Kreml und Basilius-Kathedrale Nov 1991Das Vorgehen Russlands bei der Inbesitznahme der Halbinsel Krim und der Krieg in der Ost-Ukraine werden von der NATO in der Gegenwart „Hybrider Krieg“ genannt. Auch die Kriegführung des Islamischen Staates wird vom Pentagon so bezeichnet. Um welche Kriegsart handelt es sich dabei?

 

Die marxistisch-leninistische Kriegswissenschaft

Eine genaue Analyse des Vorgehens Moskaus und der Kriegführung des Islamistischen Staates lässt erkennen, dass im „Hybriden Krieg“ zwei Arten der Kriegführung eingesetzt werden: der konventionelle (reguläre) Krieg und die Guerilla. Diese beiden Kriegsarten werden durch die Taktik des Terrorismus (Form der Kriegführung), den Einsatz der Sozialen Medien und der Informatik ergänzt. Mit Ausnahme der Informatik ist der „Hybride Krieg“ in seinem Wesen und seinen Zielen keine neue Erfindung der Kriegstheoretiker. Alle Vordenker der marxistisch-leninistischen Kriegswissenschaft, beginnend mit Friedrich Engels (1820-1876), dem Freund von Karl Marx (1818-1883), haben sich mit dem kombinierten Einsatz des konventionellen Krieges und der Guerilla für die Durchsetzung einer Revolution auseinandergesetzt.[1]

Engels Thesen wurden von allen nachfolgenden Vertretern der marxistisch-leninistischen Kriegstheorie übernommen, bearbeitet und ergänzt. Zu ihnen gehören:

  • Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924)
  • Mao Zedong (1883-1976)
  • Vo Nguyen Giap (1911-2013)
  • Ernesto „Che“ Guevara (1928-1967)
  • Carlos Marighela (1911-1969)

Jeder dieser Kriegstheoretiker postulierte in den von ihm verfassten Werken den kombinierten Einsatz der beiden Kriegsarten. Nur durch diese Kombination würde eine Revolution zum Sturz der herrschenden Klasse führen. Der Verstoss gegen dieses Postulat dürfte auch zum Scheitern der Roten Armee Fraktion in der Bundesrepublik Deutschland in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts beigetragen haben. In Ausserachtlassung der Wirklichkeit haben sich die Aktivisten der RAF schlussendlich als reine Pistoleros und Mörder betätigt.

 

Die sowjetisch-russische Militärwissenschaft

Lenins marxistisch basierte Kriegstheorie hat massgebend zur Entstehung der sowjetischen Militärwissenschaft beigetragen. Dies kann anhand eines Studiums der Schriften des Bolschewikengenerals M.W. Frunse erkannt werden. Sein Operationsplan vom 25. August 1920 für die Eroberung des unabhängigen Emirats Buchara könnte Wladimir Putin als Vorbild für die Inbesitznahme der Krim gedient haben. Alle Mittel der heute als „Hybrider Krieg“ bezeichneten Kriegsart wurden von Frunse bei der Eroberung Bucharas eingesetzt, so Flugblätter, Freikorps des „Volks von Buchara“ usw. Innert eines Tages – 29. August 1920 – war die Eroberung abgeschlossen.[2]

Unter Stalins Herrschaft blieben die Schriften von Frunse beinahe unbeachtet. Erst nach dem Tod des Georgiers wurde dieser Klassiker in der sowjetischen und später in der russischen Militärwissenschaft wieder beachtet. Sein Gedankengut floss in die Umsetzung der sowjetischen Invasionen bei Brudervölkern ab 1956 bis 1991 ein. Ein Beispiel dafür ist die Liquidierung des afghanischen Machthabers Hafizullah Amin am 23./24. 12. 1979 durch die Eliteeinheit Alpha des KGB.[3] Auch hier wurde der Einsatz der Eliteeinheit sowie der weiteren Kampfverbände durch Falschinformationen, die von den sowjetischen Botschaften in der gesamten Welt verbreitet wurden, unterstützt.[4]

Die heute von Moskau betriebene Propaganda bezüglich des Krieges in der Ost-Ukraine weist viele Gemeinsamkeiten mit der Propaganda nach der Liquidierung Amins auf.

 

Die USA haben in ihrer Kriegsgeschichte beinahe alle „Hybriden Kriege“ verloren

Was die USA betrifft, so haben sie in ihrer neueren Kriegsgeschichte bis anhin alle von ihnen geführten „Hybriden Kriege“ verloren haben. Dazu gehören:

  • der Vietnamkrieg 1965-75, z.B. gegen den vietnamesischen General Giap
  • der Irakkrieg von 2003-2011
  • der Afghanistankrieg 2001-2014

Eine gewisse Ausnahme in dieser Kette von Desastern bildet die Unterstützung der Mujaheddin gegen die UdSSR von 1978-1991 mit Waffen. Aufgrund eigener Erfahrungen muss allerdings bemerkt werden, dass diese Unterstützung teilweise dilettantisch und grotesk geleistet wurde und am Ende durch den Finanzierungsmodus dieses Krieges sogar zur explosionsartigen Verbreitung des Schlafmohnanbaus in Afghanistan beigetragen haben dürfte.

[1] Stahel, A.A., Terrorismus und Marxismus, Marxistisch-Leninistische Konzeptionen des Terrorismus und der Revolution, Huber u.Co.AG, Frauenfeld, 1987, S. 26-32.

[2] Frunse, MW., Ausgewählte Schriften, Direktive an die Truppen der Turkestanischen Front, Verlag des Ministeriums des Innern, (Ost-)Berlin, 1955, S. 108-111.

[3] Boltunow, M., Terrorprofis, Geschichte der geheimsten KGB-Einheit, Verlag Das Neue Berlin, Berlin , 1994, S. 57-107.

[4] Allan, P., et al., Sowjetische Geheimdokumente zum Afghanistankrieg (1978-1991), vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, 1995, S. 387-405.

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