1024px-Amundsen-Scott_marsstation_ray_h_editAls eine direkte Folge der Erderwärmung wird in den letzten Jahren immer wieder auf das Schmelzen des Nordpolareises hingewiesen. Die Statistiken der minimalen Eisausdehnung der Sommer von 2001 bis 2014 weisen auf eine andere Entwicklung hin. Im Sommer 2004 betrug die Ausdehnung des Eises im Nordpolarmeer 6.0 Millionen qkm.[1] Nach verschiedenen Änderungen – Rückgang und Vorstössen des Eises – betrug die Ausdehnung des Eises im Sommer 2014 wieder 5.3 Millionen qkm.[2] Erst unter Beachtung früherer Werte lässt sich eine Abnahme der Eisfläche des Nordpolarmeeres erkennen. Jeweils im Monat März hat von 1981 bis 2010 die Eisfläche während 10 Jahren um jeweils 2.6% abgenommen. Bezogen auf den Monat September waren es je 13.3%.[3]

Durch die Abnahme der Eisfläche könnten inskünftig mindestens in den Sommermonaten drei Schiffsstrassen befahrbar werden:[4]

  1. die Nord-Passagen (Nord-See-Route entlang von Russland und die Nordost-Passage);
  2. die Nordwest-Passage durch die kanadischen Archipels;
  3. die Transpolar-Route zwischen der Beringstrasse und dem Nord-Atlantik.

Gemäss der Studie „Arctic Marine Shipping Assessment (AMSA)“ des Arktischen Rates[5] aus dem Jahre 2009 müssten verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein, bevor ab 2020 diese drei Schifffahrtsrouten ständig benützt werden könnten. Dazu gehören stabile politische Beziehungen zwischen den Anrainerstaaten des Nordpolarmeeres, ein gesicherter Versicherungsschutz, die Sicherheit und der Aufwand für diese Routen im Vergleich zu anderen Meeresstrassen, die Auswirkungen der Klimaveränderungen müssten bekannt sein, ein stabiler Erdölpreis, ein gesicherter Katastrophenschutz, usw. Erst wenn solche Voraussetzungen erfüllt wären, wäre die Benützung dieser Schifffahrtsrouten lohnenswert und damit sinnvoll.

Sehr interessant sind die Vorkommen an Rohstoffen und Mineralien im Nordpolarmeer. Dabei ist zu beachten, dass diese Lager sich vor allem auf dem Festland oder/und im Kontinentalsockel befinden. Dabei soll es sich um 13% (6-23% nach anderen Schätzungen) der bis anhin nicht entdeckten Erdölvorkommen und um 30% (14-54%) der bis anhin nicht entdeckten Erdgasvorkommen der Welt handeln. Des Weiteren soll es Vorkommen an Gold, Zink, Nickel und Platinum im Wert von 1‘000 Milliarden geben.[6]

1996 wurde als Forum für die Kooperation, Koordination und Interaktion im Hinblick auf die Bewältigung der Probleme der Arktis durch die 8 arktischen Staaten (Kanada, Russland, Dänemark [in Vertretung für Grönland], Norwegen, USA, Schweden, Finnland, Island) der Arktische Rat begründet.[7] Dieser Rat ist lediglich ein Konsultationsrat und befasst sich mit der Bewältigung der Sicherheit und mit Rettungsmassnahmen für die Schifffahrt in der Arktis. In der Zwischenzeit sind weitere Staaten als Beobachter zugelassen worden. Zu diesen gehören China, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Polen, Spanien, Grossbritannien, Italien, Japan, Süd-Korea, Singapur und Indien.[8] Die EU hat bis anhin, vor allem aufgrund des Widerstandes von Kanada, keinen Beobachterstatus erhalten.

