Tornado GR Mk1 IDS LangsamflugAngesichts der durch die kommunistische Machtübernahme in den durch die UdSSR besetzten Staaten Osteuropas nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründeten im April 1949 in Washington DC die USA, Kanada, Grossbritannien, Frankreich, die Benelux-Staaten, Dänemark, Island, Italien, Norwegen und Portugal die nordatlantische Bündnisorganisation NATO.[1]

Nichtstrategische Nuklearwaffen: Merkmale

Aufgrund der zahlenmässigen Überlegenheit der konventionellen Streitkräfte der Sowjetunion – die Folge der zu schnellen Demobilisierung der Streitkräfte der USA, Kanadas und Grossbritannien 1945 in Europa – mussten die USA die Unterlegenheit der NATO an konventionellen Streitkräften durch die Verpflichtung des Einsatzes ihrer Bomber mit Nuklearwaffen zugunsten der Europäer ausgleichen. 1949 gelang es der UdSSR durch eine eigene Nuklearexplosion das nukleare Monopol der USA zu brechen.

1953 übernahm in Washington die republikanische Administration des früheren US-Generals und NATO-Oberbefehlshabers Eisenhower die Regierung. Nach der Amtseinsetzung verfolgte die Eisenhower-Administration drei Ziele:

  1. Beendigung des Koreakrieges;
  2. das weitere Vordringen der UdSSR in Europa und in der Welt aufzuhalten;
  3. Einsparungen bei den Staatsausgaben.

Das erste Ziel wurde am 27. Juli 1953 durch den Waffenstillstandsvertrag zwischen der UNO, vertreten durch die USA und ihrer Alliierten, und China und Nordkorea erreicht.

Im Januar 1954 verkündete Eisenhowers Aussenminister John Foster Dulles die Doktrin der Massive Retaliation, der massiven Vergeltung. Ein Gegner – die UdSSR – sollte von einem Angriff selbst begrenzter und lokaler Art durch die Drohung mit thermonuklearer Vergeltung abgehalten werden.[2] Angesichts der Tatsache, dass auch die Sowjetunion ein nukleares Arsenal hatte, bestand die Gefahr, dass in einem Ernstfall die Umsetzung dieser Strategie zu einer gegenseitigen nuklearen Vernichtung der USA und der UdSSR führen würde.

Einsparungen bei den Staatsausgaben wollte die Eisenhower-Administration primär durch die Kürzung der Verteidigungsausgaben, die auch als Folge des Koreakrieges ausgeufert waren, erreichen. Im Wissen aber um die Überlegenheit der Sowjetunion an konventionellen Streitkräften in Europa und der Vermeidung einer nuklearen Vernichtung entschloss sich die Administration für eine Reform der Struktur und Bewaffnung der US-Streitkräfte unter der Bezeichnung New Look. Die Kampfdivisionen der Army sollten verkleinert und mit Nuklearwaffen kleinen Kalibers und kurzer Reichweite ausgerüstet werden. Die Administration strebte eine konsequente Nuklearisierung der konventionellen Streitkräfte vor allem durch die Umwandlung der Divisionen der US Army zur Pentomic Division. Diese Planung bewirkte u.a., dass nukleare Gefechtsköpfe kleinen Kalibers entwickelt und nach Europa verlegt wurden. Auch die Reichweite ihrer Träger – z. B. bei Boden-Boden-Lenkwaffen – wurde immer kürzer. Die Ausrüstung der konventionellen Streitkräfte mit Nuklearwaffen wurde forciert. 1962 führte man das System David Crockett in Europa ein. Es bestand aus einem ungesteuerten Flugkörper mit einem kleinen nuklearen Gefechtskopf. Als Abschussplattform diente ein Jeep.[3]

Alle nuklearen Waffensysteme, die eine kürzere Einsatzreichweite als die strategischen nuklearen Träger (über 5‘500 km) aufweisen, werden heutzutage in den USA und in der NATO als nichtstrategische Waffensysteme (Reichweite unter 5‘500 km) bezeichnet. Die USA haben nach dem Ende des Kalten Krieges schrittweise ihre Raketen (Lenkwaffen) mit nuklearen Gefechtsköpfen aus Europa abgezogen. Verblieben sind etwas mehr als 200 Freifallbomben mit nuklearen Gefechtsköpfen, die von Kampfflugzeugen Tornado IDS [4]und F-16 C/D abgeworfen werden könnten. Die Ergänzung dazu bildet das Nukleararsenal Frankreichs und Grossbritanniens.[5] Frankreich verfügt über 4 strategische U-Boote mit Nuklearantrieb für den Einsatz von ballistischen Lenkwaffen. Dazu kommen noch 20 Kampfflugzeuge des Typ Rafale M F3 für den Einsatz des Marschflugkörpers ASMP-A, ausgerüstet mit einem nuklearen Gefechtskopf. Grossbritannien wiederum verfügt über 4 strategische U-Boote für den Einsatz von ballistischen Lenkwaffen.

