baltischen Republiken müssen trotz ihrer Zugehörigkeit zur NATO und zur EU angesichts der russischen Machtansprüche immer noch als gefährdet bezeichnet werden. Im Endergebnis sind für deren Schutz die Glaubwürdigkeit der Extended Deterrence der USA und deren Nuklearwaffen entscheidend.

[1] Rácz, A., Russia’s Hybrid War in Ukraine, Breaking the Enemy’s Ability to Resist, FIAA Report 43, The Finnish Institute of International Affairs, Helsinki, 2015.

[2] Stahel, A.A., Terrorismus und Marxismus, Marxistisch-Leninistische Konzeptionen des Terrorismus und der Revolution, ASMZ, Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift, Huber & Co. AG, Frauenfeld, 1987, S. 26-103.

[3] Stahel, A.A., S. 38/39.

[4] Rácz, A., S. 28-30.

[5] Rácz, A., S. 30-32.

[6] Rácz, A. S. 34.

[7] Garejew, M.A., Moskau, 1996.

[8] Rácz, A., S. 35.

[9] Rácz, A., p. 38/39.

[10] Rácz, A., p. 50.

[11] Rácz, A., pp. 57-67.

[12] Rácz, A., p. 59.

[13] Rácz, A., p. 63.

[14] Rácz, A., p. 67.

[15] Rácz, A., p. 73/74.

[16] McDermott, R.N., Russia’s Strategic Mobility, Supporting ‚Hard Power’ to 2020, FOI-R–3587–SE, FOI, Stockholm, April 2013, p. 18.

[17] McDermott, R.N., pp. 58-61.

[18] McDermott, R.N., p. 60/61.

[19] The Military Balance 2015, The International Institute for Strategic Studies, London, 2015, p. 91, p. 148.

[20] Lewis, J., and B. Tertrais, Deterrence at Three: US, UK and French Nuclear Cooperation, in Survival, The International Institute for Strategic Studies, August-September 2015, pp. 29-52.

[21] Norberg, J. (ed), Franke, U., and F. Westerlund, The Crimea Operation: Implications for Future Russian Military Interventions, in: A Rude Awakening, Ramifications of Russians Aggression Towards Ukraine. Granholm, N., Malminen, J., and G. Persson (eds). FOI-R–3892–SE, June 2014, pp. 41-49.

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