AthenIm Zusammenhang mit der gegenwärtigen Griechenlandkrise ist immer die Rede von Schuldenschnitt und Schuldenabtragung. Dabei werden in allen öffentlichen Mitteilungen der europäischen Politiker die geopolitischen Realitäten um Griechenland verschwiegen, die viel wichtiger als die wirtschaftliche und finanzielle Lage des Landes sind.[1] Obwohl die griechische Gesellschaft im Prinzip aus dem byzantinischen und osmanischen Despotismus hervorgegangen ist und nie ein echtes Bürgertum wie die übrigen westlichen Staaten entwickelt hat, wurde das Land 1952 in die NATO, 1981 als 10. Mitglied in die EWG (Vorläufer der EU) und 2000 in die Eurozone aufgenommen. Trotz dieser Mitgliedschaften war und ist Griechenland aber gleichzeitig aufgrund der Religionsgemeinschaft der Orthodoxie schon seit seiner Unabhängigkeit vom 7. Februar 1830 vor allem auf Russland hin orientiert. Mit seinen Besuchen beim russischen Präsidenten Wladimir Putin demonstriert der griechische Ministerpräsident in der Gegenwart diese besonderen Beziehungen zu Russland.

Alle erwähnten Mitgliedschaften Griechenlands in den westlichen Bündnissen waren durch die geopolitische Realität bestimmt und dienten vor allem einem Zweck, nämlich die Benutzung der griechischen Häfen durch die sowjetischen und später durch die russischen Seestreitkräfte zu verhindern. Das Herausbrechen Griechenlands aus der EU, aus der Euro-Zone und evtl. gar aus der NATO könnte aber zu dieser Situation führen. Russland würde dann dank einer Allianz mit Griechenland zur Seemacht im östlichen Mittelmeer aufsteigen. Um eine solche Entwicklung zu verhindern, dürften die EU, der IWF und die Staaten der Eurozone dem Land am Ende einen Schuldenschnitt ermöglichen. Im Sinne der gemeinsamen geopolitischen Interessen wird auch der sanfte Druck Washingtons zur Aufgabe des Widerstands einzelner EU- und Euro-Staaten führen.

[1] Kaplan, R.D., The Greek Crisis Is About More Than Money, in: the Wall Street Journal, Thursday, July 2, 2015, p. 16.