Ab Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts kopierte die Sowjetunion die USA, indem sie ihre Divisionen und Armeen mit gelenkten und ungelenkten Raketen in grosser Zahl ausrüstete. Zur Kategorie der ungelenkten Raketen gehörte zu Beginn die Frog-1, die aufgrund der deutschen V-2 entwickelt worden war. Die Frog-1 wurde 1957 eingeführt und wies eine Reichweite von 32 km auf.[6] Der Frog-1 folgten sehr schnell bessere Systeme. Die ballistischen Flugkörper der sowjetischen Landstreitkräfte wurden in die Kategorien der taktischen und operativ-taktischen Raketen unterteilt. Diese Unterteilung dürfte auch heute noch gelten. Die taktischen Raketen haben eine Reichweite von ca. 100km, sind ungelenkt und der Gefechtskopf ist direkt mit dem Raketenkörper verbunden:

„Sie dienen der unmittelbaren Unterstützung der Kampftruppen und sind meist auf der Stufe Division (heute Brigaden) eingeteilt. Die Gefechtsköpfe können nuklear, chemisch oder konventionell sein.“ [7]

 

Die operativ-taktischen Raketen haben eine Reichweite von bis zu 1000 km:

„Bei diesem Waffentyp handelt es sich meist um (zumindest in der Startphase) gelenkte Trägersysteme, welche auf der Stufe der Grossverbände (früher Division/Korps/Armee, heute Brigaden/Militärbezirke) eingesetzt werden. Die Gefechtsköpfe können ebenfalls nuklearer, chemischer oder konventioneller Natur sein.“ [8]

Die russischen Landstreitkräfte sind in der Gegenwart als nukleare Trägersysteme mit 70 9K79 Tochka-Raketen (SS-21 Scarab) und 50 9K720 Iskander-M-Raketen (SS-26 Stone, mögliche Reichweite über 500km) ausgerüstet. Für nukleare Einsätze (Lenkwaffen, Bomben) verfügen die Luftstreitkräfte über 63-136 Mittelstreckenbomber Tu-22M3/MR Backfire C, 150-162 Jagdbomber Su-24M/M2 Fencer, 18-46 Jagdbomber Su-34 Fullback und 18 Jagdbomber MiG-25 Foxbat D/F. Verschiedene U-Boote und Kriegsschiffe der Seestreitkräfte verfügen über Lenkwaffen und Torpedos, die mit nuklearen Gefechtsköpfen ausgerüstet sind. Insgesamt soll Russland zum gegenwärtigen Zeitpunkt über 860-1‘040 nukleare Gefechtsköpfe als nichtstrategische Nuklearwaffen einsatzbereit haben, wovon 207-252 dem westlichen Militärbezirk zugewiesen sein sollen und damit in einem Ernstfall gegen die NATO eingesetzt würden.[9] Je nach Waffentyp bzw. Trägersystem dürften die Gefechtsköpfe eine Sprengkraft von bis zu 100 KT[10] (5 bis 6-mal die Sprengkraft der Hiroshima-Bombe) aufweisen.

In den letzten Jahrzehnten haben sowohl die USA als auch Russland die Sprengkraft der Gefechtsköpfe für die nichtstrategischen Nuklearwaffen immer mehr verkleinert.

