IstanbulDas wichtigste Ziel Obamas beim Abschluss des Deals mit Erdogan war die Benützung des türkischen Flugplatzes Incirlik durch die Kampfflugzeuge der US Air Force. Bis anhin mussten diese von Kreta aus Ziele im Machtbereich des Islamischen Staates in Syrien und im Irak bombardieren. Durch die Benützung des türkischen Stützpunktes können die Amerikaner die Flugzeit zu den anvisierten Zielen verkürzen und damit Kosten einsparen. Für Obama ist dies offenbar ein wichtiges Ziel, sind doch die Kosten für die Einsätze gegen den Islamischen Staat auf über 3 Milliarden Dollar angestiegen. Vor allem aufgrund dieses Aufwands steht Obama im Clinch mit dem Kongress.

Erdogan hat durch diesen Deal freie Hand für die Massakrierung der Kurden erhalten. Vorderhand beschränken sich die Bombardierungen der türkischen F-16-Kampfflugzeuge auf PKK-Stellungen im Irak. Mit dem von Obama geschenkten Deal dürfte aber Erdogan weitere Ziele verfolgen. Unter allen Umständen will er die Bildung eines kurdischen Staates in Syrien durch den PKK-Ableger PYD verhindern. Der militärische Arm der PYD (YPG) ist aber ausgerechnet mit den USA alliiert und war bis anhin die einzige zuverlässige Streitmacht, die zusammen mit den irakischen Peschmerga erfolgreich in Syrien den Islamischen Staat bekämpft hat. Sobald Erdogan seine Bombardierungen auch gegen die syrischen Kurden richten wird, wird Obama allerdings Farbe bekennen müssen.

Erdogan möchte aber durch die Massakrierung der Kurden auch die kurdische Partei HDP in der Türkei liquidieren. Aufgrund seiner fragwürdigen Vorwürfe, dass die Spitze der Kurdenpartei mit der PKK liiert sei, will er diese bestrafen und den Weg für Neuwahlen frei machen. Sein Endziel dürfte die Errichtung einer osmanisch gefärbten Diktatur in der Türkei sein.

Mit der Errichtung einer Pufferzone im Norden Syriens verfolgt Erdogan den Sturz des Regimes von Assad und die Einsetzung eines sunnitischen Regimes in Syrien. Dabei bedient er sich der islamistischen Kampfgruppen in Syrien, zu denen auch der Islamische Staat gehört. Ein solches Regime würde ihm als Vasallen in der arabischen Welt und als Sprungbrett für die Ausdehnung des türkischen Einflusses im Mittleren Osten dienen.

Die Gefahr bei dieser machiavellistisch geprägten Politik Erdogans ist nicht nur, dass alle Kurden geeint gegen die Türkei den Kampf aufnehmen, sondern dass die gesamte Ordnung des Mittleren Ostens, die aufgrund der US-Politik seit 2003 sehr labil geworden ist, definitiv zerbricht und die ganze Region dabei ins Chaos stürzt. Es ist nicht vorstellbar, dass der Erzrivale der Türkei, der Iran, den Machenschaften Erdogans tatenlos zusehen wird. Eine mit russischer Hilfe verstärkte Unterstützung für Assad durch den Iran dürfte voraussehbar sein. Der Iran wird auch die Kurden in ihrem Kampf gegen die Türkei unterstützten.

Die Folge der Machenschaften Erdogans und des anschliessenden Chaos wird Vertreibung mit Millionen von Flüchtlingen sein, die alle nach Europa strömen werden. Insbesondere die südeuropäischen Staaten werden innenpolitisch bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten herausgefordert werden. Diese Entwicklung wird der strategischen Kurzsichtigkeit des US-Präsidenten Obama zu verdanken sein, der für ein Linsengericht seine kurdischen Alliierten dem Machtstreben Erdogans geopfert hat. Bereits jetzt muss Erdogans Machiavellismus, verglichen mit den Machenschaften des russischen Präsidenten Waldimir Putin in der Ost-Ukraine, für Europa als die gefährlichere Bedrohung bezeichnet werden.