Vor allem für die eingeborenen Nationen ist der Schutz der Fauna und der Flora und damit der Umwelt der Arktis sehr wichtig. Sechs Organisationen der eingeborenen Völker haben im Arktischen Rat einen permanenten Beobachterstatus:[9]

  • Arctic Athabaskan Council
  • Aleut International Association
  • Gwich’in Council International
  • Inuit Circumpolar Council
  • Russian Association of Indigenous Peoples of the North
  • Saami Council

Obwohl die eingeborenen Völker durch die Veränderungen ihrer Umwelt und die Gefahr der Umweltverschmutzung durch Tanker, die diese Schifffahrtsstrassen benützen oder benützen werden, direkt betroffen sind, werden ihre Anliegen durch die Staaten der Arktis nur bedingt beachtet. Die Eingeborenen werden vielfach durch die Machtpolitik der Anrainerstaaten der Arktis wie z.B. durch Russland missbraucht.[10]

Schon während der Zeit des Kalten Krieges hatte die Arktis für militärische Operationen einen hohen strategischen Stellenwert. Dazu gehörten insbesondere die Stationierung von nuklearangetriebenen U-Booten der UdSSR und der USA mit ballistischen Flugkörpern unter dem Eis des Nordpolarmeeres. Gleichzeitig waren nuklearangetriebene Angriffs-U-Boote in der Arktis stationiert. Diese hätten im Ernstfall die gegnerischen U-Boote mit ballistischen Flugkörpern abfangen und vernichten sollen. Die USA hatten des Weiteren im Norden eine Kette von 63 Radarstationen für die frühzeitige Erfassung angreifender sowjetischer ballistischer Boden-Boden-Flugkörper und Bomber errichtet (DEW, Distant Early Warning Line).[11] Die UdSSR hatte ihrerseits in ihrem arktischen Gebiet eine ganze Reihe von Militärstützpunkten installiert. Sie führte ab 1955 ein Drittel ihrer nuklearen Tests auf der Insel von Novaya Zemlya durch.

Nach dem Ende des Kalten Krieges gab Russland seine Stützpunkte in der Arktis auf und die USA stationierten ihre U-Boote mit ballistischen Flugkörpern vor allem Richtung China. Seit 2008 rüstet Russland aber wieder auf. Die russischen Stützpunkte in der Arktis werden wieder instand gestellt. Dies gilt für die früheren sowjetischen Stützpunkte auf Novaya Zemlya, Novosibirskiye Ostrova und Ostrov Vrangelya. Jagdbomber MiG-31 und Eliteeinheiten werden auf diesen Inseln stationiert. Gleichzeitig werden die russischen Seestreitkräfte mit modernen nuklearangetriebenen U-Booten mit ballistischen Flugkörpern ausgerüstet und die russischen Flotten erhalten neue Angriffs-U-Boote Fregatten.[12] Seit der Besetzung der Krim-Halbinsel 2014 ist ein neuer Kalter Krieg zwischen Russland und der NATO ausgebrochen, der wegen des Krieges in der Ost-Ukraine im Prinzip als heisser Kalter Krieg bezeichnet werden muss.

Sollte die macht- und geopolitische Konfrontation zwischen Russland und der NATO und damit den USA weiter eskalieren, dann werden sich alle Hoffnungen auf eine Benützung der Schifffahrtsstrassen und eine friedliche Ausbeutung der Rohstoffe und Mineralien in der Arktis in Nichts auflösen. Die eigentlichen Opfer dieser Konfrontation werden aber die eingeborenen Völker sein. Diese geniessen bereits heute einen geringen Stellenwert in der Machtpolitik der Anrainerstaaten der Arktis. Bei einer weiterführenden Konfrontation ist damit zu rechnen, dass die arktischen Staaten die Gebiete der eingeborenen Nationen ohne deren Zustimmung militarisieren werden.

[1] Arctic Planning, DOD Expects to Play a Supporting Role to Other Federal Agencies and Has Efforts Under Way to Address Capability Needs and Update Plans, Report to Congressional Committees, United States Government Accountability Office, GAO-15-566, June 2015, p. 36.

[2] Arctic Planning, p. 6/ 41.

[3] Arctic Planning, p. 25.

[4] Arctic Planning, p. 7.

So auch Le Mière, Chr. and J. Mazo, Arctic opening: insecurity and opportunity, Adelphi 440, The International Institute for Strategic Studies, London, 2013, p. 62.

[5] Le Mière, Chr. and J. Mazo, p. 63.

[6] Arctic Planning, p. 7.

So auch Le Mière, Chr. and J. Mazo, p. 71.

[7] Le Mière, Chr. and J. Mazo, p. 39.

[8] Le Mière, Chr. and J. Mazo, p. 40.

[9] Le Mière, Chr., and J. Mazo, p. 39/136.

[10] Le Mière, Chr. and J. Mazo, p. 136.

[11] Le Mière, Chr. and J. Mazo, p. 82.

[12] Le Mière, Chr. and J. Mazo, p. 83-87.

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