Mittel der Abschreckung und Kriegführung

Nach ihrem Amtsantritt 1961 musste die Kennedy-Administration so schnell als möglich die gefährlichen Unklarheiten bezüglich des Einsatzes der nichtstrategischen Nuklearwaffen der USA in Europa beseitigen. Als Sofortmassnahme wurden gefährliche Waffensysteme wie die David Crockett in die USA zurückgeholt. Anschliessend wurde für den Einsatz des gesamten Spektrums der Waffensysteme, beginnend mit den konventionellen Streitkräften bis zu den strategischen Nuklearwaffen, die Doktrin der Flexible Response formuliert und umgesetzt:

„Die Streitkräfte der Vereinigten Staaten sollen im Verein mit denjenigen der Alliierten stark genug sein, nichtnukleare, begrenzte, subversive und Bandenkriegführung in allen Fällen, in denen ein nuklearer Gegenschlag nicht gerechtfertigt wäre, durch Abschreckung zu verhindern. Wenn ein grösserer Angriff nicht durch konventionelle Streitkräfte abgewiesen werden kann, müssen die Vereinigten Staaten zu jeder Gegenaktive mit jeder Art Waffen bereit sein. Alle Antworten auf einen Angriff müssen ihm angepasst, überlegen gewählt, schnell und wirksam sein.“ [11]

Erst 1967 übernahm die NATO die Flexible Response (Flexible Erwiderung) als die offizielle Strategie und Doktrin. Der Einführung dieser Strategie leistete Frankreich Widerstand, das am Ende aus der gemeinsamen militärischen Führungsstruktur austrat. Mit der Flexible Response waren alle Unklarheiten bezüglich des strategischen Wertes und des Einsatzes der nichtstrategischen Nuklearwaffen der USA und der NATO in Europa ausgeräumt worden. Diese Waffensysteme wurden in die Eskalationsleiter der Abschreckung gegenüber einem allfälligen Angriff der UdSSR zum Bindeglied zwischen konventionellen Streitkräften und dem strategischen Nukleararsenal der USA. Um glaubwürdig zu wirken, musste auch die Kriegführungsfähigkeit der nichtstrategischen Nuklearwaffen gegeben sein. Bis auf den heutigen Tag sind die USA mit ihren NATO-Alliierten gemeinsam für die Zielplanung und Einsatzfreigabe der nichtstrategischen Nuklearwaffen in Europa verantwortlich.

Auf sowjetischer Seite wurde eine andere Doktrin des Einsatzes der nichtstrategischen Nuklearwaffen gewählt. Entsprechend ihrer Eingliederung in die Grossen Verbände wurden diese Waffensysteme als eine Art schwerer Artillerie betrachtet. Offenbar wurde damit auch die Einsatzfreigabe von der politischen Führung an die Kommandanten der Grossen Verbände (ab Stufe Division) delegiert. Diese erhielten die Kompetenz, zwischen drei Einsatzarten zu wählen:[12]

  1. mit einem einzelnen Flugkörper (Lenkwaffe) war ein Ziel in einem Einzelschlag zu bekämpfen;
  2. in einem Gruppenschlag war ein Ziel mit mehreren Flugkörpern gleichzeitig zu bekämpfen;
  3. bei einem massierten Schlag waren alle verfügbaren Mittel gleichzeitig gegen das gesamte Dispositiv eines Gegners einzusetzen.

Der Zielkatalog der nichtstrategischen Nuklearwaffen der UdSSR umfasste folgende Objekte:[13]

  • gegnerische ballistische Flugkörper
  • Flugplätze
  • Fliegerabwehrlenkwaffen-Stellungen
  • grosse Truppenansammlungen
  • Führungszentralen
  • Gefechtsstände
  • Materialdepots
  • Übermittlungszentralen
  • andere wichtige Objekte im rückwärtigen Operationsgebiet

Bis zum Zusammenbruch der UdSSR wurde an dieser Einsatzweise der nichtstrategischen Nuklearwaffen festgehalten.

Drohmittel im Hybriden Krieg

Seit der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland führt Moskau gegen die Ukraine einen Hybriden Krieg. Verdeckt werden eigene Truppen und Soldaten auf der Seite der russischen Separatisten eingesetzt. Diese wiederum werden mit modernsten Waffensystemen Russlands ausgerüstet, über die die Ukraine gar nicht verfügt. Begleitet wird der Krieg in der Ostukraine durch eine geschickte Propaganda in Europa mit dem Ziel, die Europäer gegen ihre Schutzmacht USA aufzuhetzen. Gleichzeitig werden nationalistische Gruppen und Parteien in Europa in ihrer Auseinandersetzung mit Brüssel finanziell unterstützt. Gaslieferungen werden von Moskau wiederholt als Erpressungsmittel gegenüber Kiew eingesetzt und die Lancierung von Pipelineprojekten wie Turkish Stream soll der Torpedierung der gemeinsamen Energiepolitik der EU dienen.

Als Drohkulisse gegenüber der NATO führt Moskau in der Ostsee, im Polarmeer und an der Grenze zu den baltischen Staaten grössere Manöver mit nuklearfähigen Bombern und Jagdbombern sowie mit Kriegsschiffen und Landstreitkräften durch. An der Grenze zur Ukraine werden die russischen Streitkräfte einmal aufgestockt und ein anderes Mal verkleinert. Zunehmend wird das konventionelle Drohpotential Russlands in den letzten Monaten von einer angedrohten Verlegung von nichtstrategischen Nuklearwaffen wie die Lenkwaffen Iskander-M in die russische Enklave Kaliningrad und in die Krim begleitet. Gleichzeitig droht Moskau für den Fall einer Verletzung seiner territorialen Interessen und Gebiete mit dem Einsatz seiner Nuklearwaffen. Offenbar ist das Drohpotential der nichtstrategischen Nuklearwaffen wie Iskander-M zur Grundlage des durch Russland in Europa geführten Hybriden Krieges geworden.

Könnten die Drohungen Moskaus zu einer Kriegführung mit nichtstrategischen Nuklearwaffen eskalieren?

Während die NATO in den letzten Jahren bemüht war, den Bestand an nuklearen Freifallbomben für die Kampfflugzeuge zu verkleinern und am Ende ganz aus Europa abzuziehen, hat Moskau die nichtstrategischen Nuklearwaffen betreffend eindeutig eine Kehrtwendung vollzogen. Diese sind heute zu einem Bestandteil des russischen Hybriden Krieges geworden. Aufgrund eines oberflächlichen Augenscheins könnte man eine Rückkehr zur Einsatzplanung der UdSSR vermuten. Dies ist nicht der Fall. Die nichtstrategischen Nuklearwaffen sind zu einem Drohmittel der politischen Führung Putins und seines „Politbüros“ in ihrem Hybriden Krieg geworden. Damit sind diese Nuklearwaffen zu politischen Waffen geworden. Im Gegensatz zur Berechenbarkeit ihres Einsatzes durch die militärische Führung zur Zeit des Kalten Krieges ist heute ihr Einsatz als politische Waffe unberechenbar geworden. Sollte Moskau seinen Hybriden Krieg gegen die Ukraine und die NATO verlieren, dann könnte die Situation eintreten, dass Moskau sich zur Vermeidung eines Gesichtsverlustes und auch zum Ausgleich der eigenen militärischen Unterlegenheit gegenüber dem Luftkriegspotential der USA gezwungen sähe, auf den Einsatz von nichtstrategischen Nuklearwaffen zurückzugreifen. Die virtuelle Drohung mit den nichtstrategischen Nuklearwaffen könnte aufgrund der katastrophalen Fehleinschätzungen Moskaus zur Wirklichkeit eines Nuklearkrieges eskalieren.

[1] Stahel. A.A., USA – UdSSR Nuklearkrieg? Die Arsenale der beiden Supermächte 1945-1982, Verlag Huber Frauenfeld, 1983, S.16/17.

[2] Schwarz, U., und L. Hadik, Strategic Terminology, A Trilingual Glossary, Econ-Verlag, Düsseldorf, Wien, 1966, p. 79.

[3] Gunston, B., Die illustrierte Enzyklopädie der Raketen und Lenkwaffen, Buch-Vertriebs-Gesellschaft Zürich, 1981, S. 39.

[4] The Military Balance 2015, The International Institute for Strategic Studies, London, 2015, p. 98, 53.

[5] The Military Balance 2015, p. 91/148.

[6] Gunston, B., S. 24/25.

[7] Herren, A.P., Die Abwehr von ballistischen Flugkörpern, in: Konflikte und Kriege, Simulationstechnik und Spieltheorie, A.A. Stahel (Hrsg.), vdf, Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 1999, S. 94.

[8] Herren, A.P., S. 94.

[9] Hedenskog, J. and V. Pallin (eds.), Russian Military Capability in a Ten-Year Perspective -2013, FOI, Stockholm, December 2013, p. 36.

So auch The Military Balance 2015, p. 186-191.

[10] Isby, D.C., Weapons and Tactics of the Soviet Army, Jane’s Publishing Company Limited, London, Third Impression 1985, p. 211.

[11] Schwarz, U. und L. Hadik, p. 71/72.

[12] Herren, A.P., S. 102/103,

[13] Herren, A.P., S. 103.